Viele Travniker kämpfen darum, das Erbe des berühmtesten Sohns der Stadt als über-ethnischen Schriftsteller zu bewahren: Ivo Andrić. Einer dieser Kämpfer ist ein Mann, von dem man es nicht auf den ersten Blick erwarten würde. Er ist auch einer der talentiertesten Künstler der Stadt.

 „Ich will dich noch mit jemandem bekanntmachen“. Enes Škrgo führt mich mit schnellen Schritten aus der Zenjak Nummer 9 in die Ulica Bosanska. Das ist gleich um die Ecke.

So freundlich er auch ist, ich weiß, Enes würde ein Nein meinerseits nicht akzeptieren. Offen gestanden ist das die Antwort, die ich ihm am liebsten geben möchte.

Ich habe soeben zwei Stunden in der Rodna kuća Ive Andrića verbracht, dem Museum im Geburtshaus von Ivo Andrić. Enes leitet das Haus.

Mir schwirrt der Kopf. Ich hatte ein intensives und sehr interessantes Interview mit Enes. Er hat mir einiges über die aktuellen Versuche erzählt, Andrićs Werk nationalistisch umzudeuten. Und viel über den Autor.

Ich muss ungefähr ein halbes Dutzend Schulklassen aus beiden Landesteilen mit staunenden Gesichtern durch das kleine Museum gehen gesehen haben, mit Faszination und Interesse in den Augen, wie sie nur Kinder so offen zeigen können, und eine Busladung interessierter aber deutlich zurückhaltenderer Pensionisten aus Slowenien.

Enes führt eine Schulklasse durch das Museum.
Enes führt eine Schulklasse durch das Museum.

Mehr Information kann ich nicht mehr aufnehmen, denke ich. Ich brauche Zeit für mich. Zeit alleine, um das alles zu verarbeiten.

Und eine Portion Ćevape, für die Travnik auch berühmt ist. „Iss die Ćevape in Travnik, die sind herrlich“, hat mir meine liebe Freundin Selma aus Sarajevo geraten. Ich hab vor, ihrer Empfehlung zu folgen.

Nur, im Moment will ich Enes nicht enttäuschen. Er war mir gegenüber sehr großzügig und es scheint ihm wichtig zu sein, dass ich den Menschen treffe, den er mir vorstellen will. Außerdem, so gut denke ich ihn zu kennen, um zu wissen, dass es eine interessante Begegnung wird.

Da gibt es auch noch die praktische Überlegung. Enes hat das Museum für diesen Kurzausflug abgeschlossen. Den will ich ihn nicht umsonst gemacht haben lassen.

Das Antlitz einer Legende

„Es ist der Mann, der die Skulptur vor dem Museum gemacht hat“, sagt Enes. „Das ist gleich um die Ecke.“

Es ist eine bemerkenswerte Skulptur. Ein unaufmerksamer Besucher könnte sie leicht übersehen. Sie steht am Rasen neben bzw. je nach Perspektive vor dem Museum.

Sie ist vergleichsweise bescheiden. Ganz anders als die Turbo-Kunst-Interpretation namens Andrićgrad.

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Sie ist eher 3 D-Installation als Statue. Es sind Metallstäbe, die exakt hintereinander gesetzt wurden. Jeder Stab ist gebogen und formt einen Teil von Andrićs Gesicht.

Nur wenn man davorsteht, kann man die Gesichtszüge des Autors erkennen. Geht man um die Skulptur herum, verschwindet das Bild, löst sich mit der Entkontextualisierung in Nichts auf. Beziehungsweise ein paar Metallstäbe.

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Luey aus Basrah

Wir betreten einen kleinen Friseurladen. Unspektakulär, wie die meisten Läden in den meisten Kleinstädten. „Das ist Luey“, stellt mich Enes einem großen Mann in den 40-ern mit rasiertem Kopf und gewinnendem Lächeln vor. Wir schütteln Hände und Luey bedeutet uns, hinten im Laden Platz zu nehmen.

„Kafa“, fragt er.

Ich nehme gerne an. Enes nicht. Er muss nach ein paar Minuten wieder ins Museum.

Luey, der mit Nachnamen Maktouf heißt, organisiert Kaffee aus einem dieser netten bosnischen Kaffeehäuser, die es an jeder Ecke zu geben scheint. Und ein paar Stücke dieser herrlichen Balkankuchen, von denen man Diabetes kriegt, wenn man sie nur anschaut.

„Also, du kommst aus Wien?“, fragt Luey. „Genau“. Wir sprechen Naški. Luey beherrscht es fließend. Ich nur rudimentär.

„Ich komme aus Basrah im Irak“, sagt mir Luey. Enes hatte mir erzählt, dass er aus dem Irak käme und einen Flüchtlingshintergrund habe. Basrah erklärt, warum.

Sieben Jahre Leben im Lager vergeudet

Luey ist 1992 aus seiner Heimatstadt geflohen, sagt er mir. Gleich, nachdem Saddam Husseins Truppen den Aufstand der Shiiten niedergeschlagen hatten, der nach der Niederlage der irakischen Truppen im Golfkrieg ausgebrochen war.

Wie er genau nach Bosnien kam, verliert sich in meinen mangelhaften Sprachkenntnissen. Nach der Flucht war er im saudischen Flüchtlingslager in Rafah interniert. „Das war wie im Gefängnis“, sagt Luey.

Und zeigt mir auf Youtube Videos aus dem Lager, die wer weiß  wie entstanden sind, während wir eine Malboro rauchen. Sie zeigen Trostlosigkeit, erzwungene Untätigkeit, Eingesperrtheit. Und Menschen, die trotzdem in die Kamera lächeln. Die Leute hätten das Lager meist nicht verlassen dürfen, Arbeit habe es keine gegeben, sagt mir Luey.

Luey verbrachte sieben Jahre dort. Irgendwie wurde er entlassen und kam nach Bosnien.

Der Mann, dem die Frauen vertrauen

Die Tür geht auf. Eine Bosnierin mittleren Alters kommt herein. Sie hat einen Termin.

Luey hat einen ziemlich guten Ruf als Friseur, hat mir Enes erzählt und Luey hat mir stolz seinen vollen Terminkalender gezeigt.

Besonders beliebt ist er bei den Travnikerinnen. Er gilt als Meister der nicht als einfach anzusehenden Kunst des Augenbrauenzupfens.

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Die Frau legt sich im Friseurstuhl zurück und Luey nimmt einen dünnen Faden, macht eine Schlinge daraus und nimmt das Ende in den Mund, um ihn straff genug zu ziehen.

Kein einziges Mal verzieht die Kundin das Gesicht aus Schmerz oder gibt einen Laut von sich, der Schmerz verraten würde. Die beiden unterhalten sich sogar entspannt, soweit es Lueys Tätigkeit erlaubt. Ich darf fotografieren und das bringt niemanden aus der Ruhe.

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Drei Frauen kommen rein und fragen, ob er noch einen Termin frei hat. Leider, sagt der Friseur. Freitagnachmittag, frühestens, meint er nach einem Blick in seinen Terminkalender. Heute ist Mittwoch.

Er ist mit seiner Kundin ein bisschen schneller fertig als geplant und hat noch ein wenig Zeit für mich.

Arbeiten für die Kunst

„Ich bin Bosnien und Travnik wirklich dankbar“, sagt er. „Das ist meine neue Heimat geworden. Ich habe hier geheiratet, eine Bosnierin und ich hab zwei wunderbare Kinder. Jetzt will ich etwas zurückgeben.“

Das macht er mit seiner Kunst. „Der Friseursalon, das ist meine Arbeit, davon lebe ich. Ich spare, was geht und alle paar Jahre habe ich genug Geld für eine neue Skulptur.“

Luey denkt und rechnet kurz nach. „Ungefähr alle vier, fünf Jahre.“

Daneben malt Luey und er zeigt mir einige Gemälde. „Weißt du, wie ich male? Mit dem Messer“.

Er hat ein paar Skulpturen gemacht, die er alle den Bürgern der Stadt gespendet hat. Sie sind im öffentlichen Raum wie in Parks ausgestellt. Die Andrić-Installation aus dem Jahr 2014 ist die jüngste Spende.

Lueys Kinder retten die Skulptur

Für die hatte er sogar einen Sponsor, erzählt er mir. „Ein Bosnier hat mir versprochen, dass er für das Metall aufkommt. Am Abend, bevor es geliefert werden sollte, hat er angerufen und gesagt: Er kann nicht zahlen.“

Das habe ihn ziemlich nervös gemacht. „Ich wusste, die liefern morgen das Metall und ich kann nicht zahlen. Das war ein ziemliches Problem.“

Luey kratzte jeden fenig zusammen, den er zuhause und im Laden fand und leerte die Sparguthaben der Familie. „Immer noch nicht genug.“

Nach einem Gespräch mit seiner Frau schlachtete er die Sparschweine seiner Kinder. Mit ihrer Zustimmung, versteht sich. „Es ging sich aus.“

Als Dank werden Ali, heute zehn, und Farah, heute vier, auf der Tafel vor der Skulptur als Investoren genannt.

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„Wem gehört Ivo Andrić?“

Diese Arbeit war für ihn die wichtigste, sagt Luey. „Ich habe viele von Ivo Andrićs Büchern gelesen. Er hat mir so viel über Bosnien beigebracht und auch viel darüber, was es heißt, Mensch zu sein. Ich liebe seine Arbeit.“

Seine Skulptur soll die Schlüsselfrage zu Ivo Andrić aufwerfen: „Wem gehört Ivo Andrić?“, sagt Luey.

„Die Serben sagen, er gehört uns. Die Kroaten sagen, er gehört uns. Die Bosnjaken sagen, er gehört uns.

Aber er gehört allen Menschen, egal wo sie herkommen.

Und am wichtigsten: Ivo Andrić gehört Ivo Andrić“.

Eine Botschaft, die heute wichtiger denn je scheint. Nationalisten aller Ethnien in Bosnien, Serbien und Kroatien versuchen, das Erbe eines der bedeutendsten Schriftsteller des 20. Jahrhunderts für ihre Zwecke umzudeuten. Sei es durch Vereinnahmung. Sei es durch Verdammung. Und manchmal beides.

Einer der bemerkenswertesten Beiträge gegen den politischen Missbrauch kommt ausgerechnet von einem Mann aus dem Irak. Das kann als starke Aussage über Andrićs Fähigkeit gedeutet werden, Menschen zum Nachdenken anzuregen, ob sie nicht mehr sind als der Ort, in dem sie geboren wurden und aufgewachsen sind.

Und dass, mag uns auch die Geschichte verfolgen, wir es sind, die die Zukunft gestalten.

Titelbild: Die Rodna kuća Ive Andrića in Travnik.

Eine englische Version der Reportage ist Beitrag bei einem Wettbewerb der Seite Balkan Vibe. Wie oft ein Text auf sozialen Netzwerken geliked oder geteilt wird, ist eines der Siegeskriterien bei diesem Bewerb. Balkan Stories freut sich über jede Unterstützung.