Sarajevo Safari

Sarajevo Safari: Die FAZ hat ihre Zweifel

Die Frankfurter Allgemeine Zeitung bezweifelt in einem aktuellen Artikel, dass reiche Ausländer während der Belagerung von Sarajevo wirklich Geld gezahlt haben, um Menschen in der umringten Stadt zu jagen. Wo die FAZ aus meiner Sicht Recht hat, und wo sie irrt, lest ihr in dieser Analyse.

„Problematisch sind dabei nicht Zupanič, Gavazzeni und Margetić. Es ist schließlich nicht verboten, schlechte Filme und Bücher zu machen. Bedenklich ist aber ein Journalismus, der sich solche Machwerke weitgehend kritiklos zu eigen macht, wenn nur die Tendenz stimmt – böse, alte weiße Männer als Täter. Vielleicht gab es die Menschenjagd von Sarajevo. Aus den immer wieder dafür angeführten Quellen ist das jedoch nicht abzuleiten.“

Zu diesem Schluss kommt Michael Martens, als er in einem Artikel für die Frankfurter Allgemeine Zeitung analysiert, was über den Themenkomplex Sarajevo Safari an Quellen vorhanden ist, und wer welche Informationen veröffentlicht.

Michael Martens ist nicht irgendwer: Seit 24 Jahren ist er mit leicht wechselndem Aufgabengebiet Südosteuropa-Korrespondent der FAZ. Seine Ivo Andrić-Biografie „Im Brand der Welten“ ist zum deutschsprachigen Standardwerk zu Jugoslawiens bedeutendstem Schriftsteller geworden.

Worum es geht

Sarajevo Safari: Das ist der Name für eines der widerwärtigsten Kriegsverbrechen des an widerwärtigen Kriegsverbrechen nicht armen Bosnien-Krieges. Während der Belagerung von Sarajevo sollen Netzwerke in der Rumpf-JNA und der Armee der Republika Srpska (RS) reichen ausländischen Touristen die Jagd auf Menschen in der belagerten Stadt ermöglicht haben. Gegen viel Geld, versteht sich.

Bis heute ist niemand in diesem Themenkomplex angeklagt. Ernsthafte Ermittlungen gibt es erst seit dem Vorjahr. Erste nähere Belege für die Geschichte, die seit den 1990-ern kursiert, gibt es erst seit vier Jahren. Da veröffentlichte der slowenische Regisseur Miran Zupanič seine Doku „Sarajevo Safari“ am Sarajevo Fim Festival.

(Balkan Stories berichtete damals als eines der ersten deutschsprachigen Medien.)

Seitdem kamen an größeren Werken ein Buch des Italieners Ezio Gavazzeni und eines des umstrittenen kroatischen Autors Domagoj Margetić dazu. Mehr über Letzteren und Letzteres unten. Gavazzenis Recherchen ergaben immerhin genug, dass die Mailänder Staatsanwaltschaft Ermittlungen einleitete.

(Balkan Stories berichtete damals als erstes deutschsprachiges Medium.)

Eindeutige Belege sind das alles nicht. Und bevor ich ins Detail gehe: Ich stimme Michael Martens in seiner Analyse großteils zu. Dass, wie Gavazzeni und Margetić behaupten, hunderte reiche Ausländer auf Menschen im belagerten Sarajevo geschossen haben sollen, ist sehr zu bezweifeln.

Die Zweifel am angeblichen Ausmaß sind mehr als berechtigt

So zeigt Martens auf, dass von den rund 12.000 Toten während der Belagerung von Sarajevo wohl um die 350 von Scharfschützen erschossen worden seien. Zahlreiche weitere wurden verletzt. Sollten tatsächlich hunderte westliche Touristen Jagd auf Zivilisten gemacht haben, muss praktisch jeder Tote und Verletzte auf ihr Konto gehen. Das ist extrem unwahrscheinlich.

Ich hätte auch in meiner Berichterstattung skeptischer sein sollen, was das Ausmaß der Sarajevo Safari betrifft.

Gewicht hat Martens‘ Kritik vor allem, wenn es um die Bücher von Gavazzeni und Margetić geht.

Auch ohne Gavazzenis Werk gelesen zu haben: Die Lücken und Widersprüche, die die FAZ aufzeigt, lassen große Zweifel aufkommen, wie ernst er seine Recherchen genommen hat.

„Gavazzeni, der eine Recherche am Tatort sowie Gespräche in Sarajevo nicht für nötig hielt, stapft mit frohgemuter Ahnungslosigkeit durch das von ihm beschriebene Terrain. Da ist etwa von einer jugoslawischen Infanterieeinheit die Rede, die in Norilsk stationiert gewesen sei – nur liegt diese Stadt nicht in Jugoslawien, sondern in der sibirischen Permafrostzone.“

Der Autor soll auch schwadronieren, dass in den 1990-ern Krieg in Rumänien gewesen sei.

Steht das wirklich so drinnen, kann man nur die Hände über den Kopf zusammenschlagen. Das Buch scheint sich als Türstopper zu eignen und nicht als Quelle für journalistische Berichterstattung.

Wer Margetić als Quelle verwendet, hat die Kontrolle über sein Leben verloren

Was Margetić angeht, zeigt Martens bei aller Skepsis nahezu ausgesucht höfliche Zurückhaltung. So wie ich auch in meinen ersten Berichten über seine absurden Behauptungen, der heutige Präsident Serbiens, Aleksandar Vučić, sei Teil der Organisation der Sarajevo Safari gewesen und habe selbst auf Menschen in Sarajevo geschossen. Ernstzunehmende Belege blieb der kroatische Autor bis heute schuldig.

So schrieb ich schon im November 2025: „Die Suppe ist dünn“, und wies seine Behauptungen gründlicher zurück als die anderen deutschsprachigen Journalisten, deren Berichte mir unterkamen. Allerdings hielt ich mich zurück. Als Journalist pinkelt man einem Kollegen nicht so ohne weiteres ans Bein.

Seitdem hat sich Margetić in die Sache hineingesteigert und erhebt mit immer abstruseren Methoden immer abstrusere Vorwürfe. Siehe hier.

Und spätestens seit er sein Buch über seine angeblichen Recherchen vorgestellt hat, muss jedem auch nur durchschnittlich intelligenten Menschen klar sein: Der kroatische Autor will auf Biegen und Brechen mit dem Leid der Menschen im belagerten Sarajevo Geld verdienen. Keine Behauptung, kein Manöver ist unter seine Würde. Siehe hier.

Wer Margetić als Quelle in Sachen Sarajevo Safari verwendet, hat die Kontrolle über sein Leben verloren.

Bei meinem jüngsten Aufenthalt in Sarajevo habe ich auch einen Lokalaugenschein gemacht, der zeigt, wie unglaubwürdig die Aussagen von Margetić‘ Hauptzeugen sind. Ich hoffe, das nächste Woche hier zu veröffentlichen.

Dass viele westliche Medien viele der Behauptungen vor allem der letzten Beiden unkritisch übernommen haben, stimmt. Da muss man Michael Martens uneingeschränkt Recht geben. Und ich muss mich hier teilweise auch selbst an der Nase fassen.

Wo er auch Recht hat, ist, dass Miran Zupanič‘ Doku „Sarajevo Safari“ ihre Lücken hat und auf dramaturgischen Effekt hin geschnitten ist. Martens nennt es manipulativ. Da bin ich anderer Meinung. Manipulativ ist letztlich jeder Schnitt in jeder Doku. Aber, OK.

Und ja, auch ich habe mich in meiner Berichterstattung teilweise auf die dramaturgischen Effekte von Mirans Doku draufgesetzt. Ich stehe übrigens dazu. Im Journalismus gehört Effekthascherei zum Geschäft. In Maßen und bewusst eingesetzt, ist es sogar beinahe eine Kunstform, macht auf Texte aufmerksam und hilft beim Einordnen.

Mit Betonung auf: In Maßen.

Wo die FAZ falsch liegt

Insgesamt hat Martens in den allermeisten seiner Kritikpunkte völlig Recht. Und liefert trotzdem eine unvollständige Analyse. Aus Platzgründen gehe ich nur auf einige der Punkte ein, die für mich fehlen oder wo ich denke, dass die FAZ irrt.

Um meine Position klarzustellen: Ich gehe davon aus, dass es die Sarajevo Safari gegeben hat. Dass einzelne reiche Ausländer gegen Geld auf Menschen im belagerten Sarajevo geschossen haben. Dass das von Kreisen in der Rumpf-JNA und der Armee der Republika Srpska geschehen ist. Und dass das ein deutlich kleineres Ausmaß hatte als in den vergangenen Monaten kolportiert.

Es fehlen zwei aus meiner Sicht wesentliche Aspekte: Die Mailänder Staatsanwaltschaft ermittelt in dem Themenkomplex seit mehr als einem halben Jahr. Die Staatsanwaltschaft in Wien geht zumindest einem Anfangsverdacht nach. Anklagebehörden machen so etwas nicht zum Spaß. Sie sehen ausreichend Substrat um zumindest zu ermitteln.

Solche Ermittlungen sind kein Beleg, dass es die Sarajevo Safari gab. Sie sind auch kein Beleg, dass einige der Mord-Touristen aus Österreich oder Italien kamen. Aber sie sind ein Beleg, dass die bisherigen Verdachtsmomente die Sache plausibel erscheinen lassen.

Einer dieser Verdachtsmomente ist eine jahrzehntelang vergessene Zeugenaussage vor dem International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia (ICTY).

In einem Prozess im Jahr 2007 sagte der US-amerikanische Feuerwehrmann John Jordan, dass er mehrfach offensichtliche Ausländer in serbischen Scharfschützenstellungen bei Sarajevo beobachtet habe. Jordan leitete eine freiwillige ausländische Feuerwehrorganisation in Sarajevo. Davor war er Scharfschütze bei den US Marines.

Seine gesamte Aussage könnt ihr hier nachlesen.

Es stimmt, auch Jordans Beobachtungen sind nicht detailliert genug, um jemanden anzuklagen. Sie waren damals nur Randthema des Strafverfahrens, in dem er als Zeuge aussagte.

Sie waren aber detailliert genug, um ihn näher zu diesem Themenkomplex zu befragen und gegebenenfalls Ermittlungen einzuleiten. Das ist nicht passiert.

Bedenkt man die Mailänder Ermittlungen und Jordans Aussagen, erscheint die Sarajevo Safari als mehr als ein Gerücht, mehr als als Produkt von unseriösem Journalismus.

Wo ich Martens entschieden widerspreche, ist, wie er die Kritik an der Staatsanwaltschaft von Sarajevo beiseitewischt. Die hat bislang überhaupt nicht ermittelt. Klar, man kann es als Beleg sehen, dass es keine ernsthaften Beweise für dieses – mutmaßliche – Kriegsverbrechen gibt. Das leitet Martens daraus ab.

Man kann es auch als Beweis sehen, dass in einem zersplitterten Land Ermittlungen nach 30 Jahren schwierig sind. Nicht zu vergessen der Umstand, dass die Sarajevoer Ankläger schon vor 30 Jahren keine Ermittlungen einleiteten, als die ersten Gerüchte über die Sarajevo Safari bekannt wurden.

Würde sie jetzt auf einmal seriöse Belege für die Causa finden, wäre das auch ein indirektes Eingeständnis, dass sie vor 30 Jahren versagt hat, und dass sie 30 Jahre lang einfach nichts getan hat in der Sache. Das haben Behörden nirgends gern. Und die Fehlerkultur bosnischer Behörden im Besonderen ist ohnehin unterdurchschnittlich ausgeprägt. Höflich formuliert.

Warum viel früher ermittelt werden hätte müssen

Aber man sollte hier nicht nur auf die Anklagebehörde in Sarajevo verweisen.

30 Jahre lang hat niemand in der Causa ermittelt. Obwohl sich die Gerüchte hartnäckig hielten. Obwohl Aussagen wie die von John Jordan Ermittlungsansätze lieferten.

Das war ein schwerer Fehler.

Ein schwerer Fehler vieler Behörden und Agenturen. Das habe ich im November detailliert analysiert.

Auch wenn ernsthafte Ermittlungen ergeben hätten: An der Sache ist nichts dran, hätte das zumindest ein gewisses Vertrauen geschaffen, dass Polizei und Anklagebehörden gewichtige Anschuldigungen ernstnehmen.

Dass Menschen Geld gezahlt haben sollen, um auf Zivilisten in einer belagerten Stadt zu schießen, ist nicht nur eine gewichtige Anschuldigung. Sie ist ungeheuerlich, das inkriminierte Verbrechen widerwärtig. So ungeheuerlich, so widerwärtig, dass aufgeklärt werden muss. Ein für alle mal. Egal, ob Ermittlungen ergeben, dass es eine Urban Legend ist oder bald Angeklagte vor Gericht stehen.

Dass 30 Jahre lang nationale und internationale Behörden und Nachrichtendienste einander die Kugel gegenseitig zuschoben und keiner Interesse hatte, sich die Sache wenigstens mal anzusehen, ist bedenklich. Oder, wie ich im November formuliert habe: „Die jahrzehntelange Untätigkeit der Genannten untergräbt das öffentliche Vertrauen in den Rechtsstaat. Nur eine genaue Untersuchung, warum nichts passierte, kann dieses Vertrauen wiederherstellen.“

Meine bisherige Berichterstattung zur Sarajevo Safari könnt ihr hier nachlesen. Überprüft sie gerne auch und gerade auf die Kritikpunkte von Michael Martens an der internationalen Berichterstattung und lasst mich wissen, welche aus eurer Sicht auch auf meine Arbeit zutreffen.

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