Weihnachten naht. Wenn man schon schenken will, bitte Sinnvolles. Balkan Stories Blog hat ein paar Empfehlungen für Balkan-Reisen im Kopf.

Kein_Meer„Kein Meer“. Mit diesem Titel legt die Wiener Journalistin Olja Alvir ihr Romandebüt vor. Aus der Perspektive der jungen Lara Voljić, die wie die Autorin als Kind dem Krieg im ehemaligen Jugoslawien flüchten konnte, schildert sie, wie heute junge Erwachsene die Entwurzelung und die Folgen des Kriegs bei ihren Eltern und Großeltern erleben. Und wie sich Kriegstraumata bei ihnen selbst fortsetzen. Ihre ironische Perspektive beält sie bei, wie eine Leseprobe auf der Verlags-Homepage zeigt.

„Fürs Muschi-Enthaaren muss man sich außerordentlich unbequem positionieren. Am Rücken liegend muss man die Beine zunächst aufstellen, anziehen und dann spreizen. Fußsohle an Fußsohle liegt man in einer Art horizontalem Schneidersitz, sodass die Depiladora so gut wie möglich zu allen Muschi-Haaren kommt.

 Jedes Mal, wenn ich so mit halbsteifem Wachs im Schritt daliege, denke ich mir: Was, wenn jetzt etwas passiert? Wenn es einen Feueralarm gibt? Oder ein Erdbeben? Oder Krieg? Im schlimmsten Falle stürzt noch die Neonröhre auf meinen Kopf und versengt mir die Augenbrauen. Ich stelle mir vor, es ist Krieg, und ich bin gerade beim Entwachsen. Pardon, Enthaaren. Ich habe immer solche Alltags-Katastrophen-Vorstellungen. Liegt an meiner frühen Entwurzelung und dadurch ausgelösten Störung des Grundvertrauens, sagt meine Therapeutin. Ich nenne es „Worst-Case-Szenario-Technik“. Wer im Krieg war, weiß, dass das Licht nie stabil hängt, nie.

Für die Waxing-Situation habe ich leider noch keine gute Exit-Strategie. Man müsste wohl wirklich die Technik lernen, sich die Warmwachsplättchen eigenständig ordentlich abzureißen. Dazu gibt es bestimmt von Frauen aus dem Nahen Osten ganz gute YouTube-Tutorials.

 Für etwaige Atomreaktor-Explosionen und den Dritten Weltkrieg habe ich mich aber gründlicher vorbereitet. Es ist gar nicht so schwer: Man muss nur auf Google Earth die Standorte der nächsten AKWs mit den üblichen Windmustern in Europa abgleichen.“

Olja Alvir, Kein Meer. Roman.
22
6 Seiten
ISBN 978-3-902902-36-8
Erschienen bei Zaglossus

Ein ungewohnter Blick auf die bosnische Sprache

140715083_1_mnAuf den ersten Blick trockener ist das neueste Werk von Nedad Memić, ebenfalls ein Wiener Journalist. Der in Sarajevo geborene studierte Germanist hat ein Wörterbuch mit Austriazismen und Germanismen in der bosnischen Sprache geschrieben.

„Ein Bosnier mag keine hohštapler, er benutzt gerne escajg für die Mahlzeiten, die er am šporet zubereitet hat. Sie denken, das sei Deutsch nach Balkanart? Keineswegs! Es sind Begriffe, die in der bosnischen Sprache verwurzelt sind und so im Alltag verwendet werden. Der promovierte Germanist Nedad Memić hat nun ein Buch herausgebracht, das sich mit dieser interessanten Thematik beschäftigt. Liest man sein „Wörterbuch der Germanismen und Austriazismen im Bosnischen“ (Original-Titel: Riječnik germanizama i austrijacizama u bosanskome jeziku), wird man erstaunt sein, wie viele gängigen Begriffe im Bosnischen aus dem Österreichischen adoptiert wurden. Vor allem für Zweisprachler ist es eine interessante Literatur, da Germanismen im Bosnischen vorhanden sind, die ein Österricher nicht mehr verwendet“, beschreibt Mirela Sidro das Buch auf ihrer Seite Balkanblogger.

Riječnik germanizama i austrijacizama u bosanskome jeziku, Sarajevo, 2014
285 Seiten
ISBN: 978-9958-29-059-6
Erschienen bei Connectum

Sommer vorm Balkan

Ebenfalls neu und ebenfalls eine Entdeckung bei Balkanblogger ist „Sommer vorm Balkan“ von Danijela Pilić. Lassen wir hier Mirela selbst zu Wort kommen.

Danijela Pilić, SOMMER VORM BALKAN – Mein Leben zwischen Alpen und Adria
256 Seiten,
ISBN: 978-3-442-15795-2
Erschienen beim Goldmann Verlag

Eine verschwundene Legende

g-jergovic-sarajevo-500x416Zum Klassiker geworden ist ein Buch, das nach einer verschwundenen Legende benannt ist. „Sarajevo Malboro“ von Miljenko Jergović. In Kurzgeschichten schildert Jergović, wie die Einwohner Sarajevos die vierjährige Belagerung er- und vor allem überlebt haben.

Die Vielzahl an Perspektiven ermöglicht auch Außenstehenden, nachzuvollziehen, welche Auswirkungen diese längste Belagerung der modernen Geschichte auf das Alltagsleben hatte.

Benannt ist das Buch nach den angeblich besten Malboros der Welt, die in der Tabakfabrik der Stadt hergestellt wurden. Mittlerweile sind auch sie verschwunden. Die Malboros, die man heute in Bosnien kauft, kommen aus Rumänien.

Miljenko Jergović, Sarajevo Marlboro. Erzählungen
200 Seiten
ISBN: 978-3-89561-392-0
Erschienen beim Schöffling Verlag

Die Logiergäste

16679244898Etwas älter und leider zu wenig rezipiert sind die „Logiergäste“ von Nenad Veličković. Aus der bescheidenen Sicht von Balkan Stories Blog ein Muss für alle, die sich für Museen und Geschichte begeistern können.

Der Titel bezieht sich auf die Familie des Direktors des Stadtmuseums von Sarajevo. Als der Krieg über die Stadt hereinbricht, zieht die Familie ins Museum. Die Tochter Maja schildert in Tagebucheinträgen, wie sich das Leben verändert und sich die Konfliktlinien quer durch die Familie ziehen. Ihren Sinn für Humor verliert sie nie.

Besonders lesenswert ist die Nebengeschichte des Koffers der Großmutter. Mehr sei hier nicht verraten.

Nenad Veličković, Logiergäste. Roman
249 Seiten.
ISBN-13: 978-3353011084
Erschienen bei Volk & Welt

Erhältlich sind die Werke im gut sortierten Buchhandel.

Für weitere Literaturtipps ist der Autor selbstverständlich dankbar.