Er liebt den Balkan und betrachtet Sarajevo als sein Zuhause. Bleiben darf er nie so lang, wie er möchte: Nick Semwogerere, Hip Hopper/Rapper und Sprachlehrer aus London. Balkan Stories hat mit ihm darüber gesprochen, warum der Balkan Liebe auf den ersten Blick ist. Und wie es sich Balkan-Nomade lebt.

Nick Semwogerere ist auf Durchreise. Wieder mal. Seine drei Monate in Bosnien sind um.

Um ein neues Visum zu bekommen, muss er mindestens drei Monate lang außerhalb des Landes verbringen.

Nach einem Vierteljahr als Sprachlehrer in Mostar geht’s über Wien nach London. Mit dem Bus. Von dort nach Skopje.

„Ich besuche einen Freund. Bei ihm hab ich noch Sachen lagern, die nehm ich auch gleich mit. Da schlag ich zwei Fliegen mit einer Klappe“, sagt Nick. „Dann werd ich ein paar Monate in Montenegro verbringen und irgendwann im Mai bin ich wieder in Sarajevo.“

Seit acht Jahren geht das so. „Ich hab mich daran gewöhnt. Am Anfang war das sogar aufregend. Mittlerweile stört es mich jedenfalls nicht.“

Es muss Liebe sein. Wenn man Nick zuhört, Liebe auf den ersten Blick. Seit seinem ersten Besuch im Jahr 2010 kriegst du Nick nicht aus dem Balkan. Und den Balkan nicht aus ihm.

„Die Leute schaffen es, das Leben zu genießen“

Eigentlich wollte er in Bosnien mit einem Freund Videoproduktionen machen.

„Ich kam damals nach Bosnien mit all den Geschichten im Hinterkopf, die einem so erzählt werden. Vom Krieg. Und von der Wirtschaftskrise, die wir damals ja alle hatten. Und da sehe ich: Das sind Leute, die nicht nur mit dieser Krise umgehen können. Sie schaffen es sogar, das Leben zu genießen.“

Bis heute sind es die Menschen, die ihn in der Region halten. „Man sagt zwar, die Gastfreundlichkeit ist nicht mehr so wie früher. Das kann schon sein. Aber für mich als Briten ist das überwältigend.“

In der Kultur fühlt er sich wohl. Seiner Meinung nach liegt das an seinen Wurzeln: Nick ist Kind afrikanischer Einwanderer.

„Die Art und Weise, wie Menschen am Balkan kommunizieren und die Art, wie man in afrikanischen oder karibischen Kulturen kommuniziert, ist ähnlich. Zum Beispiel reden die Leute am Balkan eben lauter. Und wenn ich in Großbritannien mit Freunden oder meinen Eltern rede, ist das genau so. Da werden wir von Außenstehenden schon mal gefragt: Warum streitet ihr die ganze Zeit? Aber wir streiten nicht. Wir reden einfach lauter.“

Nick Semwogerere

Auch ein weiteres Detail sei ähnlich. „Was wir zuhause als afrikanische Zeit bezeichnen, gibt’s hier auch. Leute verspäten sich eben. Wenn dir am Balkan wer sagt: Ich hol dich um halb sechs ab, kommt er um sechs. Und wenn er um sechs nicht da ist, und du rufst an, und er sagt: fünf Minuten, dann weißt du, es dauert noch mindestens 15.“

Aus der Produktionsfirma wurde letztendlich nichts („Hier unten dauern manche Dinge eben länger“). Nick blieb trotzdem.

Drei Monate Heimat am Stück

„Sarajevo ist meine Heimat geworden“, sagt er.

Eine Heimat immer nur für drei Monate am Stück. Ein Visum, das länger gültig wäre, kriegt er nicht.

Das gilt auch für die Ausweichstationen Serbien, Kosovo oder Montenegro. Visabestimmungen in Ex-Jugoslawien sind hart. Man will keine Einwanderung.

Nicht, dass die in absehbarer Zeit ein sonderlich großes Problem werden könnte. Jährlich wandert aus Bosnien und Serbien bis zu ein Prozent der Bevölkerung aus.

Mazedonien, Kosovo und Montenegro stehen auch nicht viel besser da. Auch in Kroatien verlassen die Menschen die Heimat in Scharen.

„Ich versteh das nicht“, sagt Nick. „Man sollte doch glauben, diese Länder wären über jeden froh, der bleibt. Und wenn es nur die digitalen Nomaden sind. Die lassen wenigstens Geld da. Das würde auch schon helfen.“

In Kroatien dürfte Nick als (Noch-)EU-Bürger bleiben. Von längeren Zwischenstopps abgesehen, zieht es ihn weiter nach Süden.

Immer ein Vierteljahr her, ein Vierteljahr da.

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Lehrer und Musiker

„Ich arbeite als Lehrer“, erzählt Nick. Vorwiegend als Sprachlehrer. Da hat es ihn auch schon in die Türkei verschlagen.

Zuletzt hatte er einen Job in Mostar. Auch Online-Kurse gibt er.

Die Musik hat er nicht aufgegeben. Unter dem Künstlernamen Smooth Deep produziert er weiter Hip Hop Songs.

Sein größter Hit: Sarajevo Grade Moj. Eine Hip Hop Version des Hits von Halid Bešlić.

Entstanden ist der Song übrigens unter Beteiligung eines mazedonischen Künstlers.

Die zweite größer geplante Nummer sucht noch Sponsoren. Der Song Balkan Beauty.

„Ich bin einmal in Sarajevo fast in einen Laternenmast gerannt, als ich mit einem Freund spazieren ging“, schildert Nick. „Er meinte: ‚Schau doch, wo du hin trittst‘. Dann hat er bemerkt, dass ich den Frauen nachschaue.“

Nick gerät ins Schwärmen. „Hier ist einfach der Anteil schöner Frauen viel höher als in London. Das gilt für alle Balkanländer.“

Woran Balkan Beauty gescheitert ist

Aus der Beobachtung wurde ein Songtext. Bis heute kam er nicht groß raus. Was mehr an den Begleitumständen liegt als an Nick.

„Ich wollte das mit einem professionellen Video machen, die Sache groß rausbringen. Das Geld hab ich versucht, über Crowdfunding aufzustellen. Nur, für die Menschen hier ist es völlig unverständlich, warum sie anderen Menschen Geld geben sollten, damit sie ein Video und einen Song produzieren.“

Über Kontakte kam er zu einem Londoner Produzenten und von dem zu einem House-Label in Dubrovnik. Man war sich praktisch handelseins.

„Nur, dann kam der Produzent und hat gemeint: ‚Meine Leute haben mit dem Song ein Problem‘. Ich fragte: ‚Wer sind deine Leute und was ist das Problem?'“

„Meine ‚meine Leute‘ meinte er die Kroaten. ‚Schau, du singst da auch positiv über Serbien. Das geht nicht.‘ ‚Aber ich erwähne hier alle Balkanländer. Darum geht es in dem Lied.‘ Das hat er einfach nicht verstanden.“

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Ähnliche Erfahrungen machte er mit einem britischen Produzenten mit bosnischen Wurzeln. „Er hatte Angst, dass seine Familie enttäuscht wäre, wenn er mit einem Song zu tun hätte, der Serbien positiv darstellte.

Auch bei einem weiteren kroatischen Produzenten klappte es nicht.

„Der war bereit, es zu produzieren. Nur wollte er, dass wir fürs Video die kroatische Küste rauf- und runterzufahren mit einem Haufen Frauen in Bikinis an Bord. Dabei war das Konzept, in allen Hauptstädten zu drehen.“

Nick sucht weiter nach Sponsoren. Bis dahin bleibt die Demo-Version.

Ein Crvena Zvezda-Fan

Nach acht Jahren vorwiegend in Ex-Jugoslawien kennt Nick die Minenfelder nationalistischer Ressentiments.

Er schert sich wenig darum.

Den meisten Menschen sei das sowieso egal, sagt er in einem unserer früheren Gespräche.

Das mag in einem gewissen Widerspruch zu einem seiner Lieblingsfußballklubs stehen.

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Heute trägt er einen Hoody von Crvena Zvezda, von Roter Stern Beograd. Es gibt kaum einen Klub am Balkan, dessen Fans als so nationalistisch gelten wie die von Roter Stern.

Aber das Team ist eines der wenigen aus dem ehemaligen Jugoslawien, das auf internationalem Niveau mithält.

Mit dem Hoody erreicht auch Nick eine Grenze. „Das trag ich vielleicht noch in Istočno Sarajevo“, sagt er. Das ist der ehemalige Stadtteil von Sarajevo, der heute in der Republika Srpska liegt.

In Sarajevo selbst könnte er damit Probleme kriegen. Das lässt er lieber.

Die neue Heimat erklären

Wenn er Zeit, versucht er, seine neue Heimat einem internationalen Publikum zugänglich zu machen.

Auf seinem Youtube-Channel klärt Nick unter seinem Künstlernamen Smooth Deep über die Besonderheiten des Balkan auf. Positiv wie negativ. Und meist mit ironischer Distanz zu westlicher Wahrnehmung wie zu balkaninternen Klischees.

Bei all dem Nationalismus am Balkan sei dennoch eines auffällig, sagt Nick: „Ich habe hier weniger Rassismus erlebt als zuhause. Vielleicht verbringen die Leute hier einfach zu viel Zeit, einander zu hassen und haben für sowas keine Zeit.“

Vorkommnisse habe es gegeben. „Aber sie haben weniger wehgetan als zuhause. Hier kommt das mehr aus einer Unwissenheit heraus und weniger aus ‚Hass‘.“

Es verändere sich aber langsam: „Seitdem einige arabische Investoren und Migranten nach Bosnien gekommen sind, bemerke ich, dass die Spannungen zunehmen. Zuerst gegen Araber und jetzt vielleicht auch generell gegen Menschen mit dunklerer Hautfarbe.“

Chercher la femme

Nur eines bereitet ihm bis heute Kopfzerbrechen.

„Mit Frauen auszugehen, ist hier kompliziert“, sagt er. Und erinnert sich an ein Erlebnis in Vogošća am Stadtrand von Sarajevo.

„Ich seh diese junge Frau wochenlang jeden Tag im Bus. Wir lächeln uns an und schauen uns an und wir flirten miteinander. Du weißt schon die Körpersprache und alles.“

Eines Tages nimmt er sich ein Herz und spricht sie an, als sie an der gleichen Station aussteigen.

Am Anfang sei’s ziemlich gut gegangen, erinnert sich Nick. „Aber dann hab ich sie nach ihrer Telefonnummer gefragt und sie war weg.“

Da gebe es eben kulturelle Unterschiede: „In London fragst du gleich nach der Telefonnummer. Du weißt ja nicht, ob du die Frau jemals wieder siehst. In einer Kleinstadt in Bosnien, wo jeder jeden kennt, da machst du dir wahrscheinlich Sorgen, was die anderen denken.“

Das macht das Leben manchmal etwas kompliziert. Auch für einen Balkan-Nomaden.