Dass die Gemeinde Zagreb den Trg maršala Tita, den Marschall-Tito-Platz, umbenennt, stößt in deutschsprachigen Ländern auf Beifall. Eine revisionistische Sichtweise der jugoslawischen Geschichte ist hier weit verbreitet. Samt der Bereitschaft, faschistische Regime per Gleichsetzung mit dem Kommunismus zu relativieren.

„Der Titoismus“, sagt G., „hat 600.000 Tote gefordert. Tito ist ein grausamer Mörder.“

G. ist kein kroatischer Neofaschist. Er ist nicht einmal kroatischer Nationalist. Er kommt aus dem Westen Österreichs.

Wenn er über Tito spricht, bebt G.s Stimme immer vor Entrüstung und Selbstgerechtigkeit.

Woher er die Zahl hat, weiß G. nicht mehr. Er hat nur Aussagen eines britischen Geheimdienstoffiziers gelesen, der die zynische Kriegsführung der Tito-Partisanen kritisierte.

Die Partisanen hätten, so G., die Deutschen zu möglichst brutalen Vergeltungsaktionen an der Bevölkerung gereizt. Sie seien also Schuld an den Toten.

Das meint er mit Titoismus. Und geht gleich über zum Massaker von Bleiberg, wobei er nicht einmal den Namen der Gemeinde kennt. Und zu Goli Otok, dessen Namen er auch nicht kennt.

Von den Verbrechen der Ustaša hat F. nur vage gehört. Er hält sie für verurteilens- aber kaum erwähnenswert.

G. ist bürgerlich-liberal und Mitglied der Grünen. Er ist umfassend historisch und philosophisch gebildet.

Er würde es ausdrücklich begrüßen, dass der Trg maršala Tita umbenannt wird, würde ich ihn danach fragen.

Unsere bisherigen einschlägigen Unterhaltungen lassen es in Hinblick auf meinen Blutdruck ratsam erscheinen, das nicht zu tun.

Der Revisionismus kommt von rechts

M. ist ein Bekannter aus dem vage linken Spektrum mit Hang zu Verschwörungstheorien. Er kommentiert meine Analyse zur Umbenennung des Trg maršala Tita auf Facebook mit viel Relativererei:

Er hat den tödlichen Faschismus mit dem tödlichen Kommunismus ausgetauscht. Auf was kann man da stolz sein? Derselbe Mörder wie die anderen. Auf dem Müllhaufen der Geschichte – da ist sein Platz.“

Das mag sogar aufrechter Moralismus sein, nur steht er wie jeder Moralismus einer kritischen Sicht auf die Welt im Weg. Wer alles gleich schlimm findet, hat keine Worte mehr für das Schlimmste.

Die Liste an Beispielen ließe sich lange fortsetzen. Tito war ein verabscheuungswürdiger Massenmörder und Jugoslawien ein großserbischer Völkerkerker.

Das ist der historische Befund vieler Österreicher und Deutscher. In Ländern wie Australien und Kanada dürfte es kaum besser aussehen.

Das kann kaum überraschen. Sofort nach dem Zweiten Weltkrieg haben geflüchtete Ustaša ein politisches Netzwerk im Ausland aufgebaut. Teilweise stark unterstützt von der katholischen Kirche.

Ihre revisionistische Sichtweise wurde peu a peu mainstreamfähig.

Was sagt der Duden?

Nachgefragt hat kaum wer. Das hat etwa die Duden-Affäre im Vorjahr gezeigt. In der Online-Ausgabe und Printausgaben seines Fremdwörterbuchs interpretierte das renommierte Wörterbuch seit 1974 den Begriff Ustaša als „kroatische nationalistische Bewegung, die den serbischen Zentralismus in Jugoslawien bekämpfte„.

Die Definition wurde umgehend geändert, nachdem Balkan Stories diese grob verharmlosende Definition thematisiert hatte und der deutsche Historiker Dario Vidojković dem Verlag eine Stellungnahme geschickt hatte.

Dass die Propagandaarbeit der Ustaša so viel Erfolg hatte, hat auch Ursachen im Bildungsbetrieb.

Was im Zweiten Weltkrieg in Jugoslawien passiert ist, wird in österreichischen und deutschen Schulen praktisch nicht unterrichtet.

Die katholische Achse

Dazu kommt, dass die Außenpolitik in Österreich mit Ausnahme der Ära Bruno Kreisky fast immer in konservativer Hand war.

Die katholische ÖVP war dem kroatischen und slowenischen Nationalismus gegenüber immer sehr aufgeschlossen.

Jegliche nationalistische Aufwallung in den nördlichen (Ex-)Teilrepubliken Jugoslawiens und vor allem in Kroatien wurde und wird in diesem Klima als mehr oder weniger legitime und unvermeidliche Reaktion auf tatsächliche oder angebliche großserbische Umtriebe verharmlost.

Vor allem in konservativen Kreisen in Österreich ist Jugoslawien bis heute ein Synonym für großserbisches Machtstreben.

Der Völkermord an Serben, Juden und Roma wird zu einem vernachlässigbaren Detail der Geschichte, wenn man es nicht gleich ganz abstreitet. Die Befreiung Jugoslawiens für die Konservativen zu einem kommunistisch verbrämten Versuch der großserbischen Machtübernahme.

Wie Liberale Faschismus verharmlosen

Die Lesart vieler Bürgerlich-Liberaler ist die der hierzulande so beliebten Äquidistanz zu Faschismus und Kommunismus, eine Einladung zur selbstgerechten Empörung.

Beides gleich schlimm. Menschen sind überall eingesperrt und ermordet worden. Es muss einem Schluss sein mit der Aufrechnung.

So kann man schönreden, dass die historischen Vorgänger mit wenigen Ausnahmen den deutschen und österreichischen Faschismus mit ihrer Passivität erst ermöglicht haben.

Das anhand ausländischer Beispiele durchzudeklinieren, ist besonders sicher.

Der Revisionismus fällt weniger auf. Die Parolen vom Schlussstrich, der endlich hergehört, klingen am fremden Beispiel weniger vertraut. Es ist auch die Wahrscheinlichkeit hoch, dass das Gegenüber in der Diskussion genauso schlecht historisch gebildet ist wie man selbst.

Auf Ignoranz und Vorurteilen beruhender Revisionismus wird umfunktioniert zum Beweis der eigenen moralischen Überlegenheit.

Dass diese in Deutschland gar zu Staatsdokrtin erhobene Äquidistanz seit Jahrzehnten den Faschismus verharmlost, will und will man nicht zur Kenntnis nehmen.

Es ist nichts anderes als rabiater Antikommunismus, der mit ein wenig geheucheltem Antifaschismus kaschiert wird.

Man kann Gulag und Auschwitz nicht gleichsetzen

Das EU-Parlament trägt sein Schärflein bei, die Unterschiede zu verwischen. Es hat einen Europäischen Gedenktag der Opfer des Stalinismus und des Nationalsozialismus eingeführt.

Man muss den Stalinismus nicht verharmlosen, um zu erkennen: Gulag und Auschwitz sind nicht zu vergleichen. Außer für das EU-Parlament.

Das mag man als Polemik angreifen. Der Gedenktag soll offiziell an den schändlichen Hitler-Stalin-Pakt 1939 erinnern. Aber wer liest schon das Kleingedruckte?

Wenn es allein um den Hitler-Stalin-Pakt ginge, hätte man den Gedenktag ja auch so nennen können.

Dann wundert man sich in Brüssel, warum die Neofaschisten in Kroatien so viel Zulauf haben.

„Den russischen Kommunismus mit dem Nazifaschismus auf die gleiche moralische Stufe zu stellen, weil beide totalitär seien, ist bestenfalls Oberflächlichkeit, im schlimmeren Falle ist es – Faschismus. Wer auf dieser Gleichstellung beharrt, mag sich als Demokrat vorkommen, in Wahrheit und im Herzensgrund ist er damit bereits Faschist und wird mit Sicherheit den Faschismus nur unaufrichtig und zum Schein, mit vollem Haß aber allein den Kommunismus bekämpfen.“

Thomas Mann

Auf der Gegenseite flüchten sich nur allzuviele in eine Tito-Nostalgie, die die Schattenseiten weitgehend ausblendet oder gar abstreitet.

Auch das ist Revisionismus. Er macht es genauso wie der Revisionismus der Konservativen und der Bürgerlich-Liberalen unmöglich, jugoslawische Geschichte neutral zu analysieren. Und klar zu benennen, wie und warum der Staat in einem Blutbad unterging.

Die Begeisterung ist moralisch inkonsequent

Wie verlogen dieser moralinsaure Revisionismus ist, zeigt sich gleich um die Ecke des ehemaligen Trg maršala Tita.

Dort liegt der Roosevelt-Platz. Um seinen Namen gibt es keine Diskussionen.

Ginge es bei der Debatte wie behauptet vorwiegend um Menschenrechte, müsste man über einen neuen Namen für diesen Platz zumindest nachdenken.

Unter Franklin Delano Roosevelt wurden hunderttausende japanischstämmige Amerikaner nur wegen ihrer Abstammung jahrelang in Lagern interniert.

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(Dieser Autor ist der Meinung, dass die Verdienste FDRs weitaus schwerer wiegen als dieses Massenverbrechen. Er hat selbstverständlich seinen Platz im öffentlichen Raum.)

Und haben wir in Wien nicht auch einen Wallenstein-Platz? Eine Prinz Eugen-Straße? Einen Montecuccoli-Platz? Wie viele Straßen, Gassen und Plätze in Österreich sind nach Conrad von Hötzendorf benannt?

Auch das Menschen, die Kriegsverbrechen begangen haben mit Tausenden Opfern oder zumindest für sie verantwortlich sind.

Ohne zu plädieren, diese Orte umzubenennen: Ginge es den Revisionisten vom Dienst darum, sämtliche Menschen, die für den Tod Tausender verantwortlich sind, aus dem öffentlichen Raum zu verbannen, würden auch diese Namen in ständiger Diskussion stehen.

Nur, sind nicht gerade viele der Äquidistanten und der Konservativen auf den Barrikaden, schreien sie nicht etwas von Geschichtsverfälschung, wenn man an solchen Orten auch nur eine Zusatztafel anbringen will?

Man erinnere sich an den Protest, als der Wiener Gemeinderat den Karl-Lueger-Ring in Universitätsring umbenannte. (Der Fairheit halber: Der eingangs zitierte G. hat diese Entscheidung begrüßt.)

Wird Tito vom Sockel gestoßen, gibt es von den gleichen Leuten Applaus.

Auf lautere moralische Absichten lässt das zumindest nicht schließen.