Istrien, heißt es, macht die Menschen offener und spontaner. Und das durchaus in Kombinationen, die man nicht erwarten würde, wie dieser Lokalaugenschein zeigt.

Am liebsten hätte ich diesen Eintrag „Kroatischer Asphalttango“ getauft.

Klingt verruchter als Straßentango. So nach B-Movie mit Erotikeinlagen. Clickrekorde garantiert.

Nur ist es eben kein Asphalt, der die Fußgängerzone Rovinjs bedeckt. Es ist sauberer, glatter, heller Stein.

Von dort her klingt Tanzmusik, genauer gesagt ein Tango.

Mitten in der Fußgängerzone tanzt ein Pärchen dazu. Leidenschaftlich. Elegant. Einheimische und Touristen schauen entzückt zu.

Nicht nur den einen Tango wagen die zwei in der Öffentlichkeit. Die Welt um sich herum haben sie vergessen. Zumindest scheint es so.

Die einzige Grenze ist die der Kondition. Bei den beiden übrigens eine sehr weite Grenze.

„Soll ich?“, schießt es mir durch den Kopf.

Nicht abklatschen. Ich kann nicht mal Walzer. Ich denke ans Fotografieren.

Zu Hause wäre das undenkbar

Zu Hause, in Wien, wäre die Szene undenkbar.

Am Platz Tango tanzen, das geht nur an einem Ort in Wien und nur an einem Abend die Woche.

Am frühen Nachmittag, das geht nur in Istrien.

Ich schieße ein paar Fotos. Nicht zu nahe dran, die beiden nur nicht stören. Fragen kann ich ja nachher. Im schlimmsten Fall muss ich die Bilder eben löschen.

Nach einer knappen Viertelstunde wird es den beiden in der Hitze des Septembernachmittags zu viel.

Die beiden müssen gut in Form sein, um das in der Intensität so lange ausgehalten zu haben.

Die Haare am Kopf klebend, die Gesichter gerötet, etwas aus der Puste, verneigen sie sich. Das Publikum applaudiert freudig.

Das Pärchen bedankt sich bei der Band und geht in meine Richtung ab.

Zuerst in der Sprache ohne Namen, dann auf Englisch spreche ich die beiden an.

„Die Band hat extra für uns Tango gespielt“

Es stellt sich heraus: Ich hätte es gleich auf Deutsch probieren können.

Die zwei heißen Elli und Hubert. Sie kommen aus Regensburg.

„Wenn’s was Positives ist, kannst du die Bilder gerne verwenden“, sagt Hubert.

„Wir haben die Musik gehört und dann kam das Tanzen ganz spontan“, schildert Elli. „Die Band hat dann extra für uns Tango gespielt. Das hat ihnen auch Spaß gemacht.“

Ellis und Huberts Sohn im Teenageralter ist das alles ein bisschen peinlich. Noch dazu werfen einander die Eltern verliebte Blicke zu.

„Wir haben uns auch beim Tango tanzen kennengelernt, vor langer Zeit“, sagt Hubert.

Dennoch: In Deutschland hätten sich das die beiden vermutlich nicht so getraut.

Auch die Band ist eine Überraschung

Nur, das Meer und die offene Kultur in Istrien, die machen offener und spontaner. Heißt es zumindest.

Vielleicht liegt’s auch nur daran, dass man eben auf Urlaub ist. Da tut man immer Dinge, die man zuhause nicht tun würde.

Die Band spielt derweil weiter. Es wird etwas jazziger.

„Die kommen übrigens aus Salzburg“, sagt mir Elli.

Ich muss kurz auflachen.

Eine Salzburger Band bringt ein deutsches Ehepaar in Kroatien spontan zum Tanzen. Da soll noch wer sagen, die EU wäre für nichts gut.

Die Band, stellt sich bei einer Pause heraus, heißt LiberTango und macht eine Art Sommerurlaub die kroatische Küste entlang.

Und wenn man schon Vollblutmusikerin oder Vollblutmusiker ist, wenn sich da und dort auf der Durchreise ein Gig ergibt, sagt man auch nicht Nein.

Zumal solche Auftritte die Reisekasse aufbessern.

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Wozu hoffentlich auch Ellis und Huberts Auftritt beigetragen hat.