Ein Ausflug in die Welt des Wiener Autors Bogumil Balkansky führt von einem Ende des Balkan zum anderen und wieder zurück und birgt die eine oder andere Überraschung.

Sreten Čolić streckt seinen Kopf aus der Wohnungstür raus. „Serwas, komm rein. Magst ein Bier?“

Wir setzen uns in die Küche. Ich kriege den normalen Sessel. Sreten setzt sich auf den Babystuhl daneben. Nachdem er mir ein Wieselburger eingeschenkt hat.

„Du, heut hab ich eine private Lesung in Rohrbach. Machen wir das Interview am besten gleich dort, das können wir ja kombinieren. Ich frag die Leut, ob du mitkommen kannst.“

So unkompliziert können Schriftsteller sein. Sreten ist niemand anders als Bogumil Balkansky. Autor für die Migrantenseite dastandard.at der österreichischen Tageszeitung „Der Standard“, Drehbuchautor, freier Journalist, Ex-Regieassistent, Autor mehrerer Bücher, zuletzt von „Asphalt Hyänen“.

Der Anlass

Das Buch über den dunklen serbischen Winter zwischen 1991 und 2003, die Herrschaft des organisierten Verbrechens im Land, ist auch der Grund für unser Treffen. Ich will es für den Blog ausführlicher vorstellen.

Bis unser Rohrbacher Gastgeber kommt, haben wir auch ein wenig Zeit, über Sretens bzw. Bogumils neuestes Werk zu plaudern.

„Ich bin draufgekommen, im ganzen deutschsprachigen Raum gibt es keine einzige Publikation zum Thema“, sagt er. Dabei wäre das Thema ziemlich wichtig. Haben doch die Verquickungen zwischen serbischer Politik und dem organisierten Verbrechen die Geschichte nicht nur Serbiens im vergangenen Vierteljahrhundert geprägt wie sonst vielleicht noch die Balkankriege.

Und selbst in die zieht sich die blutige Spur der serbischen Mafia-Clans, verbinden sich die großserbischen Träume semi-privater Milizen in den „ethnischen Säuberungen“ mit schnöden, wenngleich brutalen, Raubzügen.

Wenn Arkans Tiger die Bevölkerung eines kroatischen oder bosnjakischen Dorfs massakrieren, die Mädchen verschleppen, die Häuser niederbrennen, schaffen sie nicht nur – um NS-Sprech zu paraphrasieren – „Lebensraum für das serbische Volk“ sondern bereichern sich am Besitz ihrer Opfer und vermutlich nicht einmal sie könnten wahrheitsgetreu antworten, ob nationalistischer Furor oder Gier das stärkere Motiv waren.

Das alles unter zumindest der wohlwollenden Duldung von Slobodan Milošević, wenn nicht sogar unter seiner Kontrolle. Letztere These vertreten unter anderem Sreten und der serbische Schriftsteller und Politiker Vuk Drašković.

Nach Milošević ist die Frage offen, ob sich seine politischen Nachfolger die Mafia als Machtinstrument halten oder sich die Mafia einen Staat und ob die Geheimdienste das organisierte Verbrechen unterwandert haben oder sein verlängerter Arm sind. Bis zum Großreinemachen nach der Ermordung von Zoran Đinđić.

Bei einer nüchternen und verknappten Darstellung liest sich das dunkle Kapitel wie eine Parodie auf einen 30-er-Jahre Gangsterroman. Was sicher auch an Sretens Sinn für Ironie liegt.

„Wenn du das durchdenkst, siehst du auch, wo Populismus unweigerlich hinführt“, sagt Sreten. „Dafür ist Milošević das beste Beispiel.“

Der Gastgeber

Es läutet. Clemens ist da. Unser Gastgeber aus Rohrbach. Ein junger, freundlicher und offensichtlich gut gelaunter Mann mit sommerlichem Strohhut.

Nein, dass ich mitkomme, ist kein Problem, ganz im Gegenteil. Er hat eh viel gekocht. Ich muss mich auf der Rückbank halt zwischen Sophie und Vincent zwängen, Clemens‘ Kinder.

Die untergehende Sonne im Rücken geht’s in die pannonische Tiefebene, in den Geburtsort Joseph Haydns.

Seit dem 16. Jahrhundert leben im Burgenland Kroaten. Sie sind die Nachfahren von Wehrbauern, die die Militärgrenze gegen die Osmanen sichern sollten. Viele leben in den Gemeinden rund um Rohrbach. Unser Ziel ist kulturell gesehen gewissermaßen das nordöstliche Ende des Balkan. Unser Ausgangspunkt Wien wäre so gesehen das nördliche.

„Man kann mich für private Lesungen mieten, zum Beispiel für Parties“, erklärt mir Sreten während der Fahrt. „Für 50 Euro lese ich aus meinen Geschichten. Für 100 Euro lese und koche ich.“

Sreten/Bogumil
Sreten/Bogumil

Einige solcher Termine hat er in den vergangenen Monaten absolviert. Es macht ihm Spaß. Das Geld braucht er auch. In der selbst ernannten Kulturnation Österreich leben die meisten Künstler am oder unterm Existenzminimum.

Sreten ist aktuell keine Ausnahme. Er ist wieder auf den Sozialstaat angewiesen, hofft, dass es mit einem geplanten Drehbuch wieder aufwärts geht. Und Sreten zählt noch zu den erfolgreicheren Autoren des Landes.

„Für 150 Euro lese und koche ich nackt“, sagt er Clemens und mir mit einem verschmitzten Lächeln. „Das hat bisher noch niemand gebucht“.

Clemens, unser Gastgeber.
Clemens, unser Gastgeber.

Clemens, stellt sich während der Fahrt heraus, schreibt ebenfalls. Bislang hat er noch nichts veröffentlicht. Während Sreten ihm Schreibtipps gibt, erklären mir Sophie und Vincent ihr Lieblingsspiel Minecraft und erzählen mir von ihrem aufregenden Zoo-Besuch.

Vincent ist begeistert von den Fledermäusen. Und schläft immer wieder mal ein. Um beim Aufwachen zu betonen, er habe natürlich nicht geschlafen.

Das andere Ende des Balkan

Johanna, die Mutter der beiden und Clemens Frau, erwartet uns schon im Haus. Ein entzückendes Beagle-Weibchen hüpft mir schwanzwedelnd rauf. Sicher hat sie meinen Hund gerochen.

Johanna und Clemens sind schon länger Fans von Bogumil Balkansky, lesen jede Geschichte, die er auf dastandard.at veröffentlicht. Jetzt, wo Clemens wieder Arbeit hat, können sie sich wieder etwas gönnen und da zählt Kultur dazu. Die private Lesung war für beide ein logischer Schritt.

„Ich werd das so machen, ich les ein paar Geschichten vor, und dann überlegen wir, womit wir weitermachen. So vielleicht ein bisschen people’s choice, sozusagen“, sagt Sreten.

Clemens serviert uns Armagnac aus dem Jahr 1937. Gebrannt im Geburtsjahr seines kürzlich verstorbenen Großvaters. Der kam in Beograd auf die Welt. Wie Sreten. 1945 musste die donauschwäbische Familie Jugoslawien verlassen.

Sreten ist hin und weg von dem edlen Tropfen, den Clemens vom Großvater geerbt hat. „Das riecht nach Abenteuer.“

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Die Lesung

Das ist nicht der einzige Genuss, den wir serviert kriegen. Johanna und vor allem Clemens haben aufgekocht.

Clemens hatte früher ein Lokal in Salzburg, eine Tapas Bar. Ging gut, sagt er, nur stieg die Pacht für das kleine Lokal auf 6.000 Euro im Monat. Das war nicht mehr zu erwirtschaften.

Melonen in Proscuitto, gebackener Käse, Sciampi und Oliven in Marinade, Fleischbällchen in Tomatensauce, gebratene Wurststücken in einer Art Paprika-Knoblauch-Marinade, vermutlich mit Honig gebeizt. Es ist großartig.

Clemens kann kochen, das muss man sagen und trifft bei Sreten einen Nerv. Der ist auch begeisterter Koch und liest eine Geschichte, die ein Loblied auf seine Beziehung mit seiner langjährigen Freundin ist und wo das perfekte Moussaka die Hauptrolle spielt.

Johanna, Clemens und Sreten.
Johanna, Clemens und Sreten.

Wir vier sind einander ziemlich sympathisch und driften immer wieder ins private Gespräch über alles mögliche ab. Sreten erzählt von seinem Urlaub im Haus der Großmutter auf Brač und seinen Erlebnissen im Krieg in Kroatien, den er damals beobachtete.

Mit serbischem Vater und kroatischer Mutter stand er zwischen den Fronten. Die Vermutung erscheint gerechtfertigt, dass ihn der österreichische Reisepass vor größerem Unbill bewahrt hat.

Immer wieder muss uns Sreten erinnern, dass er doch auch hier und jetzt eine Lesung hätte und gar nichts dagegen hätte, sein Honorar im eigentlichen Sinn zu verdienen.

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Zu mehr als vier Geschichten kommt er freilich den ganzen Abend nicht.

Da spielt auch die Gewürzsammlung eine Rolle, die ihm Clemens vorstellt. Kombinationen, von denen man noch nie gehört hat. Sreten ist hin und weg und stellt sich die exotischen lukullischen Genüsse vor, die die Gewürze ermöglichen.

Die Migranten

Was die Unterhaltung immer wieder in Schwung bringt, ist die Tatsache, dass von den sechs Menschen im Haus niemand dort geboren wurde, wo er oder sie heute lebt. Clemens, Vincent und Sophie kamen in Salzburg auf die Welt, Johanna in Braunau, wo ich einen Teil meiner Kindheit verbrachte, Sreten in Beograd und ich in Leoben.

Und wenn man in Kategorien ethnischer Abstammung denken will, wird’s mindestens genauso bunt. Sreten ist so sehr jugoslawische Promenadenmischung wie ich österreichische, Clemen’s halbe Familie ist donauschwäbisch, Johannas Familie väterlicherseits kommt aus Oberschlesien.

Die Konditorentradition dieser Familie schlägt sich in den Rumkugeln nieder, die Johanna für uns gemacht hat. Sreten kriegt gar nicht genug. Wobei die ursprüngliche Spezialität des Konditorenteils der Familie türkischer Honig gewesen sei, wie Johanna erzählt. In Braunau sei der erste türkische Honig in Österreich hergestellt worden.

Ein weiterer Balkan-Bezug, freilich nicht der letzte heute abend. Der wichtigste ist vielleicht nur ein halber, birgt aber die größte Überraschung.

Die Überraschung

„Du, wie würdest du Hajduk übersetzen“, fragt Johanna Sreten. „Bandit“, sagt Sreten.

In mir beginnt es zu rattern. Da war doch was. Und das hat nichts mit dem Wort zu tun, das ich vor kurzem erst wieder bei Ivo Andr gelesen habe.

Hajduki, das waren bewaffneten Banden am Balkan, vor allem in den kroatischen Gebieten. Mal Räuber, mal Freischärler oder Aufständische.

In Bosnien ist auch der Ausdruck „kapetan“ gebräuchlich. In Serbien nannte man Hajduki früher auch Četnici, bis der Ausdruck eine eher politische Konnotation bekam und bewaffnete Banden bezeichnete, die gegen die Osmanen und im Zweiten Weltkrieg gegen die Nazis und unmittelbar darauf gemeinsam mit den Nazis gegen die Partisanen kämpften. Im Jugoslawien-Krieg bezeichnete der Begriff Četnici die nationalistischen Mörderbanden, die Bogumil in seinen „Asphalt Hyänen“ beschreibt.

Hajduki werden bis heute romantisch verklärt. Das kann man sich vorstellen wie die Verehrung der Wild West Gangster Ende des 19. Jahrhunderts in den USA. Heute nennen sich zwei Fußballklubs in Ex-Jugoslawien Hajduk. Der bekannteste ist Hajduk Split aus Kroatien. Der zweite ist Hajduk Kula aus der gleichnamigen Stadt in Serbien.

„Warum?“, fragt Sreten. „So hab ich bis zu meiner Hochzeit geheißen“, sagt Johanna. So bin ich heute gewissermaßen unter Banditen gelandet.

„Du hast nicht zufällig eine Schwester namens Rebecca“, frag ich Johanna.

Die Party

„Ja, wieso?“ „Die ist mit mir in der Volksschule in die Klasse gegangen. Vielleicht auch im Gymnasium, da bin ich mir nicht mehr so sicher.“

Johanna und ich tauschen unsere verblassten Kindheitserinnerungen aus, tasten uns sozusagen an eine gemeinsame Version der Geschehnisse heran, die 25 Jahre her sind. Sreten und Clemens lachen über diesen unerwarteten und komischen Zufall.

„Und sag mal, du kennst doch die Antonia?“ Das ist meine Schwester. „Ja klar, mit der war ich in der Klasse.“

Johanna macht eine kurze Pause, ist sichtbar erstaunt und lacht. „Jetzt war geistig ich gerade bei euch im Wohnzimmer. Mitten drinnen. Als ob’s gerade jetzt passiert wäre.“

Johanna springt auf und kramt aus dem Wohnzimmer ein Fotoalbum hervor. 9×13 Farbfotos, wie es sie früher mal gegeben hat, bevor die Digitalkameras Einzug hielten. Sie blättert.

„Da siehst du, das sind wir bei einer Faschingsparty bei euch zuhause“. Ein kleines Foto zeigt drei Mädchen im Alter von acht oder neun Jahren. Es ist unser Wohnzimmer in Braunau. Ich erkenne die Regale an der Farbe und den Fernseher. Meine Schwester ist seltsamerweise nicht drauf.

Johanna nennt die Namen der anderen Mädchen. Ich kann mich nur an Rebecca erinnern. Nicht „meine“ Rebecca, Johannas Schwester, sondern eine andere, damals eine enge Freundin meiner Schwester. Eine vage Erinnerung sagt mir, dass die andere Rebecca ein kleines, eher schmächtiges, Mädchen mit leicht dunklerem Teint war.

An viel mehr kann ich mich nicht erinnern. Als großen Bruder haben mich die Freundinnen meiner Schwester damals eher nicht so interessiert.

Und die vielen geographischen Brüche seit damals sind auch biographische. Heute abend ist einer der seltenen Momente, wo ich das zutiefst bedauere. Ich nehme mir vor, meine Schwester anzurufen.

Auch wenn ich mich nicht wirklich an diese Kostümparty erinnern kann, ich fühle mich froh, dass das bei Johanna so augenscheinlich wohlige Erinnerungen hervorruft. Und ich erinnere mich, dass ich mich mit ihrer Schwester damals sehr gut verstanden habe. Das weckt bei mir wohlige Gefühle.

Den Namen hat Johanna übrigens von ihrem oberschlesischen Großvater. Der Ausdruck Hajduk war in weiten Gebieten Osteuropas verbreitet, ebenso in der Türkei. Er dürfte sich vom Reitervolk der Hajduken ableiten. Die etymologische Wurzel des Volksnamens ist umstritten.

Die Geschichte

Wir beide einigen uns, dass wir froh sind, aus Braunau weggekommen zu sein. Auch wenn’s seine schönen Seite hatte.

Sreten und Clemens gefällt die Geschichte auch. „Das musst schreiben“, sagt Sreten zu mir. „Pfeif auf meine Geschichte, das ist die wirkliche Geschichte“. Ich geb ihm Recht. Großteils.

Sreten und Clemens haben mittlerweile den philippinischen Rum entdeckt, den Clemens‘ Großvater ebenfalls hinterlassen hat. „Wow, ist das Zeug gut“, sagt Sreten und schenkt sich noch einen Schluck ein.

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Ich koste auch. Er ist gut. Freilich halte ich mich mehr ans Bier, das langsam zur Neige geht. Essen wäre noch für drei Leute da. Ich füttere die Hündin mit Kleinigkeiten. Johanna trinkt nichts.

Mittlerweile ist es kurz vor drei. Sreten drängt zum Aufbruch. Nach Wien sind’s 40 Minuten. Johanna nimmt die Autoschlüssel. Wir schweben Richtung Hauptstadt.

Sreten verspricht Johanna, in nächster Zeit wieder vorbeizukommen, samt Sohn und Freundin.

Bis ich mich niederlege, ist es kurz nach vier. Ich bin fertig. Gleichzeitig bedauere ich, dass das Sezam heute abend schon zu hat, das Jugo-Beisl gleich neben mir. Die vielen netten Zufälle heute abend hätten nach einem Abschlussbier verlangt.

Aber vielleicht ist’s besser so. Man muss es nicht immer übertreiben.