Am dritten Tag nach der Hochwasserkatastrophe in Teilen Bosniens und der Hercegovina mit insgesamt mindestens 18 Toten zeigt die gesamte Region ein überwältigendes Ausmaß an Solidarität und Hilfsbereitschaft. Im Zentrum stehen Bosniens größte Hilfsorganisation und die größten Fußballvereine des Landes.
Wenn Horda Zla und The Maniacs aufeinandertreffen, wird das häufig zur Angelegenheit für die Polizei. Die Ultras von Sarajevos Fußballvereinen FK Sarajevo und Željezničar Sarajevo sind einander spinnefeind. Einen tut sie allenfalls ein Misstrauen gegen die Polizei.
In Donja Jablanica und in Zlate ist diese Feindschaft vergessen. Beide Vereine haben Busse organisiert, um ihre Mitglieder als freiwillige Katastrophenhelfer in die beiden Dörfer zu schicken, die von der Hochwasserkatastrophe in der Nacht von Donnerstag auf Freitag am schlimmsten betroffen sind.
Zuvor haben auch beide Vereine ihre Mitglieder und alle Fans der beiden Sarajevoer Clubs aufgerufen, für die Opfer der Hochwasserkatastrophe in der nördlichen Hercegovina und in Zentralbosnien zu spenden.
Hier etwa Teile der Spenden, die die Maniacs am Samstag gesammelt haben. Sie werden sie am Sonntag an Bosniens größte Hilfsorganisation Pomozi BA übergeben.

Auch Red Army Mostar und die Fanclubs von Zrinjski Mostar mobilisieren ihre Fans, um als Katastrophenhelfer die Menschen in den überfluteten oder von Erdrutschen verwüsteten Gebieten in Jablanica und in Donji Mostar zu unterstützen, und rufen gemeinsam auf, für die Opfer zu spenden.
Auch diese Fanclubs sind einander unter normalen Umständen spinnefeind. Das hat auch mit den nationalistischen Spannungen in Mostar zu tun. Red Army sind die Ultras von Velež Mostar, dem nach wie vor antinationalistischen All-Mostarer Club. Zrinjski Mostar hat seine Fans vor allem im Westen der Stadt, einer Hochburg kroatischer Nationalisten. Einer von Zrinsjkis Ultras-Fanclubs etwa ist die West Mostar Crew, wo es offen neofaschistische Umtriebe gibt.
Sehr schnell mit einem Spendenaufruf war auch Goran Lukić, Präsident von FK Borac aus Banja Luka, dem aktuelle Tabellenführer in Bosnien. Am Samstag rief er alle Fans seines Vereins auf, die Spendenkampagne von Pomozi BA für die Opfer der Katastrophe zu unterstützen, und kündigte Spenden durch den Verein selber an.
„Die Bilder und Nachrichten aus den überschwemmten Gebieten sind wirklich schockierend. Im Namen des FK Borac möchte ich den Familien und Freunden der Opfer mein Beileid aussprechen und hoffe, dass sie die Kraft finden, die Schwierigkeiten zu überwinden, die ihnen widerfahren sind. Unser Club wird finanzielle Mittel an diejenigen spenden, die am dringendsten Hilfe benötigen.“
Auch aus Kroatien kommt Hilfe von einem prominenten Fußballverein: Dinamo Zagreb hat angekündigt, den Opfern zu helfen, auch Erzrivale Hajduk Split spendet für die Betroffenen.
Zehntausende Bosnier folgen Spendenaufruf
Die Spendenaufrufe zeigen Wirkung. 48 Stunden nach dem Start der Kampagne sind um die 600.000 Mark auf dem Spendenkonto von Pomozi eingelangt. Von einzelnen Großspenden in der Höhe von 3- bis 4.000 Mark abgesehen stammt der Großteil aus Telefonanrufen an die Hotline mit der Nummer 17039. Mit jedem Anruf werden automatisch 2 Mark an das Konto gespendet und vom Telekomunternehmen über die Telefonrechung oder das Guthaben des Anrufers abgewickelt.
Dazu kommen umfrangreiche Sachspenden an Pomozi.

Die Zahlen machen klar: An dieser Spendenaktion haben sich zehntausende Bosnier beteiligt. Erinnerungen an die bosnische Solidarität mit den Opfern des Erdbebens in der Türkei und Syrien werden wach. (Mehr siehe hier.)
Und am Sonntag trafen Dutzende Besitzer von Geländeautos und Pickups in den Katastrophengebieten ein. Koordiniert von Pomozi stellen sie ihre Fahrzeuge für Transport- und Hilfsaktionen zur Verfügung. Auch lokale Unternehmen wie Euro-Asfalt, Bećo d.o.o., Tešanjski kiseljak, Hifa Group, Princess, KM Gradnja und Dukat Jelah haben Bagger und Lkws samt Fahrern in die Katastrophengebiete geschickt, um die Rettungsarbeiten zu unterstützen. Auch hier koordiniert Pomozi.

Mehrere Hotels und ein Pflegeheim beherbergen kostenlos Menschen, die bei der Katastrophe ihre Häuser oder Wohnungen verloren haben.
Internationale Hilfe angelaufen
Auch die internationale Hilfe für die Katastrophengebiete ist angelaufen.
Als erste ausländische Helfer trafen noch am Freitagabend Retter des Roten Halbmonds aus der Türkei in der nördlichen Hercegovina ein und verteilten Trinkwasser an die Überlebenden der Katastrophe. Seit Samstag beteiligen sie sich an der Suche nach Opfern und an den Aufräumarbeiten.
Am Samstag trafen auch Helfer des kroatischen Roten Kreuzes und Rettungskräfte aus Serbien in den Katastrophengebieten und unterstützen seitdem die örtlichen Rettungskräfte. Mittlerweile sind auch Rettungsteams und Suchhundestaffeln aus Slowenien, (Nord-)Mazedonien, Montenegro, Polen und Tschechien in Jablanica eingetroffen.
Insgesamt sind in der Region 300 Helfer im Einsatz.
Auf dem Gebiet der Großgemeinde Jablanica werden nach wie vor mehrere Menschen vermisst. Einige wurden von den Fluten mitgerissen, eingige dürften bei dem katastrophalen Erdrutsch in Donja Jablanica verschüttet worden sein. (Mehr über diesen Erdrutsch, bei dem mindestens 12 Menschen ums Leben kamen, erfahrt ihr hier.)
Auch finanzielle Unterstützung kommt aus dem Ausland. Die kroatische Regierung etwa wird 10 Millionen Euro für Soforthilfe und den Wiederaufbau bereitstellen.

Nole, Zdravko Čolić und Džanan Musa helfen den Opfern
Überwältigende Solidarität kommt auch von Prominenten aus dem gesamten ehemaligen Jugoslawien.
Die serbische Tennislegende Novak Đoković etwa stellte Hilfe für die Opfer der Katastrophe in Aussicht.
Auf seinem Instagram-Kanal teilte er unter anderem ein Foto der verschütteten Moschee von Donja Jablanica. Sie ist zum Symbol für die Katastrophe im Ort geworden. Die Kuppel der Moschee war die Rettung für mehrere Menschen, die sich am Freitag gegen zwei Uhr früh in letzter Minute dorthinauf flüchten konnten, nachdem ein Erdrutsch vom Steinbruch über den Ort zahlreiche Häuser verschüttet hatte und die Wassermassen aus heftigen Regenfällen im Dorf aufstaute. Die Geflüchteten harrten zwei Stunden auf der Kuppel aus, bevor sie gerettet wurden.
Das vielleicht Interessanteste an der Sache ist: Nole teilte hier ein Foto, das der serbisch-orthodoxe Patriarch Porfirije auf Instagram gepostet hatte.
Die serbisch-orthodoxe Kirche ist im Allgemeinen das Rückgrat des serbischen Nationalismus in der Region. Zahlreiche Vertreter begegnen vor allem bosnischen Muslimen mit sehr viel Zurückhaltung, und halten serbische Opfernarrative am Leben, die bosnische Muslime delegitimieren.
Angesichts der Katastrophe von Donja Jablanica scheint auch das keine Rolle mehr zu spielen. Trauer und Solidarität zählen mehr als Rivalität. Die serbisch-orthodoxe Kirche spendet sogar 200.000 Mark, um den Opfern zu helfen. Porfirije rief alle Menschen der Region auf „gegenseitige Solidarität zu zeigen, denn wir alle brauchen einander“.
Die bosnischen Schlagerstars Šejla Zonić und Mirza Selimović werden ein Duett aufnehmen und die Einnahmen aus der Nummer den Opfern der Katastrophe spenden. Gleichzeitig riefen sie ihre Fans auf, sich an der Spendenkampagne von Pomozi zu beteiligen.
Džanan Musa, Star beim Basketballverein von Bayern München, spendet 10.000 Mark und ruft auf, es ihm gleich zu tun: „Ich appelliere an alle Sportler, Persönlichkeiten des öffentlichen Lebens und einflussreiche Menschen in Bosnien und Herzegowina, so viel wie möglich zu helfen. Zeigen wir in diesen schwierigen Momenten Solidarität mit allen Bosniern und Herzegowinern, insbesondere mit denen, die einige der schlimmsten Momente ihres Lebens aus erster Hand erleben“.
Hilfsaufrufe kommen auch von weiteren Prominenten wie dem kroatischen Reise-Blogger Kristijan Iličić, FK Dinamo-Legende Zdravko Mamić, Musikstar Zdravko Čolić und der international bekannte Regisseur Danis Tanović.
Aus Solidarität mit den Opfern sagten auch mehrere regionale und internationale Musikstars Konzerte ab: Saša Matić trat schon am Freitag aus Mitgefühl mit den Opfern nicht in Banja Luka auf. Baby Lasagna sagte sein Konzert im Dom Mladih in Sarajevo ab.
Marija Šerifović verschiebt ihr für den 12. Oktober geplantes Konzert in Sarajevo auf den 28. Dezember. Jetzt sei nicht die Zeit, um zu singen. Wer damit ein Problem habe, solle ihr auf sozialen Netzwerken eine Privatnachricht schicken, richtete sie ihren Fans aus.
Auch über die unmittelbaren Such- und Rettungsaktionen und direkte Hilfe für Opfer hinaus gibt es solidarische Aktionen.
So organisiert der Verein „Više od igre“ aus Visoko ein Benefiz-Fußballspiel zwischen den All Stars des Vereins Mladost Doboj Kakanj und einer Auswahl von bosnischen Fußballlegenden wie Amel Tuka, Faruk Ihtijarević, Mirsad Bešlija, Bulen Biščević, Edin Cocalić, Avdija Vršajević, Zajko Zeba, Semir Bekrić, Sanjin Mešić, Mersudin Ahmetovic und Adnan Džafić, wie es auf dem Portal Zenicablog heißt.
Mit den Einnahmen des für Freitag in Kakanj geplanten Spiels sollen die Reparaturen der Stadien in Kiseljak und in Jablanica finanziert werden. Die Sportstätten waren beim Hochwasser schwer beschädigt worden.
Auch der FK Sarajevo hat finanzielle Hilfe für den Wiederaufbau der Stadien versprochen.
Wenn ihr etwas für die Opfer der Hochwasserkatastrophe tun wollt, könnt ihr auch von Österreich und Deutschland aus an das Spendenkonto von Pomozi BA spenden.
Wie das funktioniert, erfahrt ihr auf der Homepage von Pomozi.
Alle Fotos: Soziale Medien. Titelfoto: Facebook-Seite der Maniacs.
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Balkan Stories bietet die umfangreichste Berichterstattung über die Hochwasserkatastrophe in Bosnien.
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