Wo man den Meister lächeln sieht

Eine kleine Villa in Herceg Novi war jahrelang Ivo Andrićs Rückzugsort. Heute beherbergt sie ein Museum zu Ehren des Literaturnobelpreisträgers. Und zeigt das schwierige Verhältnis zwischen literarischer Würdigung und touristischer Verwertung von Jugoslawiens bedeutendstem Schriftsteller auf.

Fast als wäre Ivo Andrić erst gestern abgereist.

Der Garten der Villa in der Ulica Njegoševa ist so gepflegt als hätte ihn der Schriftsteller frisch hinterlassen.

Andrić war begeisterter Gärtner.

Das war ein wesentlicher Grund warum er fünf Sommer in diesem Haus verbrachte, gemeinsam mit seiner Frau Milica Babić-Jovanović.

Das war von 1963 bis 1968.

Im März 1968 starb die Theaterkostümdesignerin Babić-Jovanović in diesem Haus.

Andrić kehrte nicht mehr in die Villa zurück, zumindest nicht für längere Aufenthalte.

Die folgenden Sommer verbrachte der Literaturnobelpreisträger weiter in seinem geliebten Herceg Novi, aber an anderen Andressen.

Der Wind bläst vom Meer hinein und trägt den Salzwassergeruch herauf.

Die Kronen der Palmen schaukeln sanft.

Die Wolken sind ein Zeichen, dass die Saison zu Ende geht.

Sie war lang. Heute ist der 17. September.

„Das Wetter kommt von Kroatien herein“, sagt mit der Angestellte des Museums.

Dubrovnik liegt 50 Kilometer nordwestlich von Herceg Novi.

Viele Fotos sind hier zu sehen.

Die wenigen Klassiker, zu finden in jeder Andrić-Biografie.

Der ernst Blickende im Anzug mit Brille.

Einzig Michael Martens Biografie hat ein Foto am Cover, wo der Schriftsteller ansatzweise lächelt. Das gleiche wie im Bild oben.

In seinem ehemaligen Feriendomizil sieht man ihn manchmal lächeln. Auch auf offiziellen Fotos.

Und erst recht auf denen, die ihn relativ locker gekleidet bei der Gartenarbeit zeigen oder mit seiner Frau.

Vom Balkon aus kann man das Meer sehen.

In der Zeit, in der ich da bin, bin ich der einzige Besucher.

Gut, es ist Saisonende. Vielleicht ist mein Eindruck nicht repräsentativ für den Betrieb während des Sommers.

Kaum internationale Besucher

Dennoch, die internationalen Massen kommen hier nicht vorbei.

„Die Besucher kommen vor allem aus Serbien und aus Bosnien“, sagt ein Angestellter. „Aus Montenegro gibt es nur wenige. Es gibt aber den Plan, Schulklassen hierherzubringen, wenn sie Andrić lesen.“

Russen sind die wohl größte Touristengruppe in der Stadt. Nicht wenige haben sich hier auch Häuser oder Wohnungen gekauft. Ins Museum kommen sie nicht. Warum auch immer.

Auch sonst gibt es kaum internationale Besucher in dem 2021 eröffneten Museum.

Davon ging man offenbar bei der Planung des Museums aus.

Eine Reproduktion der Nobelpreis-Urkunde darf nicht fehlen.

Das Museum heißt auch offiziell: Haus des Nobelpreisträgers Ivo Andrić.

Zu lesen auf der Eingangstafel. Zweisprachig. Im serbischen Idiom auf Kyrillisch und auf Englisch.

Leider ist das Museum kaum auf internationale Besucher ausgerichtet

Im Inneren sind die Erläuterungstafeln mit wenigen Ausnahmen im serbischen Kyrillisch angeschrieben. Lateinisch sind nur die spärlichen Übersetzungen.

Dass Kyrillisch gewählt wurde statt des in Montenegro eher gebräuchlichen Lateinischen, hat mit Herceg Novi zu tun und nicht mit Ivo Andrić.

In Herceg Novi sind ethnische Serben die Bevölkerungsmehrheit, das Museum gehört der Stadt.

Was der Stadtverwaltung gehört, ist auf Kyrillisch angeschrieben. Das ist ein unabdingbares kulturelles Minderheitenrecht – so wie slowenische Ortsschilder in zweisprachigen Kärntner Gemeinden.

Ausgenommen sind die Mülleimer und die Hinweisschilder auf den öffentlichen Stränden sowie die Buslinie Blue Line.

Herceg Novi bleibt nicht verschon von der großen Politik

Unberührt von den der wieder aufflammenden Nationalitätenfrage in Montenegro bleibt Herceg Novi nicht.

Zu sehen etwa am Tag der serbischen Einheit, der am 15. September begangen wurde.

Diese Tradition soll an die massiven serbischen Opfer im Ersten Weltkrieg erinnern und Nationalbewusstsein bei ethnischen Serben in Serbien und den Nachbarstaaten im ehemaligen Jugoslawien schaffen.

Der serbische Staatspräsident Aleksandar Vučić lässt ihn inbrünstig zelebrieren.

In Herceg Novi beteiligen sich zahlreiche Folklore- und Kulturvereine daran und natürlich die serbisch-orthodoxe Kirche.

Mit Plakaten auf allen Schwarzen Brettern in der Stadt wird Werbung gemacht. Sie werden erst in der Nacht davor angebracht.

„Auf der serbischen Fahne fehlt der serbische Adler“, weist mich mein Bekannter Lazar hin.

Die Zurückhaltung der Veranstalter ist vielleicht auch eine Reaktion auf die Ausschreitungen wenige Tage davor im Cetinje.

Dort hatten Montenegriner gegen die Weihe des neuen serbisch-orthodoxen Metropoliten in Montenegro protestiert.

Barrikaden brannten, die Polizei setzte Tränengas ein.

Hintergrund ist der Streit, ob die orthodoxe Kirche in Montenegro autokephal ist, also selbstverwaltend, oder Teil der serbisch-orthodoxen Kirche. Und wem das beträchtliche Kircheneigentum gehört.

Mehrere montenegrinische Regierungen in den vergangenen Jahren haben mit dieser Frage Politik zu machen versucht – montenegrinisch-nationalistisch oder serbisch-nationalistisch.

Im mehrheitlich serbischen Herceg Novi geht man die Nationalitätsfrage gemischt an.

Gleich gegenüber vom Museum liegt das Büro der Partei „Novska Lista“, der größten Partei der Stadt.

Sie firmiert auf Kyrillisch.

Andere Parteien präsentieren sich mal so, mal so oder spielen bewusst mit der Zweischriftigkeit.

Parten auf den Schwarzen Brettern sind auf Kyrillisch, wenn der oder die Verstorbene serbisch-orthodox war.

In diesem Sommer waren das viele.

Montenegro hat die sechsthöchste Covid-Sterblichkeit weltweit.

Alle anderen Nachrichten auf den Schwarzen Brettern sind in der Regel in lateinischer Schrift.

Was die ausschließlich kyrillische Beschriftung im Museum umso merkwürdiger erscheinen lässt. Sie schließt viele potentielle Besucher aus.

„Svetski pisac“

Schon viele jüngere Kroaten hätten hier Probleme. Sie haben leider kein Kyrillisch mehr in der Schule gelernt.

Ihnen wird so die Chance genommen, sich einer stimmigen Sichtweise auf den Schriftsteller anzunähern, die eben nicht von den nationalistischen Vereinnahmungsversuchen und Umdeutungen geprägt ist, die von Serbien und Kroatien ausgehen.

Ivo Andrić wird in diesem Museum eben nicht für eine serbisch-nationalistische Erzählung reklamiert, wie das in Emir Kusturicas Kitschorgie Andrićgrad in der bosnischen Stadt Višegrad passiert.

Wie die Andrić-Museen in Beograd und in Travnik ist dieser Ort gestaltet von Experten, Wissenschaftlern und Literaturliebhabern.

Hier war es etwa die Literaturhistorikerin Tatjana Korićanac, die lange auch das Museum in Beograd geleitet hat.

Man würde in diesem Museum jeder nationalistischen Vereinnahmung entschieden entgegentreten.

„Wir brauchen keine Nationalzuordnungen“, sagt mir der Museumsführer, als wir vor dem Eingang plaudern.

Seine Kollegin stimmt ihm von drinnen aus zu.

„Svetski kalibar je bio, svetski pisac.“

„Er war ein Weltkaliber, ein Weltschriftsteller.“

Wer Andrić gelesen hat und Literatur liebt, wird das genauso sehen.

Da braucht man nicht mehr zu diskutieren.

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