Ein etwa zehnjähriges Roma-Mädchen arbeitet an einem Sonntagvormittag auf den Straßen Beograds für seinen Lebensunterhalt. Und ernährt vermutlich die Familie mit. Für einen Augenblick wenigstens darf es Kind sein.

Drei Frauen verlassen ein Bekleidungsgeschäft auf der Knez Mihajlova kommen, der Einkaufsstraße Beograds, mit einem großen Papiersackerl in der Hand.

Sie gehen direkt auf eine Zehnjährige zu, die auf einer der sternförmigen Banken auf der Straße sitzt.

Die Kleine blickt sie neugierig an.

Die Jüngste der drei beugt sich mit dem Sackerl zu dem Mädchen herab, alle drei beginnen, freundlich mit der Kleinen zu reden.

Die Kleine nimmt das Sackerl und schaut mit großen Augen rein.

Sie beginnt zu strahlen, als ihre Hand ins Sackerl wandert und etwas hervorholt.

Es ist eine rote Baseballkappe.

Auch aus der Entfernung kann man sagen, dass die Kappe eine bessere Qualität hat und mit Sicherheit teurer war als die Souvenirkappen in den einschlägigen Shops auf der Knez Mihajlova.

Die Frauen lächeln zufrieden, wechseln ein paar aufmunternde Worte mit der Zehnjährigen.

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Die würde die drei am liebsten umarmen. Aus irgendeinem Grund kommt es nicht so weit.

Freudestrahlend setzt sie sich die Kappe auf.

Als die Frauen nach einem kurzen Gespräch weiter Richtung Kalemegdan gehen, strahlt sie noch immer.

Nach einer Minute besinnt sich das Roma-Mädchen, warum es auf der steinernen Bank sitzt.

Es hört auf, zu lächeln.

Die Kleine beugt sich herunter und holt Geige und Bogen aus seinem Geigenkasten. Sie beginnt, vor dem offenen Kasten zu spielen.

„Ich sammle für die Schule, für Schuhe und für das Leben“, steht auf einem Pappkartonschild, das es gegen den Deckel des Geigenkasten gelehnt hat.

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Hier gibt’s nichts zu sehen

Die meisten Menschen gehen achtlos vorüber.

Straßenmusizierende Kinder sind in Beograd nichts Außergewöhnliches. Zumal nicht, wenn es Roma sind.

Um die Ecke spielt ein etwas älterer, dicker, Bub ebenfalls Geige. Auch er ist sichtbar Rom. Vielleicht ist es ihr Bruder.

„Ich glaube nicht, dass sie in die Schule gehen“, sagt Bilja, eine Freundin, mit der ich heute durch die Innenstadt spaziere.

Sie könnte Recht haben.

Nach Auskunft von Roma-Organisationen geht landesweit ein Viertel bis ein Drittel von Kindern in Roma-Familien nicht in die Schule.

Nicht-Roma-Eltern gehen häufig auf die Barrikaden, wenn Romakinder in die gleiche Klasse oder auch nur die gleiche Schule gehen soll wie ihre Kinder.

Häufig werden die Kinder aus der Volksgruppe auch in Sonderschulen gesteckt und im Unterricht diskriminiert.

Den serbischen Behörden – und denen der anderen Nachfolgestaaten Jugoslawiens – ist das weitgehend egal.

Dazu kommt, dass viele Roma-Familien Bildung als etwas Gefährliches ansehen, das den sozialen Zusammenhalt der eigenen Gruppe stören könnte.

Eine verständliche, wenn auch selbstbeschädigende, Reaktion auf Gesellschaften, die Roma im Lauf der Geschichte ausgegrenzt, verfolgt und fallweise getötet haben – und wenn das nicht, haben sie häufig versucht, ihnen das Roma-Sein auszutreiben.

Das Elend der Roma

Dazu kommt, dass seit dem Ende des Sozialismus Hunderttausende Roma am Balkan in akute Armut abgestürzt sind, die das bei weitem übertrifft, was die Nicht-Roma in diesen Staaten an Verarmung erlebt haben.

Rom oder Romni sein heißt für die meisten, keine Aussicht auf einen Arbeitsplatz zu haben. Als Tagelöhner, Altmetallsammler, Verkäufer am Rand der großen Märkte oder Bettlerin dahinzuvegetieren. In diesem Elend geraten auch nicht wenige auf die schiefe Bahn.

Viele leben in Slums mit Wellblech als Dächer für Hütten aus Paletten und Sperrholz, befestigt mit ein paar Autoreifen.

Wasser und Kanalisation gibt es nicht. Dass der Strom, mit dem gekocht und ferngesehen wird, angemeldet ist, muss man nicht zwingend annehmen.

„Informelle Siedlungen“ heißen die Slums im Fachjargon von NGO’s mittlerweile etwas beschönigend. Das klingt wie eine Kleingartensiedlung, in der ohne Baugenehmigung mehr oder wenige kleine Wohnhäuser die Gartenhütten ersetzt haben.

Wer Glück hat, wird Musikerin oder Musiker. Damit ist ein Mindestmaß an Sozialprestige verbunden.

Das zwingt viele Roma-Familien, ihre Kinder früh zum Arbeiten zu schicken. Jede Hand wird gebraucht, um die Familie irgendwie über Wasser zu halten.

Das mag kurzfristig ein Ausweg sein.

Langfristig zementiert es die Verhältnisse ein, in denen Roma am Balkan leben.

Der Teufelskreis

Wer arbeiten muss, kann schlecht lernen. Wer schlecht lernt, hat kaum Chance auf Bildung. Wer kaum Bildung hat, hat so gut wie keine Chancen auf einen Arbeitsplatz, von dem er oder sie leben kann.

Auch wenn es eine abgedroschene Formulierung ist – es ist ein Teufelskreis.

Einer, der völlig unabhängig davon läuft, was die Eltern von Bildung halten. Nicht wenige Roma-Familien sind sehr wohl dahinter, dass ihre Kinder einen Schulabschluss machen und vielleicht sogar ein Studium.

Angesichts der offenen Diskriminierung von Roma am Balkan seit dem Ende Jugoslawiens ist das schwer genug geworden.

Vielleicht trifft das auch auf die Eltern des Mädchens auf der Knez Mihajlova zu.

Vielleicht versuchen die alles, um dem Kind eine Ausbildung zu ermöglichen und können trotzdem nicht darauf verzichten, was die Zehnjährige an Wochenenden erspielt.

So oder so, jeder Tag, den dieses Kind auf der Knez Mihajlova oder sonstwo seinen Lebensunterhalt verdienen muss, ist ein Tag, an dem es nicht lernen, sich ausruhen oder spielen kann.

Ein Tag weniger, an dem es Kind sein kann.

Darüber dürfen die zwei Minuten, an denen die Kleine heute Kind sein durfte, nicht hinwegtäuschen.