Am Dienstag werde ich eine Reportage über den Mord an meinem Freund Mirko im November vergangenen Jahres veröffentlichen. So furchtbar dieses Verbrechen ist, gibt es einen kleinen Lichtblick. Die Stadt Wien und ihr Gesundheitswesen haben der Überlebenden des Verbrechens sehr geholfen.
Dijana* kann seit der Nacht von 29. auf den 30. November nicht arbeiten, konnte monatelang nicht das Haus verlassen, kaum schlafen. Hat bis heute Panikattacken, eine schwere Depression.
In ihrer Wohnung hat Dinko Mirko aus Subotica mit vier Stichen in den Rücken getötet. Sie ist die einzige Zeugin und Überlebende des Verbrechens.
Das musst du mal aushalten.
(Ob Dinkos Tat Mord gemäß § 75 des österreichischen Strafgesetzbuches war, werden acht Geschworene nächste Woche urteilen.)
Die Details lest ihr in einem längeren Text, den ich am Dienstag veröffentlichen werde.
Diesen Eintrag möchte ich nutzen, um meine Eindrücke aus dem langen Telefonat mit Dijana zu artikulieren und zu verarbeiten, die nicht direkt mit dem Mord zu tun haben.
Man kann sich vorstellen, dass das Telefonat für uns beide belastend war. Dijana kämpft hörbar mit dem, was sie gesehen hat, was in ihrer Wohnung passiert ist. Ich will nicht auf die Details eingehen. Das hier ist kein voyeuristischer Blog.
Aber Dijana kann mittlerweile aussprechen, was passiert ist. Sie kann wieder aus dem Haus gehen. Sie fühlt sich imstande, nächste Woche beim Prozess auszusagen. Ja, sie will es.
Das ist ganz überwiegend der Psychotherapie zu verdanken, die sie beinahe von der ersten Minute nach dem Verbrechen bekommen hat. So schnell wie zu organisieren war, hat ein Kriseninterventionsteam der Stadt Wien Dijana aufgesucht, wie sie mir erzählt hat.
Wenige Tage später hatte sie die ersten Gespräche mit der Therapeutin, bei der sie bis heute ist, und mit ihrem betreuenden Psychiater.
Das alles wird von der Stadt Wien und der Österreichischen Gesundheitskasse bezahlt.
Wie die allermeisten Betroffenen könnte Dijana das aus eigener Tasche nicht leisten.
In den meisten Ländern und Städten würde sie aus finanziellen Gründen nicht die Hilfe bekommen, die sie braucht.
Dass das in Wien anders ist, ist wichtig. Wichtig ist auch, dass es diese Hilfe für alle Menschen in solchen Notlagen gibt, ganz egal, wer sie sind und wo sie herkommen.
Das ist ein kleiner Lichtblick in der Finsternis dieses Verbrechens und dieser Tragödie.
Auch, dass Dijana in dieser Notsituation nicht vor dem finanziellen Aus steht ist wichtig. Ich weiß nicht, ob sie Arbeitslosengeld bezieht oder Krankengeld. Aber zumindest ist es genug Geld, um zu überleben, bis sie hoffentlich bald wieder arbeiten kann.
Man stelle sich vor, das wäre in den USA. Da hätte sie mittlerweile wahrscheinlich auch ihre Wohnung verloren.
Man mag ganz zu Recht das Sparprogramm der Stadt Wien kritisieren, zu Recht auf Missstände im Gesundheitswesen hinweisen, auch darauf, wie unfair auch das AMS oder die Pensionsversicherungsanstalt mit Menschen umgehen.
Aber in dieser Stadt haben wir ein soziales Netz, das zumindest die Allermeisten in Notlagen auffängt.
Das sieht man selten so deutlich wie in Dijanas Fall.
Darauf sollten wir stolz und dafür sollten wir dankbar sein. Das ist Sozialstaat.
*Der Name der Zeugin wurde geändert, um ihre Anonymität zu wahren
Titelfoto: Jugoslav Krminac
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