Er kämpft für den guten Ruf seines ehemaligen Oberkommandierenden und des Landes, das er geschworen hat, zu verteidigen. Und bessert so seine karge Pension auf. Balkan Stories hat Titos letzten Soldaten getroffen.

Ein alter Mann mit Hut und Trenchcoat sitzt auf einer der Bänke auf dem bröckelnden Betonplatz vor dem Muzej Istorije Jugoslavije in Beograd. Ein schwarzer Rucksack steht neben ihm. Für diesen warmen Tag ist er zu warm angezogen.

Er sieht mich, wie ich das Museum verlassen. Etwas gedankenverloren. Die Ausstellung über Werbe- und Propagandadesign beschäftigt mich.

Der Unbekannte steht auf, mit bemerkenswerter Beweglichkeit für sein Alter.

„Dobar dan“, spricht er mich an. „Interessieren Sie sich für Tito?“

Ich bin kurz etwas irritiert. Die einzigen, die dich für gewöhnlich in diesen Breiten siezen, sind Behörden oder Menschen, die etwas von dir wollen. Und, sehr selten, Kellner.

„Ja, klar“, sage ich.

Ich habe ja soeben das Museum besucht und davor das Grabmal Titos in der Kuća Cveća, der Stadtresidenz Titos, die in diesem Komplex am Standrand Beograds liegt.

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Ein ehemaliger Oberst der JNA

Der Unbekannte lächelt und kramt in seinem Rucksack. „Welche Sprachen sprechen Sie?“, fragt er mich.

Ich zähle auf und er kramt ein englischsprachiges Buch hervor. Tito About War And Politics.

„Das ist mein Buch“, sagt mir der Mann mit sichtlichem Stolz. „Das kostet 1.800 Dinar oder 15 Euro.“

Das Cover weist ihn als Slavko Mrkić aus.

„Und da schauen Sie, da ist meine Biographie.“ Mrkić gibt mir ein paar kopierte Zettel.

„Ich war in der JNA. Ein Oberst.“

Der in Domanovići geborene Mrkić unterrichtete lange im Zentrum für Höhere Militärische Schulen in Beograd, erzählt er mir.

Das Buch

Das Buch hat er 1987 geschrieben, als Teil eines Forschungsprojekts der Militärakademie. 20 Jahre später ist es ins Englische übersetzt worden.

Penibel hat er Zitate Titos zusammengetragen, historische Fotos, bographische und sonstige Details recherchiert, um den Aussagen des langjährigen jugoslawischen Staatschefs Kontext zu geben.

„Das kriegt man auch auf Amazon“, sagt Mrkić sichtlich stolz.

Mit dem Verkauf scheint es freilich nicht so gut zu klappen. Der pensionierte Oberst der JNA steht jeden Tag vor dem Museumskomplex, den Rucksack voll mit seinen Büchern, so voll er eben tragen kann.

Die Leute kommen wieder

Verkaufstechnisch gesehen hat er eine gute Zeit für seinen Nebenjob erwischt. 20 Jahre lang, zwischen dem Zerfall Jugoslawiens und cirka 2012 waren die Kuća Cveća und das Museum für jugoslawische Geschichte mehr Beschäftigungstherapieprojekte für die Angestellten.

Wer sich als Besucher hierherverirrte, hatte gute Chancen, einen Vormittag allein mit einem Kustos verbringen zu dürfen.

„Seit ein paar Jahren kommen wieder Besucher“, sagt Željko Miljević. Er arbeitet in der Dauerausstellung in Titos ehemaliger Residenz und seinem heutigen Grabmal. „Jedes Jahr werden es mehr. Die Zeiten sind hart, da beschäftigen sich die Leute wieder mehr mit besseren Zeiten.“

Von dem Zustrom hat auch Oberst aD Mrkić etwas. Es seien vor allem Touristen, die sein Buch kaufen oder eine Zitatesammlung zu Tito, die er ebenfalls veröffentlicht hat.

Der Sommer zwischen zwei jugoslawischen Wintern

Das gefällt ihm. „Es geht ja auch darum, dass ich vermitteln will, wie Tito wirklich war, was für ein großer Staatsmann und Politiker.“

Tito habe das Land nicht nur zusammengehalten sondern zu einem international bedeutenden Faktor gemacht. Von dem hätten auch andere nicht-westliche Staaten profitiert.

Vieles von der aktuellen Kritik an Tito hält der 83-Jährige für unberechtigt.

Er hat in seiner Jugend den Völkermord der Ustaša miter- und überlebt, das Wüten der deutschen Besatzer am Balkan. Er hatangesehen, wie es 45 Jahre später Jugoslawien gewaltsam zerriss, wie Serben Bosnjaken und Kroaten massakrierten, Kroaten Bosnjaken und Serben und Bosnjaken Serben und Kroaten. Wie das, was übrig blieb vom stolzen Jugoslawien fast zwei Jahrzehnte lang in Korruption und organisiertem Verbrechen unter autoritärer Lenkung versank.

Für Mrkić und Millionen anderer waren Tito und die KP die einzigen stabilen Faktoren in ihrem Leben, der Sommer zwischen zwei langen, kalten, jugoslawischen Wintern.

Von den Versprechen der neuen Zeit hat er eine lächerliche Pension, die er sich mit Bücherverkäufen aufbessern muss.

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Die Zitatensammlung

Mrkić kramt in seinem Rucksack und holt seine erst kürzlich auf Englisch erschienene Zitatensammlung heraus. 100 Prominente und Politiker, die etwas über Tito zu sagen hatten. 100 Famous Saying About Tito heißt das schmale Heft in der offenkundig missglückten Übersetzung.

„5 Euro“, sagt Mrkić und zeigt, wessen Zitate er im Lauf der Jahre zusammengetragen hat. Er zeigt ein Bild von Elizabeth Windsor, besonders stolz ist er über ein Zitat von Winston Churchill, das er mit rein genommen hat.

Es mutet an, als verteidige der Oberst aD seinen ehemaligen Oberbefehlshaber mit den Waffen, die er schon in der JNA verwendet hat. Mit Worten, Bildern und Recherchen. Und wahrscheinlich geht es auch um das eigene Lebenswerk. Nicht nur als Biograf und ehemaliger Lehrer an der Militärakademie. Sondern auch und vor allem darum, dass er, Slavko Mrkić Titos Soldat war und bis heute geblieben ist.

Oberst Mrkić hält die Stellung

Nachdem ich mich verachiedet habe, gehe ich langsam den Hügel zur Busstation herunter.

Ich drehe mich um und sehe aus der Ferne, wie Mrkić auf eine Gruppe von Museumsbesuchern zugeht. Die Leute schauen ihn kurz an, winken, drehen den Kopf Richtung Museumseingang und gehen weiter.

Er setzt sich auf seine Betonbank, den schwarzen Rucksack neben sich und wartet. Titos letzter Soldat hat eine Stellung zu halten. Es werden heute sicher noch Menschen vorbeikommen, die sich für den Marschall interessieren.