Die humane Balkanroute beginnt in Wien

Die Situation für tausende Flüchtlinge entlang der Balkanroute hat sich durch die Witterung massiv verschlechtert. Die Hilfsorganisation SOS Balkanroute versucht, Betroffene in Bosnien und Serbien mit dem Nötigsten wie Schlafsäcken und Jacken zu versorgen. Um ausreichend Material zusammenzubekommen, steigt am 12. Februar im Wiener WUK die bisher größte Sammelaktion der Organisation – mit breiter zivilgesellschaftlicher Beteiligung.

„Österreich schaut ned weg, Wien erst recht nicht“.

Diesmal trifft der Slogan von SOS Balkanroute-Initiator Petar Rosandić besonders gut.

37 Organisationen und zahlreiche Prominente unterstützen die Sammelaktion der Flüchtlingshilfsorganisation am 12. Februar im Wiener WUK.

Die Jüdischen Österreichischen HochschülerInnen, die Muslimische Jugend, die ÖH, die Jugendorganisationen der Parlamentsparteien SPÖ, Grüne und NEOS, mehrere Organisationen bosnischer Österreicher, zahlreiche Asylorganisationen, die Österreichische Gewerkschaftsjugend und nicht zuletzt die Omas gegen Rechts.

(Alle Organisationen findet ihr in dieser Presseaussendung von SOS Balkanroute aufgelistet.)

Ein selten breites Bündnis, das vor allem das Ergebnis der mittlerweile jahrelangen Lobbyarbeit von Petar ist.

Wenn er nicht Hilfstransporte in Bosnien koordiniert, klappert er einen potentiellen Verbündeten nach dem nächsten ab.

Zum Ausruhen ist Petar in den vergangenen drei Jahren kaum gekommen. Auch seine Karriere als Rapper Kid Pex hat unter seinem Engagement für Flüchtlinge gelitten.

Er kann eben nicht anders.

Viel Aufklärungsarbeit nötig

Es ist viel Aufklärungsarbeit zu leisten. Wie es auf der Balkanroute zugeht, interessiert außerhalb von Organisationen, die schon seit Jahrzehnten Flüchtlingshilfe leisten, häufig niemanden.

Die Balkanroute ist ja offiziell seit Ende 2015 geschlossen. Von Super-Basti selbst, wie der bald in die USA abreisende Mehrfach-Altkanzler nie müde wurde zu betonen.

Seit Gründung von SOS Balkanroute hat Petar Parlamentarierinnen und Parlamentarier, Aktivisten, Journalisten auf die angeblich geschlossene Route gekarrt, um ihnen das Elend der Betroffenen vor allem in Nordbosnien vor Augen zu führen.

Und zu zeigen, dass örtliche Helferinnen wie Zemira Gorinjac an den Rand ihrer Möglichkeiten gelangt sind.

Foto: Tomislav Rosandić

Balkan Stories hat SOS Balkanroute auf einer der ersten großen Aktionen begleitet.

Es ist nur eine leichte Übertreibung, dass er die Leute gerade noch nicht mit vorgehaltener Waffe gezwungen hat, mitzufahren und sich selbst ein Bild von der humanitären Katastrophe zu machen.

Daraus hat sich hier wie unten ein respektables Netzwerk entwickelt.

Die Früchte erntet SOS Balkanroute bei der Sammelaktion am 12. Februar.

„Alles muss versucht werden, Opfer zu verhindern“

Nicht nur, dass ein breites Bündnis für Sachspenden trommelt.

Roman Gregory wird Punsch ausschenken, Jazz Gitti Würstel servieren, das österreichisch-Türkische Duo ESRAP hilft ebenso aus wie die Rapperin Gazal – die mit Petar ja auch schon in einem Song gemeinsam Stellung für ein solidarisches Wien bezogen hat.

Es darf nicht reichen der Opfer zu gedenken, wie es Politiker gern tun. Sondern, es muss alles versucht werden Opfer zu verhindern“, erklärt Roman Gregory, warum er am 12. Februar dabei ist.

Er unterstützt SOS Balkanroute seit 2019.

„Wir wollen genügend sammeln, dass wir einen LKW nach Bosnien und einen weiteren ins serbisch-ungarische Grenzgebiet schicken können“, gibt Petar das Ziel vor. „Die Situation in Bosnien hat sich zumindest zahlenmäßig etwas beruhigt, aber die einzige Hilfe, die ankommt, ist immer noch die von kleinen NGOs. Gleichzeitig steigen in Serbien die Zahlen an, weswegen wir am 12. Februar in Wien auch für Geflüchtete dort sammeln werden. Überall entlang der EU-Außengrenze müssen die Menschen, ohne jeglichen Schutz und unter menschenunwürdigen Zuständen im Freien den Winter ausharren“.

Symbolträchtiges Datum

Dass die Sammelaktion auf den 12. Februar fällt, ist eher dem Wochentag und damit dem Zufall geschuldet.

Dennoch ist das Datum symbolträchtig.

Der 12. Februar ist der Jahrestag des bewaffneten Aufstands des sozialdemokratischen Schutzbundes und der Sozialdemokratie gegen den Faschismus in Österreich im Jahr 1934.

Das österreichische Militär und die faschistischen Milizen von der Heimwehr schlugen im Auftrag der Regierung von Engelbert Dollfuß den Aufstand blutig nieder.

Die genaue Zahl der Opfer ist bis heute nicht bekannt.

Trotz der Niederlage gilt der 12. Februar als Beginn der bewaffneten Abwehr des Faschismus. Sozialdemokraten und Antifaschisten aus anderen Lagern gedenken des Tages in Österreich jedes Jahr.

Hilfe für Menschen, die vor Bürgerkrieg und tyrannischen Regimen fliehen, erscheint wie eine natürliche Ergänzung des Gedenktages.

Die Sammelaktion läuft von 12 bis 17 Uhr. Da sollte es sich für die meisten Antifaschisten ausgehen, dass sie vor der abendlichen Gedenkfeier noch einen Sprung vorbeischauen.

Für den Getränke- und Speisenbereich gilt die so genannte 2G Plus Regel.

Ihnen scheint das Handy zu gefallen, das SOS Balkanroute gesammelt hat. Foto: Tomislav Rosandić

Für alle, die von der G-Punkt-Suche der heimischen Behörden mittlerweile nachvollziehbarerweise verwirrt sind, heißt das: Teilnehmen dürfen nur Menschen, die gegen Corona geimpft sind oder vor kurzem von Covid-19 genesen sind und einen PCR-Test haben.

Wer nur Spenden abgeben will, braucht nur Impf- oder Genesungszertifikat, PCR-Test ist nicht nötig.

Fotos:

Sammelaktionen: (c) Murtaza Elham

Bosnien: (c) Tomislav Rosandić

Einen Einblick in die schwierige Situation von Flüchtlingen auf der Balkanroute gibt diese Reportage.

Dieser Bericht der deutschen Flüchtlingshelferin Anna-Lena Schulz vermittelt die Herausforderungen für die Helfer und die politischen Hintergründe des Elends.

In diesem Beitrag auf Balkan Stories findet ihr Details über die brutalen Strategien der kroatischen Grenzbehörden, um Flüchtlinge davon abzuhalten, in die EU zu gelangen.

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