Wovon Švabos schweigen. Rezension.

Die Volksdeutschen im Zweiten Weltkrieg. Ein nur unzureichend erforschtes und wenig ruhmreiches Kapitel der Geschichte, erstickt von Tabus. Mit ihrem Oral History-Roman „Die Weltreisenden“ versucht die Ethnologin Hilde Link zu ergründen, wie eine Mehrheit der Donauschwaben sich für ein Großdeutsches Reich begeisterte. Nicht nur aus der historischen Perspektive eine spannendes Buch.

Ohne die SS-Division Prinz Eugen hätte Nazi-Deutschland nie die Kontrolle über die deutsch besetzten Gebiete in Jugoslawien gehabt, die sie hatte.

In der SS-Division Prinz Eugen dienten praktisch ausschließlich Volksdeutsche aus der Region, meist Donau- oder Banatschwaben.

Sie war in der Partisanenbekämpfung eingesetzt – Bandenkrieg hieß das in der Wehrmachtssprache – und besonders grausam.

Wie kam es dazu, dass die SS in kurzer Zeit tausende Volksdeutsche für eine eigene Division mobilisieren konnte?

Wie kam es dazu, dass die Deutschen beim Einmarch in Jugoslawien für etliche Kleinstädte wie in der Vojvodina detaillierte Listen mit Namen und Adressen von Juden und Andersdenkenden hatten?

Wie kam es dazu, dass abertausende Volksdeutsche vom ersten Tag der Besatzung an willig die Nürnberger Rassegesetze und die Maßnahmen gegen Juden und Roma mittrugen?

Wieso jubelten in vielen Dörfern und Städten mit großem deutschsprachigen Bevölkerungsanteil ebenjene Deutschsprachigen den Besatzern aus dem Reich freudig zu?

Und: Waren wirklich alle Volksdeutschen Hitlers willige Helfer oder jedenfalls passive Unterstützer oder gab es nicht auch Widerstand?

Es war nie eitel Wonne

Diese Fragen sind der historische Rahmen für den Roman „Die Weltreisenden“ der Ethnologin Hilde Link, erschienen Ende 2021 im Verlag danube books.

Der erzählerische Rahmen ergibt sich aus ihrem Zugang: Link baut die Erzählung auf den Erinnerungen zweier Familien aus dem Dorf Rudolfsgnad bei Großbetscherek in der Vojvodina auf.

Heute heißt Rudolfsgnad Knićanin, die Bezirkshauptstadt Groß-Betscherek bzw. Großbetscherek Zrenjanin.

In Knićanin wurde nach Kriegsende ein Sammellager für die jugoslawischen Donauschwaben eingerichtet, die aus dem Land vertrieben wurden. Knapp zehntausend starben, vorwiegend an Hunger und Krankheiten.

Es war nicht alles eitel Wonne in Rudolfsgnad vor 1933 und schon gar nicht vor 1941.

Das schildert Link sehr deutlich.

Als sich neben deutschen christlichen deutsche jüdische Siedler in dem Dorf an der Theiß niederließen, machte man denen schnell klar, dass man sie nicht wollte.

Die viel beschworene Dorfgemeinschaft – fragmentiert durch die sozialen Unterschiede, die man schon den Kindern einimpfte.

Mit den serbischen Nachbarn kam man aus. Zusammenwachsen tat man nie wirklich.

Darüber das strikt hierarchische Sozial- und Politgefüge des Königreichs Jugoslawien, das sich in besonderem Maße auf Großgrundbesitzer stützte.

Zu denen nicht wenige Donauschwaben gehörten.

Wer die Weltreisenden sind

In diese kleine Welt kommen ab Ende der 20-er junge Männer „aus dem Reich“, die angeblich die Welt bereisen wollen.

Zufällig bleiben sie immer in mehrheitlich deutschsprachigen Dörfern oder Kleinstädten hängen.

Weltreisende nennen sie die Rudolfsgnader.

Sie erkunden die Risse in den Gemeinschaften und vergrößern sie. Und gewinnen so mehr und mehr Volksdeutsche für das noch bevorstehende Dritte Reich.

Tatsächlich setzte die NSDAP schon vor der Machtergreifung, oder vielmehr Machterschleichung, 1933 auf Auslandsspionage und Propaganda unter den Millionen Deutschsprachigen außerhalb der deutschen Staaten.

Ja, hier muss die Mehrzahl gebraucht werden. Auch Österreich verstand sich als deutscher Staat. Bis 1933 waren mit Ausnahme der KPÖ alle maßgeblichen politischen Parteien für einen Anschluss an Deutschland. Die Sozialdemokraten strichen den so genannten Anschlussparagafen nach der Machtübernahme der Nationalsozialisten aus dem Parteiprogramm.

Nach dem 30. Jänner 1933 verschärften die Nazis ihre geheimdienstliche Auslandsarbeit und förderten nationalistische Bewegungen in deutschsprachigen Gebieten in Polen, der Tschechoslowakei und Jugoslawien sowie in Rumänien.

Auf besonders fruchtbaren Boden fiel das im Sudetenland.

Das macht im Rückblick keineswegs aus allen Sudetendeutschen Nazis, aber die Anschlussbewegung wurde dort so stark, dass sie einen wesentlichen Beitrag zur Destabilisierung und späteren Zerschlagung der Tschechoslowakei leistete.

In der Vojvodina und im Banat brachte man Zug um Zug die offiziellen Kulturvereine der Volksdeutschen auf Linie.

Das ging nicht ohne gröbere Konflikte ab.

Diese Strategie ist bis heute aktuell

Diese Strategie wenden auch heute Staaten an, die ein Interesse an möglichst nationalistisch getrimmten Auslandscommunities haben.

Man denke an die ATIB bzw. DTIB in Deutschland und Österreich und die Rolle, die heute viele Kulturvereine für die Dijaspora aus dem ehemaligen Jugoslawien spielen.

Die hängen an den Subventionen der alten Heimat. Wes Brot ich ess, des Lied ich sing.

Transportieren viele – nicht alle – kroatischen und serbischen Kulturvereine stramm nationalistischen Geschichtsrevisionismus, und spalten so die Dijaspora-Gemeinden teilweise, ist das bei vielen – nicht allen – türkischen Vereinen schon etwas heikler.

Die Ausschreitungen der Jugendvereine der Grauen Wölfe vor einigen Jahren in Wien sind ohne langjährige Unterstützung aus der Türkei nicht denkbar.

Hilde Link spricht diese Entwicklungen in „Die Weltreisenden“ nicht an. Das wäre auch schwer ahistorisch.

Aber sie will ihren Roman nicht nur als Beitrag zur historischen Aufarbeitung verstanden wissen sondern als Mahnung gegen unter anderem solche Strategien. Und als Warnung gegen die schleichende Diskursverschiebung durch rechte Parteien und Bewegungen nicht nur in Deutschland und Österreich sondern überall, wo sie auftreten.

Ein wichtiger Beitrag zum Verständnis eines blutigen Kapitels des 20. Jahrhunderts

Dass die Donauschwaben in diesem Prozess nicht nur Verführte sind sondern auch eine Wahl haben, macht Link klar, indem sie auch die Geschichte des zahlenmäßig kleinen Widerstands in Rudolfsgnad erzählt.

Kaum ein Aspekt aus diesem blutigen Kapitel des 20. Jahrhunderts bleibt hier ausgespart.

Mehr sei an dieser Stelle nicht verraten.

So leisten die „Weltreisenden“ einen wichtigen Beitrag, um dieses verschwiegene Kapitel der donauschwäbischen Geschichte einem hoffentlich breiten Publikum zu vermitteln.

Und dazu aufzurufen, heute laut und deutlich Nein zu sagen, wenn wieder das vermeintlich Eigene gegen das vermeintlich Fremde mobilisiert wird.

Die politische Botschaft ist nicht die einzige Stärke dieses Oral History-Romans.

Leider passiert es nicht so oft, dass Romane mit Handlung am Balkan von Menschen mit so großer Sachkenntnis geschrieben werden wie von Hilde Link.

Auch wer die Ufer der Theiß nicht kennt, wer noch nie in der Vojvodina war, wird die Landschaft bei der Lektüre immer vor Augen haben.

Auch, wer nur oberflächliche geschichtliche Kenntnisse über die Region hat, wird sich die radikalen Veränderungen vergegenwärtigen, die es seitdem gegeben hat.

Ganz ohne Schwächen sind die „Weltreisenden“ freilich nicht.

An ein paar Stellen überstimmt die Wissenschaftlerin Hilde Link die Schriftstellerin Hilde Link.

Greift die allwissende Erzählerin zeitlich ein paar Jahre vor, um die Gefahr einer bestimmten Entwicklung deutlich zu machen.

Das wäre im Epilog besser aufgehoben gewesen.

Die eine oder andere Szene hätte mehr Ausschmückung vertragen.

Zugegeben, ein schwieriges Unterfangen bei einem Oral History-Roman. Der stützt sich auf die Erinnerungen von Betroffenen und opfert die Glattheit der Handlung gerne der Authentizität der Erzählung.

Gemischte Genres wie eben dieses haben auch ihre Schwächen.

Dennoch, nicht nur aus historischem Interesse heraus ist den „Weltreisenden“ zu wünschen, dass sie eine möglichst breite Leserschaft finden.

Link, Hilde. Die Weltreisenden. Roman. danube books. ISBN 978-3-946046-26-4

Erhältlich bei danube books und im gut sortierten Fachhandel.

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