Beim Balkan überwiegt bei einem großen Teil der Bevölkerung das Bedürfnis, Klischees zu reproduzieren, gegenüber der Neugier. Das zeigt auch ein Vortrag des Journalisten und Buchautors Nedad Memić in der Volkshochschule Urania, auf den ihn Balkan Stories Blog begleitet hat.

„Es sind mehr Menschen als beim letzten Mal“, sagt Nedad und er wirkt erfreut.

Zwei Dutzend Zuhörerinnen und Zuhörer sind im mittleren Saal der VHS Urania im ersten Wiener Gemeindebezirk und warten darauf, dass Nedad seinen Vortrag „Der unbekannte Balkan“ beginnt.

Das ist mehr Publikum als bei einer durchschnittlichen Buchpräsentation in Wien. Allein, im großen Saal ist die Gruppe zerstreut, wirkt kleiner, als sie ist.

Der Großteil ist jenseits der 70.

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Das hat nicht nur damit zu tun, dass für einen Gutteil der Menschen in Österreich das Interesse an der unmittelbaren Nachbarschaft im Süden eher überschaubar ist.

In Wien sieht’s besser aus

Polemisch formuliert und leicht überzeichnet sieht der Kenntnisstand des durchschnittlichen Österreichs über den Balkan etwa so aus:

  • Kroatien: Super, weil Meer und Urlaub. Ćevapčići.
  • Serbien: Böse, weil Nationalisten, wenn sie nicht gerade Bauhackler sind. (Wienerisch für Bauarbeiter, Anm.)
  • Bosnien: Hat mal uns gehört. Seitdem Probleme.
  • Mazedonien, Albanien etc.: Gibt’s auch. Wahrscheinlich. (Würde der gemeine Österreicher Latein sprechen, würde er über die Gegend vermutlich sagen: Hic sunt leones.)

Das ist immerhin besser als in Deutschland. Dort sind die Kroaten in der Wahrnehmung die präsenteste Gruppe vom Balkan und viele Deutsche setzen sicherheitshalber gleich mal alles aus der Weltgegend mit Kroatien gleich.

In Wien sieht es nicht ganz so düster aus. Gut zehn Prozent der Bevölkerung oder 200.000 Wiener sind allein in den Ländern Ex-Jugoslawiens geboren oder haben Eltern, die von dort kommen, gut die Hälfte sind Serben.

Jeder kennt jemanden mit Balkan-Wurzeln

Man stößt überall auf irgendjemanden, der vom Balkan kommt.

Auch heute abend.

Der Kellner im Cafe im Raimundhof, wo wir uns vor dem Vortrag treffen, kommt aus der Gegend von Zenica in Bosnien.

Auch in der Urania ist der Balkan nicht weit.

„Zemljak“, begrüßt der Haustechniker Nedad, als er das Gebäude betritt. „Landsmann“.

Der freundliche Mann um die 60 ist aus Zentralbosnien.

„Bei meinem letzten Vortrag war der Netzwerktechniker aus Bosnien“, erzählt mir Nedad.

Jeder kennt einen Bankmitarbeiter mit serbischen oder kroatischen Wurzeln, ein bosnisches Kaffee um die Ecke oder Studentinnen und Studenten aus Bulgarien oder Handelsangestellte aus Rumänien, und gelegentlich gibt es auch erste Politikerinnen und Politiker mit Migrationshintergrund vom Balkan.

Von A wie Albanien bis R wie Rumänien

Dass heute nicht mehr Menschen gekommen sind, liegt auch daran, dass die goldenen Zeiten der Volkshochschulbewegung vorbei sind.

VHS-Vorträge als Weiterbildungsveranstaltungen haben mit Doku-Kanälen und Internet starke Konkurrenz bekommen. Massenveranstaltungen wie früher sind sie nur mehr selten. Gut besucht sind in der Regel nur mehr die Kurse.

Die zwei Dutzend Zuhörerinnen und Zuhörer heute verbinden mit dem Balkan vermutlich mehr als die landesüblichen Klischees.

Nedad legt ihnen ein ambitioniertes Programm vor.

Knapp eine Stunde referiert er.

Er skizziert die Geschichte Sloweniens, Kroatiens, Bosniens und Serbiens mit ihrer jeweiligen jahrhundertelangen Geschichte der Fremdherrschaft – Bosnien und Serbien vom 15. Jahrhundert an unter osmanischer Herrschaft, Bosnien von 1878 bis 1918 Teil der kuk Monarchie, Kroatien vom 12. Jahrhundert bis 1918 Teil einer Personalunion mit Ungarn.

Ein kurzer Exkurs zum Sprachenstreit (einige Beobachtungen siehe hier), Details zu den Minderheiten der Region, von A wie Albanien bis R wie Rumänien. Nicht einmal die Goranci vergisst er, die slawisch muslimischen Bergbewohner Südserbiens. (Von deren Existenz bis zum Vortrag auch der Autor dieses Blogs nicht wusste.)

Das Publikum geht nicht verloren, manche Details schon

Nedad geht auf und ab, gestikuliert, spricht lebendig, kämpft um ein Publikum, dessen Aufmerksamkeit ihm eigentlich sicher ist.

Man weiß nicht, ob es seine Leidenschaft fürs Erklären ist, die ihn antreibt, der Mann ist immerhin Journalist und Philologe und nebenbei Buchautor, oder die Leidenschaft des Wahl-Österreichers für die alte Heimat, von wo er vor eineinhalb Jahrzehnten eingewandert ist.

Die Müdigkeit, die er vor dem Vortrag gezeigt hat, wirkt verschwunden. Erst 24 Stunden davor hat Nedad in Jena einen Vortrag gehalten, die Reise steckt ihm noch in den Knochen.

Mit wenigen Ausnahmen verzichtet er auf Anekdoten, konzentriert sich aufs Wesentliche.

Er schafft es, das Publikum nicht auf halbem Weg zu verlieren. Auch wenn das eine oder andere Detail nicht bei allen hängen zu bleiben scheint.

„Warum glauben Sie leben in Serbien so viele Ungarn“, fragt Nedad ins Publikum.

„Wegen der Union mit Ungarn“, kommt die mehr fragend klingende Antwort von weiter rechts unten.

Angela Grafel, eine Reihe hinter mir, entgehen solche Details nicht. Immer wieder ergänzt die ehemalige Volksschul- und Sprachheillehrerin im Flüsterton Nedads Sätze, wenn er eine dramatische Pause einlegt oder nach dem passenden Wort sucht.

Sie interessiert sich sehr für Geschichte, sagt sie mir. Daher auch für den Balkan.

Unterschiedlicher Wissensstand

Beim Rest des Publikums scheint das Wissen sehr unterschiedlich ausgeprägt zu sein.

„Ist Rumänisch eine romanische Sprache?“

Frage einer Schweizerin im Publikum.

„Haben all diese Länder heute unterschiedliche Währungen?“ fragt eine der wenigen jungen Zuhörerinnen. Außerhalb der EU scheint sie noch nicht viel gereist zu sein.

„Hat sich der Zerfall Jugoslawiens ausgezahlt? Die Verwaltung der einzelnen Nachfolgestaaten kostet doch sicher mehr als vorher, wo sie zusammen waren“, will ein Pensionist wissen. Jahre des Austeritätsregimes samt zugehörigem Mediendiskurs haben offenbar geprägt, wie viele Menschen Staatlichkeit begreifen.

„Wenn ein Geschäftsmann aus Bosnien, einer aus Serbien und einer aus Kroatien miteinander verhandeln, in welcher Sprache unterhalten sie sich?“

Frage aus dem Publikum

Die Frage ist tiefschürfender, als sie vielleicht klingt. Wobei auch hier das gewählte Bild mehr über den Fragenden aussagt als darüber, was er eigentlich wissen will.

„Wir nennen die Sprache Naš, die Unsrige“, erklärt Nedad. Wenngleich auch der Ausdruck Naški gebräuchlich ist.

Der geheimnisvolle Josip Mihlić

Die Zuhörer bleiben bis zuletzt. Nur ein ohnehin eher mürrisches Ehepaar ganz hinten verlässt den Vortrag vor Ende der Fragerunde.

Die Neugier von Angela Grafel ist nicht erschöpft. Die ehemalige Lehrerin stammt aus dem Burgenland und ist eine gebürtige Michlits. Das erklärt ihr Interesse am Balkan zum Teil.

Michlits ist die magyarisierte Schreibweise des kroatischen Namens Mihlić.

Im Burgenland mit seiner kroatischen Minderheit ist diese Form kroatischer Nachnamen keine Seltenheit. Österreichs östlichstes Bundesland war bis 1921 Teil Ungarns.

Häufig werden die magyarisierte Namen germanisiert ausgesprochen. Bekanntestes Beispiel ist die Künstlerfamilie Resetarits.

Dass Grafels Vorfahre Josef bzw. Josip Mihlić hieß, erklärt neben ihrem allgemeinen Interesse, warum sie heute hier ist.

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Ob Nedad einschätzen könne, woher der um 1690 geborene Soldat vielleicht stammt?

Nedad kann nur mit der Seite Ime Hrvatsko dienen.

Das scheint keinen der Beteiligten zu stören. Anhand der spärlichen biographischen Details um Josip Mihlić entspinnt sich eine Fachsimpelei über ehemalige Militärgrenzen, den Einsatz kroatischer Soldaten und die Ansiedlung von Kroaten als Wehrbauern im heutigen Burgenland.

Der Abend hinterlässt Spuren

Als Nedad die VHS verlässt, ist ihm die Müdigkeit anzusehen. Und er klingt anders.

Nedad spricht so gut wie akzentfrei Deutsch. Nach dem Vortrag hört man ihm den Ex-Jugoslawen leicht an. Im Referat ist er gedanklich ständig zwischen zwei Sprachen hin- und hergehüpft. Das hat vorübergehende Spuren hinterlassen.

Auch wenn das Publikum heute zahlreicher hätte sein können, ganz umsonst war Nedads Einsatz nicht.

Bei zwei Dutzend Leuten hat er beitragen können, Klischees mit Wissen zu ersetzen. Wien hat es bitter nötig. Für die meisten Wiener bleibt auch nach diesem Vortrag der Balkan eine unbekannte Region.