Sie stehen praktisch nebeneinander. Die orthodoxe Christ-Erlöser-Kathedrale und die Ferhadija-Moschee in Banja Luka. Beide sind Symbole, wie religiös aufgeladener Nationalismus zu Hass und Völkermord führt. Und wie lange Versöhnung dauert.

Ihre Kuppeln strahlen golden über dem Zentrum von Banja Luka. Bei öffentlichen Feiern ist die Christ-Erlöser-Kathedrale eines der beliebtesten Fotomotive.

Schräg gegenüber der Park mit dem Denkmal für die gefallenen Partisanen des Zweiten Weltkriegs.

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Gegensätzliche und auf seltsame Art doch harmonische Annäherungen an einen der grausamsten Kriege des 20. Jahrhunderts.

Als die Spomenci errichtet wurden, die die Narodni Heroji, die Helden des Volkes, und den Volksbefreiungskampf ehrten, klaffte am Kirchenplatz eine Lücke.

Symbol eines Völkermords

Die Ustaša zwangen 1941 die serbische und die jüdische Bevölkerung der Stadt, die Kirche abzutragen. Sie war bei einem Bombenangriff schwer beschädigt worden.

Die kroatischen Faschisten nutzten die Gelegenheit, jede Erinnerung an das Serbentum in Banja Luka auszulöschen. Wenig später wurden die Juden und die Serben der Stadt ausgelöscht.

Auf dem Gebiet des „Unabhängigen Staates Kroatien“ (NDH) fielen 750.000 Menschen dem Völkermord an Serben, Juden und Roma zum Opfer. Der Staat umfasste auch Bosnien und Teile Nordserbiens.

Etwa 600.000 der Opfer waren Serben. Das war etwa ein Drittel der serbischen Bevölkerung auf dem Gebiet des allerkatholischsten NDH.

Die vermeintliche Rache als neues Verbrechen

1992 und 1993 kochte das unterdrückte Trauma des Völkermords an den Serben hoch, wurde angefacht von nationalistischer Propaganda beim Zerfall Jugoslawiens.

Die Republika Srpska spaltete sich vom eben unabhängig gewordenen Bosnien ab. Angehörige seiner Armee und Milizen aus dem benachbarten Rumpf-Jugoslawien inszenierten sich als die Retter des Serbentums vor neuerlicher Auslöschung – indem sie die anderen auslöschten.

Die Kroaten Banja Lukas wurden vertrieben. Rache für Jasenovac, schrien die neuen Verfolger.

Katholische Einrichtungen, für nationalistische Serben Zeichen des verhassten Kroatentums, kamen mit Ausnahme eines Klosters vergleichsweise ungeschoren davon.

Auch der Sitz der katholischen Diözese blieb augenscheinlich unangetastet.

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Das überrascht. War die katholische Kirche im Zweiten Weltkrieg doch Trägerin des Hasses auf die Serben, segneten ihre Priester doch die Waffen der Ustaša, leiteten Franziskaner kroatische Konzentrationslager.

In denen so grausam gemordet wurde, dass sogar die SS Einspruch erhob.

Die vermeintliche Rache, für sich genommen schon eine zweifelhafte Angelegenheit, traf die, die am wenigsten damit zu tun hatten.

Die Muslime Banja Lukas wurden vertrieben oder getötet.

Die Ferhadija-Moschee, einst eines der Wahrzeichen der Stadt, wurde im Mai 1993 gesprengt.

Von der vermeintlichen Rache für einen Völkermord waren die Schlächter zur Rache am vermeintlichen Verrat der Muslime am Serbentum angelangt.

Etwa um die gleiche Zeit begann die nationalistische Regierung, die orthodoxe Christ-Erlöser-Kathedrale wiederrichten zu lassen.

In Jugoslawien war der Wiederaufbau verboten gewesen.

Sie war eines der Symbole des neu erstarkten Serbentums. Die orthodoxe Kirche spielte in jenen Tagen eine entscheidende Rolle, den Hass am Leben zu erhalten, die vermeintliche Verteidigung durch physische und kulturelle Auslöschung des Anderen als heilige Pflicht darzustellen.

Die Geschichte über den Sprengmeister

Was nicht alle Serben so sahen und sehen.

„Es gibt eine Geschichte, die hier immer erzählt wird“, schildert David Bailey, ein alter Freund, der in der Gegend von Banja Luka lebt. Er betreibt den Blog „An Englishman in the Balkans„.

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„Am Tag, nachdem die Ferhadija-Moschee gesprengt wurde, wurde die Tochter des Sprengmeisters von einem Auto überfahren und getötet. Niemand kam zu dem Mann, um ihm Beileid zu wünschen. Hinter seinem Rücken hieß es: Das ist die Strafe Gottes für sein Verbrechen.“

Ich halte diese Geschichte für unwahr. Zu sehr erinnert sie mich an die vielen Geschichten aus dem Zweiten Weltkrieg, die einem dann und wann begegnen.

Gleichzeitig halte ich es für wichtig, dass sie erzählt wird.

Sie zeigt, dass viele Serben, wahrscheinlich die meisten, die Verbrechen verurteilten, die in ihrem Namen begangen wurden.

Genauso, wie viele, wahrscheinlich die meisten, Kroaten die Verbrechen verurteilt hatten, die im Zweiten Weltkrieg in ihrem Namen begangen worden waren.

Für Widerstand, um das Morden zu beenden, reichten Abscheu und Verurteilung freilich in beiden Fällen nicht.

Die Ferhadija-Moschee wurde vor zwei Jahren neu eröffnet.

10.000 Menschen aus Banja Luka und Umgebung kamen zu der Feier.

Vielleicht ein Zeichen, dass sich doch etwas geändert hat. Dass der vielbeschworene Hass in der Region von lautstarken und gut organisierten Minderheiten ausgeht. Und die Mehrheit die Schnauze voll hat und friedlich miteinander leben will.

Vielleicht können diese zwei Tempel als Symbole betrachtet werden, dass das blutige 20. Jahrhundert am Balkan vorbei ist.

Und das 21. nur hoffnungsreich sein kann, wenn man die eigene ethnische oder religiöse Zugehörigkeit nicht so ernst nimmt.