Der letzte Flug der Möwe

Titos Yacht, die legendäre Galeb zu Deutsch: Möwe, wird für ihre letzte Reise vorbereitet. Im Hafen von Rijeka in Kroatien soll sie zu einem Museum umgestaltet werden – mit reger Beteiligung vieler Menschen, die sich an die aktive Zeit des Schiffs erinnern können. Zahlreiche Menschen sind einem Aufruf der Stadtverwaltung gefolgt, Ausstellungsobjekte beizusteuern, wie Balkan Stories erfahren hat.

Um die zwei Dutzend Menschen aus Kroatien, Serbien und Montenegro haben in den vergangenen Wochen Objekte für das geplante Museum bereitgestellt, das eines der schillerndsten Kapitel der jugoslawischen Geschichte gewidmet ist.

Das verrät Kristina Pavec Balkan Stories. Sie ist Kuratorin im Stadtmuseum von Rijeka und für das Projekt Galeb zuständig.

„Die meisten sind Menschen, die früher auf der Galeb ihren Dienst versahen“, sagt sie. „Sie steuern meist Orden, Medaillen und Fotos bei.“

Das ist eine beachtliche Reaktion. Die Stadt Rijeka hat erst vor wenigen Wochen einen öffentlichen Aufruf gestartet, in der sie um Objekte gebeten hat.

Die rege Teilnahme zeugt von der großen Bedeutung, die viele Menschen aus der Region dem ehemaligen Jugoslawien auch 30 Jahre nach seinem gewaltsamen Zerfall beimessen – allen voran Tito.

Die Galeb war seine Staatsjacht. 28 Jahre lang, von 1952 bis 1980. Sie war Titos Erholungsraum – und Bühne für seine internationale Politik.

Die Flugangst des Staatschefs war legendär. Auf der Galeb legte er 86.000 Seemeilen zurück.

Viele waren Treffen für die Bewegung der Blockfreien gewidmet – jener internationalen Bewegung, die im Kalten Krieg ein Gegengewicht zu NATO und Warschauer Pakt bildete und vor allem weniger reiche Staaten vertrat.

Gast auf der Galeb war etwa der ägyptische Staatspräsident Gamal Abdel Nasser, die dritte zentrale Figur der Bewegung neben Tito und dem indischen Premierminister Jawaharlal Nehru.

Wenig überraschend war auch Titos Frau Jovanka regelmäßig Gast auf dem Schiff. Sie galt eines der treibenden Theoretikerinnen hinter Titos Politik.

Kolonialfrachter, Minenleger, Friedensschiff

Dass die Galeb Schauplatz für internationale Friedensbemühungen wurde, war ihr nicht in den Trockendock gelegt.

Das Schiff wurde 1938 unter dem Namen Ramb III gebaut und sollte als Bananentransporter zwischen dem Mutterland Italien und dessen soeben blutigst eroberten ostafrikanischen Kolonien dienen.

Nach Kriegsausbruch beschlagnahmte die italienische Marine das Schiff und rüstete es zum Hilfskreuzer um. Die Royal Navy versenkte das Schiff 1941 in Bengazi, die italienische Marine barg es. Als Italien 1943 kapitulierte, fiel es den Deutschen in die Hände.

Die rüsteten die Ramb III zunächst zum Truppentransporter um, ab 1944 diente sie als Kiebitz als Minenleger.

Im November 1944 wurde sie bei einem US-Luftangriff im Hafen von Rijeka versenkt. Rijeka hieß bis 1945 Fiume und kam erst nach der Kapitulation Nazi-Deutschlands wieder zu Jugoslawien.

Die Marine des neuen Jugoslawien barg das Schiff, rüstete es zum Schulschiff für Marineoffiziere der Marine der JNA um und taufte sie Galeb. Möwe.

Titos Staatsyacht war sie im Nebenberuf.

Drei Eigentümer seit 1991

Nach 1991 fiel das Schiff in rumpfjugoslawische, konkret: montenegrinische, Hände und rostete in der Bucht von Kotor vor sich hin. Ortsansässige plünderten sie.

2001 wurde sie an den griechischen Reeder Ioannis Pavlos Papanikolaou verkauft. Der war reich, aber eben kein Aristoteles Onassis. Vielleicht erklärt das, warum er nur 750.000 Dollar für das legendäre Schiff bezahlte.

Papanikolaou wollte das Schiff aufwändig restaurieren. Das Projekt scheiterte an finanziellen Problemen.

Der Staat Kroatien sprang ein, erklärte die Galeb 2006 zum nationalen Erbe und kaufte sie für 150.000 Dollar und stellte sie im Hafen von Rijeka ab.

Papanikolaou war wirklich kein Onassis.

Erst EU-Mittel ermöglichten den Umbau

Was seitdem mit dem Schiff passierte – oder eben nicht passierte -, ist symbolisch dafür, wie die kroatische Gesellschaft ihre politische Zerrissenheit über den Umgang mit der jüngeren Geschichte und ihren Hinterlassenschaften austrägt.

Foto: Peter Kürschner

Für die klerikalnationale HDZ war und ist die Galeb ein ungeliebtes Relikt der verhassten jugoslawischen Geschichte. Noch dazu verbunden mit Tito, dem Gottseibeiuns des kroatischen Nationalisten schlechthin.

Das änderte sich auch nicht, als man die Galeb auf öffentlichen Druck hin dem Doch-Nicht-Onassis Papanikolaou abkaufte und unter Denkmalschutz stellte.

Geld, um das geschützte Denkmal zu restaurieren, gab es erst, als Rijeka zur europäischen Kulturhauptstadt ernannt wurde und die EU sich bereiterklärte, 85 Prozent der Restaurations- und Umbaukosten zu übernehmen.

Die Stadt Rijeka, traditionell sehr links und unverkrampft im Umgang mit dem jugoslawischen Erbe, hatte ihrerseits kein Geld, um die Galeb zu restaurieren. Davon, sich ein Museum auf der ehemaligen Staatsjacht leisten zu können, konnte man ohnehin nur träumen.

Einziger Schönheitsfehler im EU-geförderten Projekt: Auf der Galeb soll nicht nur ein Museum samt Shop und Cafe entstehen sondern auch ein Hostel. Für ein derartiges Projekt eher ungewöhnlich.

Warum, wisse sie nicht, sagt Kuratorin Kristina Pavlec gegenüber Balkan Stories.

Es wäre freilich nicht die Geschichte der Galeb, wäre der Umbau zu einem Museum planmäßig verlaufen.

Rijeka war 2020 europäische Kulturhauptstadt. Das Museum auf der Galeb, gestaltet von Nikolina Jelavić Mitrović, hätte am 1. Juni diesen Jahres eröffnet werden sollen.

Allein, das Projekt Rijeka 2020 geriet ins Schlingern wie die Galeb nicht einmal im schlimmsten Sturm. Die Covid-Pandemie verstärkte das.

Die Galeb dümpelte weiter vor sich hin.

Die Stadtverwaltung von Rijeka und das Stadtmuseum übernahmen das Projekt von der Leitung von Rijeka 2020. Seitdem liegt die Restaurierung im neuen Zeitplan.

Foto: Igor Crnokvić

„Eine Eröffnung ist gegen Ende des Jahres geplant“, sagt Kuratorin Pavec. „Ein genaues Datum haben wir aber noch nicht.“

Wer einen Beitrag zum geplanten Museum leisten möchte, kann das HIER tun.

Titelfoto: Igor Crnokvić

5 Gedanken zu “Der letzte Flug der Möwe

  1. So ein schönes Schiff!

    Und eigentlich ist die Verspätung doch gar nicht schlimm. So bekommt Rijeka nach der Kulturhauptstadts- in ein paar Jahren noch einmal die schiffsbedingte Aufmerksamkeit.

    Hoffentlich wird es ein günstiges Hostel…

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