Auf ein Bier mit den Obdachlosen von Beograd, an einer Ecke wo Glanz und Elend aufeinanderprallen. Über das Leben am Rande einer Hauptstadt. Und die Wichtigkeit von Straßenbahnen.

Der Mann auf der Bank des Sebilj stützt sich auf und winkt mir freundlich zu. Er setzt sich auf und bewegt Zeige- und Mittelfinger vor den Mund, zieht die Lippen ein, bewegt die Finger wieder weg und bläst die Lippen auf. Er fragt, ob ich eine Zigarette für ihn hätte.

Hab ich. Ich geb ihm Feuer. Der Unbekannte lächelt und inhaliert tief.

Er wirkt etwas ungepflegt. Die Haare etwas fettig, der Bart etwas zersaust. Auf seinen Armen die typischen Ödeme von Menschen, die längere Zeit nicht gebadet oder geduscht haben. Die Zähne, die unter seinem Bart hervorschimmern, sind in schlechtem Zustand.

Er dürfte um die 50 sein, sofern man das bei Obdachlosen sagen kann, ist eher klein und gedrungen mit einem kleinen Bauch.

„Hättest du auch eine für meinen Freund?“ „Sicher.“

Der Fremde beugt sich um die Kante des achteckigen Brunnens und rüttelt mit seinem Arm an irgendwas oder irgendwem. „Heh, komm.“

Man hört, wie sich um die Ecke jemand bewegt. Es erscheint ein zweiter Mann, jünger und größer als der erste. Er wirkt etwas verschlafen.

„Das ist Ivan“, sagt der ältere und deutet auf seinen Freund. „Ich heiße Milan“. „Freut mich, Christoph“.

Auch Ivan freut sich über eine Drina. Milan deutet mir, ich solle mich hinsetzen.

Milan bringt mich zum Klub

Er wechselt von seinem gebrochenen Englisch auf Naški. Das spreche ich wiederum nur gebrochen, aber Milan und Ivan sind erfreut, dass ich überhaupt in ihrer Sprache radebrechen kann. „Du sprichst gut“, sagt Milan. Das ist ein nettes Kompliment und genau das.

Er ist aus Beograd, erzählt mir Milan, der bislang großteils das Wort geführt hat. „Seit zehn Jahren lebe ich auf der Straße“.

Er hat lange in einer Fabrik gearbeitet. Die wurde verkauft und dichtgemacht. Seitdem ging es offensichtlich bergab. „Ich hab auch Familie hier, aber die wollen mir nicht helfen“, sagt er und wirkt verbittert.

Die Familie, das ist hier viel stärker als im reichen Westen das eigentliche soziale Sicherheitsnetz. Wenn die einen fallen lässt, fällt man leicht ins Bodenlose.

Früher ist er viel herumgekommen. Deutschland, Italien. Auch Wien. Dort hat sein Bruder gelebt.

„Willst du ein Bier“, fragt mich Milan und zieht aus seiner Manteltasche drei Dosen Nikšićko. Er gibt Ivan und mir eine und öffnet seine.

Als wir ausgetrunken haben, gehe ich in den kleinen Supermarkt auf der anderen Straßenseite und hole Nachschub. „Geht auch eine Flasche Rakija?“ fragt Milan. Geht.

„Komm mit“, sagt mir Milan, als ich zurückkomme. „Ich möchte dich unserem Klub vorstellen“. „Klub?“ „Ja, man braucht einen Klub“.

Vorher macht er noch die Flasche Schnaps auf und nimmt einen Schluck. Ivan bedient sich auch. Ich passe.

Milan geht voran, ich folge ihm. Ivan trottet hinterher.

Keine 20 Meter weiter, hinter dem Brunnen, sitzen ein paar Männer jenseits der 40 auf einer Bank. Ein kleinerer, hager, Weißhaariger um die 50 steht lässig davor.

Glanz und Elend prallen aufeinander

„Das ist Christoph aus Wien“, stellt er mich vor. „Das sind unsere Freunde“, sagt Milan mit breitem und stolzem Lächeln. „Wir sind jeden Nachmittag hier.“

Der Platz samt Brunnen und Bank hier ist sowas wie ihr Revier. Er ist das Ende der Skadarska Ulica. Entlang der Straße liegt Skadarlija, das Vergnügungsviertel Beograds.

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Es hat ein wenig vom Quartier Latin in Paris, inklusive Pflastersteine und eine für die Verhältnisse der Stadt erstaunlich alte fast durchgehende Bausubstanz aus dem 19. Jahrhundert. Manche Häuser sind sogar älter. Viele solcher Ecken gibt es nicht in der Stadt, die die deutsche Luftwaffe 1941 in Schutt und Asche gelegt hatte.

Hier reiht sich Touristenfalle an Touristenfalle an hippe Bar an traditionelle Kafana an Musikclub, treffen sich die jungen und wohlhabenderen Bürger der Stadt, westliche Touristen und Künstler und lassen sich Nacht für Nacht bis in den Morgen von Roma Bands und seltener DJs unterhalten.

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Die Kafane sind für die Mitglieder des Klubs ein ferner Traum aus besseren Tagen.

Mit den Touristen haben sie nicht viel zu tun, sagen meine neuen Freunde. Kaum einer unterhält sich je mit ihnen.

Zum einen liegt der Platz gerade nicht mehr auf der Route eines typischen Beograd-Touristen. Zum anderen gewöhnt man sich in dieser Stadt sehr schnell daran, dass Glanz und Elend nahtlos ineinander übergehen.

Zum Frühstück hat ein junger Straßenmusikant auf der Einkaufsmeile Knez Mihajlova auf seiner Harmonika Djurdjevan in Dauerschleife gespielt, vor sich eine Pappschachtel für Spenden. Dreißig Meter weiter Richtung Kalamegdan eine alte Romni, die im Schneidersitz an eine Hausmauer gelehnt ihren Lebensunterhalt erbettelte. Pension habe sie keine, sagt sie mir.

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Am Brunnen auf der Terazije sitzen junge Männer und verkaufen Ramsch und Telefonwertkarten. Nicht mal für die Standgebühr reicht das Geld.

Beim Zeleni Venac, dem größten Markt im Stadtzentrum Bettlerinnen und Obdachlose auf den Zugangsstiegen zu jeder Tageszeit.

Wenn du drei Tage mit offenen Augen durch Beograd gehst, gehört eine kleine Gruppe Obdachloser schon praktisch zum Lokalkolorit.

Zwischen Armenküchen und Mistkübeln

Das einzig Überraschende ist, wie wenig Obdachlose es in der Stadt geben soll. Die gängigen Schätzungen in den Medien liegen zwischen 600 und 2.000. Andere Berichte sprechen von 18.000 Obdachlosen in ganz Serbien. Das Gros würde man in Beograd erwarten. Große Städte bieten bessere Überlebenschancen für Menschen auf der Straße.

Selbst hier gibt es Armenküchen, Obdachlosenasyle und Sozialämter. Und zur Not Mistkübel, die man nach Essbarem durchsuchen kann, wie mir der erzählt, den sie Ingenieur nennen. Er scheint der in der Gruppe zu sein, der halbwegs regelmäßig Arbeit zu haben scheint.

Die anderen suchen nach Gelegenheitsjobs, stehen bei Ämtern und anderen Einrichtungen oder suchen regenfeste Quartiere. Da und dort gibt’s einen Kioskbesitzer, der ein wenig Essen hergibt.

Schlafplatz „tramvej“

Wo die Leute schlafen? „In der tramvaj“, erzählt mir der stolz, den sie Sarajević nennen und das Wort klingt auf Naški genauso wie im traditionellen Wienerischen. Wie alle Klubmitglieder mit Ausnahme Milans kommt er nicht von hier sondern ist noch zu jugoslawischen Zeiten aus Bosnien hierhergekommen.

„In der Straßenbahn?“, frage ich ungläubig und interessiert zugleich. „Ja, in der Zweierlinie. Die fährt gleich hier. Die fährt einen Rundkurs. Da steigen wir in der Nacht ein und schlafen ein wenig.“

Die meisten Schaffner lassen sie schlafen. Nur ein paar nehmen es ganz genau und verjagen sie, erzählen mir meine neuen Freunde.

Manchmal hat man sogar Glück und die Garnitur wird in die Remise eingezogen. Dann kann man ein paar Stunden ohne Unterbrechung durchschlafen. Vorausgesetzt, kein Kontrollor kommt.

Über die Obdachlosen der Zweierlinie ist im Vorjahr ein Dokumentarfilm gedreht worden. Hotel Dvojka heißt er.

„Das funktioniert, weil die Zweierlinie einen Rundkurs um die innere Stadt fährt“, erzählt mir der Beograder Journalist, Musikverleger und Buchautor Petar Janjatović später. „Die Straßenbahnlinie trennt interessanterweise den „besseren“ Teil der Stadt vom Rest. Innerhalb der Linie wohnen die Wohlhabenderen und Gebildeteren. Außerhalb die normalen Beograder, die Arbeiter, die Ärmeren.“

Der Traum der Duhana Fabrika Sarajevo

Als ich nach Zigaretten greife, um sie anzubieten, stelle ich fest, dass ich zwei offene Packungen in meinen Jackentaschen habe. Rechts die roten Drina aus Niš um 200 Dinar die Packung und links die weißen Drina aus Sarajevo à 180 Dinar, die es – interessanterweise – auch in Serbien zu kaufen gibt.

Ich halte beide den Leuten entgegen.

Zoki aus Mazedonien, ein Brillenträger, überlegt keine Sekunde. Als sein Blick auf die weiße Packung fällt, strahlt er über das ganze Gesicht, fast, als sei er ein kleines Kind vor dem Weihnachtsbaum. Die rote würdigt er keines Blickes.

Auch die anderen bedienen sich aus der weißen Packung aus Sarajevo. Keiner muss lange überlegen.

Die Erzeugnisse der Fabrika Duhana Sarajevo scheinen sich nach wie vor großer Beliebtheit zu erfreuen in Ex-Jugoslawien. Auch wenn es ihr berühmtestes Produkt nicht mehr gibt. Die Sarajevo Malboro galten als die besten der Welt. Die Drina waren die Billigvariante für Arbeiter.

„Selbst im Krieg haben die Soldaten bei kurzen Feuerpausen über die Schützengräben getauscht“, erzählt mir später Jovan Divjak, jugoslawischer und bosnischer Ex-General, der Verteidiger von Sarajevo und heutige Leiter eines Bildungshilfswerks für Kinder. „Die serbischen Soldaten haben ihr Essen gegen die Zigaretten der bosnischen Soldaten getauscht.“

Zumindest an diesem Platz scheint diese Magie noch zu leben.

Clochards oder Beskućnici?

„So leben wir Clochards von Beograd“, sagt Sarajević. Er scheint so etwas wie der Chef der Gruppe zu sein, auch wenn sonst keine Hierarchie erkennbar ist.

„Wieso sagt du Clochards?“, fragt Zoki. „Wir sind Beskućnici, Obdachlose. Bring doch unserem Freund aus Wien keine falschen Worte bei.“

Es entspinnt sich eine kurze Diskussion, wie man sich selbst am besten nennt. Ich kann dem bestenfalls zur Hälfte folgen. Es endet mit der Feststellung von Sarajević: „In Paris, da darfst du dich erst nach drei Jahren Clochard nennen. Vorher bist du einfach nur ein Beskućnik. Du wirst Clochard, weil du dich dafür entscheidest. Das ist eine Art zu leben.“

Selbst bestimmen wie man genannt wird, bewahrt einem auch am Rande der Gesellschaft Würde.

Ganz unten sind alle gleich

Es ist vier geworden. Zwei Jugendliche gesellen sich zu uns. Zwei Brüder aus einem der Roma-Ghettos der Stadt und ihrem Umland. Der Klub begrüßt sie herzlich. Sie scheinen dazuzugehören.

Die landesübliche Trennung in „weiße“ und „schwarze“ Serben, in Gadji und Roma, scheint es ganz unten nicht zu gegeben. Abgeschafft wegen Gegenstandslosigkeit. Ganz unten sind alle gleich.

Sie haben auch Nachschub mitgebracht. Cola und Rotwein. Mithilfe einer leeren Plastikflasche wird das sofort gemischt und gleich in der Flasche rumgereicht. Ich habe glücklicherweise noch etwas Bier in der Dose.

Auch ein weibliches Klubmitglied stößt dazu. Sie scheint anfangs ein wenig irritiert von meiner Anwesenheit. Nachdem sie die anderen beruhight haben, ergießt sich ihr freundlich gemeinter Redeschwall auf mich. Ich verstehe nicht einmal die Hälfte. Sie sprich zu schnell.

Wie auch Sarajević, wenn sie gerade Pause macht.

Brot für die Armen

Der Ingenieur ist weggegangen.

Die Flasche Rakija ist leer. Es sind auch mittlerweile acht Leute, die sich daran gütlich getan haben. Kein Grund zur Besorgnis. Ich gehe Nachschub holen.

Praktisch zugleich mit mir kommt der Ingenieur zurück. Er trägt ein paar Laib Brot mit sich.

„Nach vier gibt es ein paar Bäckereien, die geben das Brot vom Morgen nach vier gratis her“, erklärt mir Sarajević.

Andere Bäckereien in der Stadt nehmen am Programm „Hl(j)eb za kasnije“ teil. Ein Spender oder eine Spenderin kauft beim Einkauf ein Brot für Bedürftige mit. Das können sich Betroffene abholen. Die Bäckereien tun ihre Teilnahme per Sticker am Eingang kund.

Das Programm gibt es in fast allen Ländern Ex-Jugoslawiens. Besonders verbreitet ist es in Bosnien. „Ich kaufe jedes Mal ein Extrabrot für Bedürftige“, sagt mir später die Fotografin Majda Turkić aus Sarajevo.

Um Ivan ist es nicht so gut bestellt

Ivan wirkt mittlerweile ziemlich betrunken. Sein Gesicht ist gerötet, seine Augen glasig.

Seit sechs Jahren lebt er auf der Straße, hat er mir erzählt. In Montenegro war er Maler, hatte einen Unfall. „Ich war auf Rehabilitation, aber ich hab immer noch Schmerzen im Rücken.“ Er kam nie wieder auf die Beine, verlor die Wohnung, strandete hier.

Er nimmt einen langen Zug von der Rakija.

„Nije to voda“, herrscht ihn Milan an. „Das ist kein Wasser.“ Er nimmt ihm die Flasche weg. Ivan greift noch einmal danach, vergeblich, und beginnt mit Milan zu diskutieren. Dann wankt er Richtung Brunnen und legt sich außerhalb unseres Blickfeldes nieder.

Ich mache mir etwas Sorgen um ihn. Die anderen bedeuten mir, das sei halt so.

Die Sonne wird langsam rötlich. Die Nacht nähert sich. In zwei, drei Stunden werden die Mitglieder des Klubs ihre Schlafplätze in der Zweierlinie einnehmen. Auf unbequemen Holzsitzen, aber wenigstens im Trockenen und Warmen.

Bleibt zu hoffen, dass sie auf keinen besonders genauen Schaffner treffen. Und die Straßenbahn vielleicht sogar in der Remise abgestellt wird.