Was uns Annie Leibovitz über uns sagt

Die ästhetisierenden Fotos der ukrainischen First Lady Olena Zelenska von Starfotografin Annie Leiobvitz für Vogue haben sehr viel Kritik ausgelöst. Kaum eine Analyse freilich ist so fundiert wie die des in Kroatien lebenden Schriftstellers Miljenko Jergović, eines der wohl bedeutendsten zeitgenössischen Autoren des ehemaligen Jugoslawien.

Olena Zelenska, Ehefrau des ukrainischen Präsidenten Volodimir Zelenskij, posiert vor einem Flugzeugwrack. Olena Zelenska sitzt auf den Stufen des Präsidentenpalasts in Kiev, im Hintergrund ein Soldat und Sandsäcke. Olena Zelenska und ihr Mann halten Händchen am ukrainischen Präsidentenschreibtisch.

Fotografin Annie Leibovitz hat das tatsächliche oder vermeintliche Privatleben der Ehefrau eines Präsidenten eines kriegsführenden Staats für die US-amerikanische Zeitschrift Vogue inszeniert und ästhetisiert. Das hat massive Kritik ausgelöst.

Etwa, dass sie damit dem Krieg einen Glamour-Faktor verleihe.

Ohne sich die – aus meiner Sicht berechtigten – Vorwürfe zueigen zu machen, artikuliert Miljenko Jergović in einem Essay auf seiner Homepage, warum sich so viele Menschen bei diesen Fotos unwohl fühlen.

Nicht nur analysiert er die Fotos detailliert durch – vor allem erklärt er, warum sich gerade viele Menschen am Balkan von Leibovitzs First Lady-Fotos vor den Kopf gestoßen fühlen.

Leibovitz und Sarajevo. Eine andere Welt.

Leibovitz hat auch während der Belagerung von Sarajevo fotografiert. Sie besuchte damals ihre Lebensgefährtin Susan Sontag. Sontag besuchte die Menschen der belagerten bosnischen Hauptstadt neun Mal und inszenierte im Nationaltheater „Warten auf Godot“ – eines der stärksten Zeichen der Solidarität, die internationale Kulturschaffende während des gesamten Krieges für Sarajevo und Bosnien setzten.

Der Platz vor dem Nationaltheater in Sarajevo ist heute nach Susan Sontag benannt.

Mit Leibovitzes damaligen Bildern vergleicht Miljenko in völlig neutralem Tonfall die Bilderstrecke in Vogue.

„S fotografskom je kamerom doputovala u Sarajevo, pomalo i iz posve privatnih razloga, da obiđe svoju vrlo blisku prijateljicu Susan Sontag i da se uvjeri što ona radi u Sarajevu: je li to okašnjela fantazija jedne odavno istekle mladosti ili je živa i krvava, intelektualno upečatljiva stvarnost? U Sarajevu snimila je nekoliko vrlo lijepih Susaninih fotografija, poput one iz srušene Vijećnice, na kojima mi je oduvijek smetalo što obje na tim slikama, i umjetnica i njezin model, djeluju kao ratne turistkinje. A to uistinu nisu bile. Ali sve drugo što je u Sarajevu snimila i što smo kasnije mogli vidjeti – jer sve njezine sarajevske snimke naravno da nismo vidjeli – bilo je ozbiljno, potresno i vrlo istinito. 

Podsjetit ću vas na samo dvije fotografije. Na jednoj, koja je snimljena nasred Titove, tamo ispred ugašene Vječne vatre, gledamo dvoje kako se ljube. Ili on, nekom nježnom gestom, nju obujmljuje, od neba je štiti odakle stiže svako zlo, i poljubio bi je, a ona poluobamrla u nekom behutu krajem oka ugleda da ih Annie Leibovitz snima. Ulica je pusta, tek negdje u dubini vidi se auto koji se kreće u krivom smjeru – samo u ratu Titova bila je dvosmjerna ulica – ali sa svih strana, tamo iza njih dvoje, nadiru ljudi, na biciklima guraju kanistere s vodom, ili na onim kolicima za tržnicu. Svi koriste relativno mirno popodne za najvažniji posao građanina u opsađenom gradu, da odu po vodu, da kući donesu što više vode, dok se njih dvoje, eto, ljube. Ta oholost, taj osjećaj ljubavničke besmrtnosti i neranjivosti, i misao da ne postoji ništa na svijetu važnije od ovog trenutka, ono je što je Annie Leibovitz snimila na toj svojoj sarajevskoj slici. Tu je baš sve što treba biti, i više je na toj fotografiji žive stvarnosti i istine o jednome ratu, nego što će je biti u satima i satima snimljenih televizijskih priloga. Napokon, onome koji doista zna gledati, više je na toj fotografiji Sarajeva, rata i opsade, nego što je u svim ikad snimljenim slikama raskomadanih ljudskih tijela. Osim što je istinita, ova slika neka je vrsta manifesta ratne fotografije. Nema na njoj mrtvih, nema oružja, nema čak ni vojnika. A rat je, rat je, rat je…“

Miljenko Jergović: Zašto su nas tako uznemirile fotografije iz Voguea Olene i Volodimira Zelenskih

Viel Aufmerksamkeit widmet er jenem Foto – wie alle von Leibovitzes Fotos aus Sarajevo in Schwarz/Weiß -, das ein Fahrrad am Boden zeigt und einen ungleichmäßigen dunklen Fleck, entstanden, als das Rad im Fahren umkippte.

Bis heute ein erschütterndes Bild.

Das nicht ausgesprochene Grauen.

Krieg. Blut. Mord.

Kein Glamour, wie bei Olena Zelenska.

Wer dieses Bild sieht und die Fotos aus der Vogue, kann nur erschüttert sein.

Wie kann der gleiche Mensch dafür verantwortlich sein?

Ist Annie Leibovitz zynisch geworden?

Sind wir es?

Einen gesellschaftlichen Zusammenhang für die Glamour-Kriegsfotos von Olena Zelenska muss es ja geben.

Miljenko schreibt, er glaube nicht, dass sich die Ästhetik von Annie Leibovitz geändert hat und die Art, wie sie die Welt erlebt.

„Etwas ist mit der Welt passiert“, schließt der bekannte Schriftsteller seinen Essay.

Diese Aussage ist wahr.

Sie sollte uns Angst machen.

Miljenko Jergović wurde in Sarajevo geboren und lebt heute in einem Dorf in der Nähe von Zagreb. Er ist einer der bekanntesten und bedeutendsten zeitgenössischen Schriftsteller aus dem ehemaligen Jugoslawien. Sein bekanntestes Werk ist die Kurzgeschichtensammlung „Sarajevo Malboro“, eine der erschütterndsten Erinnerungen an den Alltag in der belagerten Stadt.

Den Essay in seiner gesamten Länge könnt ihr auf Miljenkos Homepage nachlesen.

Eine Liste seiner Bücher samt Übersetzungen findet ihr HIER.

Die Auszüge aus Miljenko Jergovićs Essay werden hier mit freundlicher Genehmigung des Autors wiedergegeben.

Ein Gedanke zu “Was uns Annie Leibovitz über uns sagt

  1. Ich erinnere mich, dass die Entdeckung der Bücher von Jergović mich ein wenig mit der aktuellen Literaturszene des ehem. YU bekannt machten, denn bis dahin kannte ich nur Krleža, Tišma, Andrić. Jergović liess bei mir den Gedanken zu, daß in der ehem. Heimat doch nicht nur Faschos übriggeblieben wären … Danach lerne ich weitere coole Schriststeller:innen kennen und schätzen. Ich weiss nicht, ob Dir das recht ist – ich empfehle bei der Gelegenheit kostenlose eBooks in serbo-kroatischer Sprache: https://elektronickeknjige.com/najcitaniji-naslovi/2017/sve/

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