Er ist eine lebende Legende: Jovan Divjak. Er hat Sarajevo im Bürgerkriegs vor dem Fall bewahrt und widmet sein Leben seit 20 Jahren den benachteiligten Kindern seines Heimatlandes Bosnien. Im Gespräch mit Balkan Stories spricht Divjak über die Herausforderungen für seine Organisation „Obrazovanje gradi Bosnu i Hercegovinu/Bildung baut Bosnien und Hercegovina“ und darüber, was das Land braucht, um den Krieg zu überwinden.

„Hatten wir den Termin nicht erst morgen ausgemacht?“ fragt Jovan Divjak, als ich in sein Büro komme. In ein paar Minuten kommt Darko Šobot, ein bildender Künstler und stellvertretender Dekan der Kunst-Akademie in Sarajevo.

Šobot hat mehrere Metall-Workshops für Schüler und Studenten organisiert. An einigen nehmen auch Schüler teil, die ein Stipendium der Organisation „Obrazovanje gradi Bosnu i Hercegovinu“ (OGBH) haben, deren Leiter Divjak ist.

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„Aber egal, trinken wir zuerst mal einen Kaffee und dann schauen wir, wie wir das mit dem Interview machen“.

Etwas mehr als 300 Schülerinnen und Schüler unterschiedlichen Alters ermöglicht OGBH mit seinen Stipendien, eine Schule zu besuchen.

Mit dem Geld können sich die Kinder aus benachteiligten Familien die in Bosnien teuren Schulbücher leisten, die oft weite Busfahrt in eine weiterführende Schule, Schulgebühren oder auch einfach nur wenigstens eine warme Mahlzeit am Tag.

Die Spenden sind weniger geworden

Seit 22 Jahren gibt es die Organisation. „Mehr als 6.000 Kindern und Jugendlichen haben wir bisher helfen können“, erzählt Divjak stolz. „Dieses Jahr sind es leider nur mehr etwas mehr als 300. Vor ein paar Jahren noch waren es fast doppelt so viele.“

Allein, die Spenden für die Organisation werden nicht mehr. Man muss sich nach der Decke strecken. Obwohl OGBH mit Mersiha Turudija und Edin Bećarević ohnehin nur zwei bezahlte Mitarbeiter hat. Divjak arbeitet seit Beginn ehrenamtlich.

Die Sparsamkeit der Organisation wird besonders betont. Sie spiegelt sich auch im Sitz von OGBH wieder. Ein zweistöckiges Einfamilienhaus im wenig glamourösen Stadtteil Grbavica, irgendwo zwischen Zentrum und Stadtrand. Jeder Cent – oder genau genommen jeder fenig – geht an die Kinder, lautet die Botschaft.

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Anders als bei vielen anderen NGOs, zumal internationalen, hat niemand einen Grund, das zu bezweifeln. Divjak steht für Geradlinigkeit, Ehrlichkeit und wenn’s sein muss auch für Sturheit und ist einer der wenigen Menschen im Land, denen Angehörige aller Volksgruppen größten Respekt entgegenbringen.

Ein zersplittertes Bildungssystem

Dass die Mittel für OGBH knapp sind, hat auch damit zu tun, dass die Organisation darauf besteht, Kindern aus beiden Landesteilen zu helfen: Der Federacija, dem bosnjakisch-kroatischen Teilstaat, und der serbisch dominierten Republika Srpska. Und sie unterstützt Kinder aller Ethnien und Volksgruppen im Land.

Das ist keine Selbstverständlichkeit. Bosniens Bildungssystem ist zersplittert. Die drei konstitutiven Volksgruppen Bosnjaken, Serben und Kroaten haben je ein eigenes. Eines, das jeweils von nationalistischen Gruppierungen gekapert wurde.

Sie bestimmen, wer Schulen leiten darf, was in den Schulbüchern steht und was in den Lehrplänen. Die jeweiligen nationalistischen Diskurse ziehen sich durch bis auf die akademische Ebene und die Lehrerausbildung.

Ein landesweites Bildungsministerium gibt es nicht, nur eine Regierungsbehörde mit unklaren Kompetenzen.

Dass es nicht einmal einen Minimalkonsens gibt, welches Bild der bosnischen Geschichte und Kultur den Schülern vermittelt wird, versteht sich bei dieser Konstellation von alleine.

Es wird ein langer Weg

Diese Trennung hofft Divjak mit seiner Arbeit zu überwinden. Er weiß, dass das ein langer Weg sein wird. Und auch bei OGBH bekommt man die Angst und das Misstrauen gegenüber anderen Volksgruppen zu spüren, mit denen viele Kinder hier aufwachsen.

„Bei uns hat sich ein Junge aus der Republika Srpska um ein Stipendium beworben. Auf die Frage, warum er die Unterstützung braucht, hat er geschrieben: Mein Vater ist im Krieg von einem bosnischen Soldaten getötet worden.“

Die Unterstützung hat der Bub bekommen, wenn auch aus anderen Gründen: „Er hatte alle Unterlagen zusammen, er hat das Stipendium wirklich gebraucht.“

Es sind Geschichten wie diese, die auch einen Beobachter mit Balkan-Erfahrung schlucken lassen. Divjak nimmt das gelassener. Er kennt sein Land und die Wunden, die der Krieg geschlagen hat.

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Immer seinen Landsleuten verpflichtet, nicht den Mächtigen

Seine Gelassenheit, als er die Geschichte erzählt, darf man nicht mit einem Mangel an Empathie verwechseln oder gar mit Zynismus. Einem Menschen nicht zu helfen, wenn er könnte, gar einem Kind, das würde Divjak im Traum nicht einfallen. Ganz im Gegenteil.

Gegen Ungerechtigkeit geht er auch mit 79 mit Verve vor, geißelt öffentlich die, die Kindern solche Gedanken und Gefühle einpflanzen. Mit solch einem Engagement macht man sich keine Freunde unter den Mächtigen im Land, aber denen fühlt sich Divjak ohnehin nicht verpflichtet sondern seinen Landsleuten.

Der Mann kann nicht anders. Als der Krieg in seiner Heimat Bosnien ausbrach, meldete sich der General der JNA sofort zur neu geformten bosnischen Armee.

Er war einer von nur zwei nicht bosnjakischen Mitgliedern des Generalstabs und die tonangebenden bosnjakischen Nationalisten, allen voran Präsident Alija Izetbegović, wollten ihn eigentlich nicht haben. Aber man brauchte ihn, um nach außen eine multiethnische Armee darstellen zu können.

Statt ein multiethnisches und tolerantes Bosnien hatten sie einen Staat unter bosnjakischer Vorherrschaft mit klaren ethnischen Grenzen im Sinn. Damit standen sie im Gegensatz zu Divjak und der Mehrheit der Soldaten und der Bevölkerung, die die gewaltsame Zerstückelung des Landes durch Serben und Kroaten verhindern wollten.

Divjak schlug unter anderem einen Sturmangriff der JNA und serbischer Milizen auf Sarajevo zurück und bewahrte die Stadt vor dem Fall.

Sofort nach dem Krieg wurde Divjak pensioniert.

„Haben viele Stipendiaten aus Roma-Familien“

Seitdem engagiert er sich bei der von ihm mit gegründeten OGBH. Und entkommt auch dort der ethnischen Frage nicht.

Der erwähnte Junge aus einer serbischen Familie ist einer von relativ wenigen ethnischen Serben, die sich um Stipendien bei OGBH bewerben. „Die meisten Anträge aus der Republika Srpska kommen von Roma“, erklärt Divjak. „Das ist mit ein Grund, warum wir relativ viele Stipendiaten aus Roma-Familien haben.“

Freilich, für die Organisation sind sie mehr als gleichsam Ersatz-Leute. OGBH ist stolz, vielen dieser Kinder helfen zu können. Sie haben es besonders schwer in diesem Land, leben am Rand der Gesellschaft.

Diskriminierung gegen Roma ist etwas, was viele Angehörige der bosnjakischen, serbischen und kroatischen Bevölkerungsgruppen eint.

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Jovan Divjak mit seiner Mitarbeiterin Mersiha Turudija. Sie springt als Englisch-Dolmetscherin ein, wenn meine Sprachkenntnisse während des auf Französisch geführten Interviews mal nicht ausreichen.
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Edin Bećarević, der zweite hauptberufliche Mitarbeiter von OGBH.

Zu Ceca kommen sie

Mit ihren Programmen versucht OGBH auch, möglichst viele Kinder aller Bevölkerungsgruppen zusammenzubringen. Der Erfolg ist zu Divjaks Bedauern überschaubar.

„Die Kinder kommen zusammen und reden auch miteinander. Aber sie erzählen in ihren Schulklassen zuhause nur wenig weiter davon.“

Überhaupt, viele Kinder in Bosnien würden weitgehend ohne Kontakt zu Kindern anderer Volksgruppen aufwachsen. „Seit dem Krieg waren vielleicht 0,1 Prozent der Schüler aus Banja Luka in Sarajevo und umgekehrt. Zu einem Konzert von Ceca kommen aber tausende junge Menschen aus Sarajevo in den serbischen Stadtteil Istočno“, erzählt Divjak.

Es wird der einzige Moment in unserem Gespräch sein, in dem vielleich so etwas wie Bitterkeit mitschwingt.

Ceca ist eine serbisch-nationalistische Turbofolk-Sängerin. Bis heute setzt sie den Nimbus ihres von anderen Gangstern ermordeten Mannes Arkan für ihre Karriere ein. Der Mafioso war während des Kriegs Kommandeur einer paramilitärischen Einheit, die zahlreiche Kriegsverbrechen beging.

Bei Konzerten Cecas in Serbien und der Republika Srpska zeigen Fans regelmäßig die „tri prsta“, die drei ausgestreckten Finger (Daumen, Zeigefinger, Mittelfinger) der rechten Hand. Der Gruß der serbischen Nationalisten.

Seltsamerweise ist Ceca in Bosnien bei allen Volksgruppen eine der beliebsten Sängerinnen.

„Kinder, die etwas über den Krieg gelernt haben, fühlen weniger Hass“

Aufgeben will Divjak auch angesichts solcher Erfahrungen nicht. Es gibt noch genügend Kinder, denen er beim Start ins Leben helfen kann. Und es ist seine tiefe Überzeugung, dass langfristig nur Bildung die Gräben in diesem Land überwinden kann.

Und er nennt ein Beispiel: „Wir haben Untersuchungen, die zeigen: Kinder, die über diesen Krieg gelernt haben, empfinden weniger Hass als Kinder, die nie darüber gelernt haben.“

Insgesamt sei von Versöhnung nur wenig zu sehen, sagt Divjak. Jede der drei Seiten hat bis heute ihr eigenes Narrativ vom Krieg und von Bosnien insgesamt.

„Alle drei Seiten fühlen sich als Sieger“

Die Kriegsverbrecherprozesse in Den Haag haben, wie von ihm erwartet, nur sehr wenig beigetragen, das zu ändern. Es war kein zweites Nürnberg.

„Mit Nürnberg kann man das nicht vergleichen“, sagt Divjak. „Damals gab es eine Seite, die gewonnen hat und es gab eine Seite, die verloren hat. Hier haben wir drei Seiten, die sich als Sieger fühlen.“

Die ethnische Landkarte Bosniens sei heute eine andere als vor dem Krieg, wie er an zwei Beispielen zeigt. „In Banja Luka lebten vor dem Krieg 40 Prozent Serben und je etwa 30 Prozent Bosnjaken und Kroaten. Heute sind es 95 Prozent Serben. In Sarajevo hatten wir 1991 48 Prozent Bosnjaken, 30 Prozent Serben und 16 Prozent Kroaten. Heute ist die Stadt zu 95 Prozent bosnjakisch.“

Die Liste ethnisch gesäuberter oder – wie Sarajevo – durch Auswanderung ethnisch „reiner“ Gebiete ließe sich lange fortsetzen.

„Verantwortlich für Kriegsverbrechen sind auch die Politiker“

Den Haag hat für Divjak noch einen Geburtsfehler. „Soldaten sind nicht alleine für Kriegsverbrechen verantwortlich. Verantwortlich sind auch die Politiker.“

Davon standen – nicht nur – aus seiner Sicht viel zu wenige vor Gericht. „Der kroatische Präsident Franjo Tudjman und Izetbegović starben, bevor Anklage erhoben werden konnte.“ Beim serbische Präsident Slobodan Milošević habe sich die Anklageerhebung dank der Protektion durch den französischen Präsidenten Francois Mitterand ebenfalls lange hingezogen, kritisiert Divjak. Milošević starb während des Prozesses.

Anstoß für einen Versöhnungsprozess muss für Divjak die Aufarbeitung des Krieges und der Kriegsverbrechen im Land sein.

Bosnische Wahrheitskommissionen als einzige Lösung

Er tritt für bosnische Wahrheitskommissionen ein, die aus Vertretern aller drei Kriegsparteien bestehen. Sie sollen den Kriegsverlauf und die Verantwortung für die Kriegsverbrechen objektiv erheben.

„Das wäre im Abkommen von Dayton auch so vorgesehen gewesen. Aber sobald die bosnjakische, die serbische oder die kroatische Seite ihre Mitglieder der Wahrheitskommission nominiert hatten, wurden die von den anderen Seiten abgelehnt.“

Es bräuchte einen neuen Anlauf, eine andere Möglichkeit gebe es vermutlich nicht. „Lösen können wir das nur selbst“, sagt Divjak.

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Foto: Mersiha Turudija

Wenn ihr die Arbeit von OGBH unterstützen wollt, findet ihr hier Kontaktmöglichkeiten und ausführliche Informationen.