Wenn man die Oberfläche betrachtet, hätten die Frauen in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens am 8. März, dem internationalen Frauentag, viel zu feiern: Frauen verdienen im Vergleich zu Männern deutlich mehr als im Westen. Erstmals seit 25 Jahren haben Frauen in der Politik wieder einflussreiche Positionen. Wenn man genauer hinsieht, sieht es düsterer aus.

„Ich will keine Rosen. Ich will die Revolution.“

Man kann die unbekannte Frau verstehen, die diesen Slogan auf das Reiterdenkmal am Trg Republike in Beograd gesprayt hat.

Zwei Dinge hatten die Frauen in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens im vergangenen Vierteljahrhundert reichlich: Geduld und Rosen.

Gleichberechtigung gab es nicht so reichlich.

Auch wenn ein schneller Blick das Gegenteil nahelegen würde.

Noch wirkt das sozialistische Erbe. Hier gibt es viele Frauen in technischen Berufen und eine ganze Generation Frauen macht sich bereit, nachzurücken.

Das zeigt etwa dieser Bericht aus Bosnien.

Auch wenn Männer in einigen technischen Sparten noch oder vielleicht wieder die Mehrheit der Studierenden sind – der Frauenanteil ist selbst dort sehr hoch.

In the 2013/14 academic year, there was a greater than 60 percent female majority in the following university departments in the FBiH (from highest to lowest): pedagogy (92%); pharmacy, special education, social sciences (80+%); philosophy, humanities, natural sciences and mathematics (70+%); medicine/health/dentistry, law, economics, public administration, agriculture, media and communications, chemical engineering, and surprisingly, metallurgy (60+%). The areas of study with the highest male enrollment included: ICT, religious studies (Islam/Catholicism), mechanical engineering (80+ %); Business studies (70+ %); geology, security studies, forestry, electrical engineering (60+ %) (Women and Men in BiH, 2014).

Relativ niedriges Gender Pay Gap

Das mit dem Einkommen ist eine relative Sache.

Löhne und Gehälter sind überall mit Ausnahme Sloweniens so niedrig, dass man praktisch nicht davon leben kann.

Allerdings: Innerhalb dieses Niedriglohnsystems verdienen Frauen im Vergleich erheblich mehr als das im Westen der Fall ist.

In Slowenien verdienen Frauen je nach Berechnungsmethode zwischen sieben und acht Prozent weniger als Männer. Das ist eines der niedrigsten Gender Pay Gaps in der EU.

In Deutschland und Österreich bekommen Frauen im Schnitt um mehr als 20 Prozent weniger bezahlt als Männer.

Selbst in Mazedonien, dem schlechtesten Land, das für diesen Bericht untersucht wurde, ist es etwas besser als in vielen westlichen Ländern.

Sonderfall Bosnien

Wie hoch der Gehaltsunterschied für Bosnien ist, lässt sich nicht seriös sagen.

Seit Jahren kursiert die Horrorzahl, dass Frauen um 46 Prozent weniger verdienen würden als Männer.

Allerdings gibt es keine weiteren Details, die diese Aussage stützen würden. Das sollte skeptisch machen – selbst wenn man bedenkt, dass der patriachale Backlash nach dem Ende Jugoslawiens in Bosnien besonders deutlich ausgeprägt ist.

Das Einzige, was sich über die 46 Prozent sagen lässt: Sie entstammen einer Studie aus dem Jahr 2006 und wurden in einer Studie für die ILO im Jahr 2011 wieder aufgewärmt.

Freilich ohne die notwendigen Details wie etwa das jeweilige Durchschnittseinkommen von Männern und Frauen in absoluten Zahlen.

Die Zahl erscheint auch unglaubwürdig, wenn man bedenkt, dass in Bosnien, so weit recherchierbar, nur etwa zehn Prozent der Frauen Teilzeit arbeiten.

In Österreich etwa sind es beinahe 50 Prozent – was einen großen Teil des Gender Pay Gap hierzulande ausmacht.

Andere Berichte wiederum geben an, dass der Stundenlohn von Arbeitnehmerinnen um neun Prozent niedriger sei als der von Männern.

Verlässlichere Daten lassen sich kaum finden. Das ist ein erhebliches Problem für die Politik, wie ein Zitat aus diesem Bericht deutlich macht.

The lack of statistical capacity and production of reliable statistical data is evident, which hinders obtaining valid and accurate assessment of socio-economic situation of the country, and consequently makes adequate strategic planning, decision making and adoption of appropriate measures impossible or extremely hard. The consequence is a superficial assessment of statistical data outside of official statistics, without appropriate statistical principles, standards and methodologies. This disables serious, professional and scientific analysis. Lack of reliable and comprehensive statistical data represents a serious obstacle for future development and prosperity of Bosnia and Herzegovina, which in economic terms can have very harmful consequences.

Zwei Präsidentinnen, eine Ministerpräsidentin

Auch auf der politischen Ebene würde ein oberflächlicher Blick Fortschritte nahelegen.

Zum ersten Mal seit dem Ende Jugoslawiens haben zumindest einige Staaten in nennenswertem Ausmaß Spitzenpolitikerinnen.

Ana Brnabić ist als serbische Ministerpräsidentin laut Verfassung die eigentlich Mächtige in der Politik,

Kroatien hat mit Kolinda Grabar-Kitarović eine Staatspräsidentin.

Die ranghöchste Politikerin Bosniens ist Željka Cvijanović. Sie ist Präsidentin des serbisch dominierten Teilstaats Republika Srpska.

In Slowenien sind andererseits nur vier von 17 Regierungsmitgliedern weiblich.

Ähnlich niedrig ist der Anteil in Mazedonien oder der Regierung der Autonomen Teilrepublik Vojvodina in Serbien.

Hier scheint das reichlich abgedroschene Sprichwort zu passen: Es ist nicht alles Gold, was glänzt.

Wie stark sind die starken Frauen in der Politik wirklich?

Zumal, wenn man sich die realen Machtpositionen der aktuellen Vorzeigepolitikerinnen Ex-Jugoslawiens ansieht.

Auch wenn sie formal die Politikerin mit der eigentlichen Macht im Staate ist, Ana Brnabić gilt in Serbien als Marionette ihres Vorgängers, des jetzigen Staatspräsidenten Aleksandar Vučić.

Die Verfassung gibt ihm eigentlich nur repräsentative Macht. Das kümmert ihn, das Parlament und die Regierung freilich wenig.

Die informellen Spielregeln des politischen Systems in Serbiens hat Vučić auf sich selbst zuschneiden lassen. Er hat die eigentliche Macht im Land – auch dank eines Netzwerks von Freunden und Günstlingen, das weit in Medien und Wirtschaft hineinreicht.

Man muss nur einige Tage lang die Nachrichten im staatlichen Fernsehen RTS schauen oder die Titelseiten der auflagenstärksten Tageszeitungen in Serbien lesen.

Vučić ist dort viel präsenter als Brnabić. Auch mit konkreten politischen Forderungen.

Die verheißen gerade für Frauen wenig Gutes.

Was angesichts der konservativ-nationalistischen Ausrichtung von Vučić und seiner Partei SNS auch wenig überrascht.

Nicht viel anders ist es bei der zweiten nach außen starken (ethnischen) Serbin, Željka Cvijanović.

Sie ist seit heuer Präsidentin der Republika Srpska.

In diesem Posten ist sie dem nationalistischen Scharfmacher Milorad Dodik gefolgt, der für den serbischen Sitz des bosnischen Staatspräsidiums gewählt wurde.

Dass Cvijanović und – Wahl hin oder her – ein politisches Geschöpf Dodiks ist, ist ein offenes Geheimnis.

Über die von ihm geschaffene Partei SNSD zieht er weiter die politischen Strippen in der RS, auch wenn er offiziell damit gar nichts mehr zu tun hat.

Auch dort sind es die Frauen, die am meisten unter einer nationalistischen Politik leiden, die die RS zum ärmsten Landesteil Bosniens gemacht hat.

Die kroatische Präsidentin nennen alle nur beim Vornamen, Kolinda.

Das ist ausnahmsweise kein Zeichen der Respektlosigkeit. Bei Boris Johnson ist das ja auch nicht anders.

Und in Ex-Jugoslawien nennt man einander grundsätzlich viel schneller beim Vornamen als anderswo.

Auch mit Tito war jeder per Du.

Unter Tito geschah mehr für die Frauen als unter Kolinda

Freilich, ideologisch wie qualitativ liegen Welten zwischen Kolinda und Tito.

Das gilt auch und vielleicht vor allem für die Gleichstellung von Frauen.

Auch in Kroatien zehren die Frauen von den immensen frauenpolitischen Errungenschaften des Titoismus – etwa vom Kinderbetreuungsnetz, dem Aufweichen von Geschlechterrollen bei der Berufswahl und den relativ niedrigen Einkommensunterschieden.

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Früher gab es auch im ganzen Land große Veranstaltungen am 8. März.

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Plakate zum Internationalen Frauentag umd zum Beitrag der Frauen im Volksbefreiungskampf gegen den Faschismus im Muzej Istorije Jugoslavije in Beograd.

Seit dem Ende Jugoslawiens ist das auf wenige, wenngleich wichtige, Demonstrationen und Aktionen von feministischen Gruppen zusammengeschmolzen, weitgehend unbeachtet von einer breiteren Öffentlichkeit.

Sicher, es ist ein positives Signal, wenn eine Frau an der Spitze eines Staates steht, mag sie auch konservativ sein.

Aber das ist auch alles, was Kolinda für die Kroatinnen getan hat.

Zumal sie ja nur eine weitgehend repräsentative Funktion hat.

Die nutzt sie freilich immer wieder, um bei offen neofaschistischen Gruppen anzustreifen. Die stehen für Zeiten, die die Frauen rein als Gebärmaschinen für künftige Soldaten und Ehefrauen der aktuellen Soldaten sahen.

Die politische Macht in Kroatien liegt beim (männlichen) Ministerpräsidenten, der Regierung und dem Parlament.

Kaum Schutz vor Gewalt

Wie erwähnt, können sich die Frauen in Ex-Jugoslawien vom relativ niedrigen Gender Pay Gap auch nichts kaufen.

Löhne und Gehälter sind so niedrig, dass auch ein nahezu gleiches Einkommen nicht das Ende der wirtschaftlichen Abhängigkeit der Frauen von den Männern bedeutet.

Außerdem sind in den meisten Ländern Frauen seltener im Erwerbsprozess als Männer und häufiger von Arbeitslosigkeit betroffen.

So bleiben auch viele Frauen bei ihren Lebenspartnern und Ehemännern, wenn die sie verprügeln.

Zumal es weniger Gewaltschutzeinrichtungen gibt und die Polizei noch stärker als in westlichen Ländern dazu tendiert, Anzeigen wegen häuslicher Gewalt niederzuschlagen.

Auch Vergewaltigungsopfer haben es in der Region besonders schwer.

Das alles erklärt die Ungeduld der Frau, die Revolution statt Rosen fordert.

Noch verständlicher wird die Forderung, wenn man sich die Verschlechterungen ansieht, die in nächster Zeit auf Frauen zukommen könnten.

Man(n) hätte gerne wieder Gebärmaschinen

So forderte etwa Präsident Vučić Serbiens Frauen auf, mehr Kinder zu bekommen, um Volk und Staat zu retten. Die Bevölkerung in Serbien werde in bedrohlichem Ausmaß kleiner, da müssten die Frauen gegensteuern.

Do it for Serbia, Jelena, gewissermaßen.

Das erinnert an Victor Orban, die Geburtenrate in Ungarn mit monetären Anreizen zu steigern, wie sie zuletzt die Nazis verwendet hatten. Jede Frau soll bei der Heirat einen Kredit kriegen, den sie mit vielen Kindern zurückzahlen kann. Abkindern nannte man das seinerzeit.

Vučićs Pläne sind ein paar Schritte davon entfernt, der Grundgedanke dahinter ist der Gleiche.

Frauen sind Gebärmaschinen für den Fortbestand der Nation.

Was diese Haltung noch problematischer macht, als sie an sich schon ist: Die demographischen Probleme Serbiens sind ein direktes Ergebnis der Politik der vergangenen 25 Jahre.

Dass die Bevölkerung schrumpft, liegt vor allem daran, dass junge Menschen zu Zehntausenden auswandern.

Wer mehr Serbinnen und Serben will, oder zumindest eine stabile Bevölkerung, sollte den jungen Menschen im Land eine Perspektive geben und die Entscheidung über Kinder oder keine Kinder getrost den einzigen Leuten überlassen, denen sie zusteht: Den Frauen.

In Kroatien sehen feministische Organisationen immer wieder das Recht auf Abtreibung zur Disposition gestellt.

Aus der regierenden klerikal-nationalistischen HDZ, der auch die Staatspräsidentin angehört, werden immer wieder Überlegungen laut, das liberale Abtreibungsrecht aus jugoslawischen Zeiten durch Regeln zu ersetzen, die es für Frauen viel schwieriger machen würden.

Außerhalb der HDZ arbeiten Opus Dei-nahe Gruppen auf entsprechende Verschärfungen oder gar ein Totalverbot von Schwangerschaftsabbrüchen hin.

Stramm katholische Gruppen und Zirkel versuchen auch, massiv Einfluss auf die Lehrpläne in kroatischen Schulen zu nehmen.

Erklärtes Ziel: Einen modernen Sexualkundeunterricht zu verhindern.

Dreimal darf man raten, wem das hauptsächlich schaden würde.

Man darf davon ausgehen, dass die Unbekannte vom Beograder Trg Republike nicht die Einzige ist, der eine Revolution lieber wären als Rosen.