Ein paar Tage Mensch sein

Für Fans und Comics-Künstler aus der ganzen Welt ist das Hercegnovski Strip Festival einzigartig. Für eine kleine Gruppe Menschen ist es eine der wenigen Gelegenheiten, normal zu leben. Deutschen und österreichischen Scharfmachern missfällt das. Reportage.

Maxim* steht vor dem kleinen Stand des St. Petersburger Comic-Verlags Drugoe Izdatelstvo im Stadtzentrum der montenegrinischen Küstenstadt Herceg Novi. Inhaber Yaroslav Abramov stellt beim Hercegnovski Strip Festival (HSF) aus, dem größten Comics-Festival im ehemaligen Jugoslawien.

„Hier werden wir ganz normal behandelt. Hier sind wir Menschen, Künstler. Wie alle anderen. Hier fragt uns keiner dauernd nach dem Krieg. Das ist das Schöne, wenn man unter Künstlern ist, vor allem unter Comics-Künstlern“, sagt Maxim.

Er ist Comics-Künstler aus Russland. Vor vier Jahren geflohen vor Krieg und Vladimir Putin. Schlägt sich seit vier Jahren im ehemaligen Jugoslawien durch. Lebt von Visum zu Visum.

„Ich hab da Glück“, sagt Maxim. „Ich kann meine Arbeit von überall aus machen. Den Verlagen, für die ich zeichne, ist es egal, wo ich lebe.“

Seit seiner Gründung 2007 war das HSF international ausgerichtet. Künstler, Fans, Verleger waren und sind hier immer willkommen, egal, wo sie herkommen. Hauptsache, sie machen Comics, geben sie heraus oder lieben sie ganz einfach.

Die betont entspannte und antikommerzielle Atmosphäre des Festivals hat immer schon Leute aus allen Ecken der Welt angelockt, Russen inklusive.

Heuer scheinen es etwas mehr zu sein als sonst.

Das liegt zum einen daran, dass Yaro heuer erstmals hier ausstellt.

Zum anderen haben die verschärften Repressionen im Russland Vladimir Putins wieder ein paar tausend seiner Staatsbürger aus dem eigenen Land vertrieben, auf den so genannten Visa-Run am Balkan geschickt.

Und für viele, die länger her sind, ist es vielleicht für Jahre die letzte Gelegenheit, dieses Festival zu besuchen.

Was die Stimmung trübt

Mit November wird der EU-Beitrittskandidat Montenegro auf Druck der EU eine Visums-Pflicht für russische Staatsbürger einführen. Für tausende Russen, die in den vergangenen Jahren einen temporären Schutz vor dem Regime zuhause gefunden haben, vorübergehend dem Schicksal entkommen konnten, als Frontsoldaten in einem Krieg verheizt zu werden, den sie vom ersten Tag an abgelehnt haben, heißt das, dass sie das Land verlassen müssen.

„Alexej* ist schon nach Serbien gezogen“, schildert mir Mihail*, ein weiterer russischer Künstler. „Er war schon seit was, zwei, drei Jahren hier. Hat sich hier gut eingelebt, sich ein neues Leben aufgebaut. Jetzt steht er wieder vor dem Neubeginn“, sagt Mihail. Alexej und ich hatten uns vergangenes Jahr am HSF getroffen.

In Beograd und Novi Sad kann Alexej wenigstens an ein Netzwerk russischer Künstler und Dissidenten anknüpfen.

Zehntausende russischer Staatsbürger sind seit 2022 nach Serbien geflüchtet. Die Glücklichen haben irgendwie ein Dauervisum bekommen. Das sind etwa Ilija* und Katerina*. Die beiden sind große Comics-Fans und zum zweiten Mal beim HSF. Ilija macht was mit Computern, Katerina hat länger an einer Beograder Fakultät unterrichtet. Beide haben eine Aufenthalts- und Arbeitsbewilligung in Serbien.

„Ich habe meine Wohnung und ein Grundstück zuhause verkauft, das ich von meinem Großvater geerbt habe“, schildert Ilija. „Mit dem Geld hab ich mir eine Wohnung in Novi Beograd gekauft, in der wir jetzt beide leben“.

Zurück wird Ilija auf keinen Fall gehen. Zumindest nicht, so lange Russland seinen Angriffskrieg auf die Ukraine fortsetzt. „Ich bin selbst halber Ukrainer“ sagt er, mit Verweis auf seinen ukrainischen Nachnamen. „Das sind meine Cousins, meine Nachbarn, meine Freunde. Warum soll ich diesen Krieg unterstützen? Ich will das weder mit meinen Steuern machen, noch will ich vielleicht auch noch eingezogen werden als Soldat“.

Die weniger Glücklichen machen das, was Maxim macht: Den Visa Run.

So nennen Russen den Versuch, die maximalen Aufenthaltsdauern ohne Visum in Serbien, Bosnien, Montenegro und (Nord-)Mazedonien gesetzeskonform auszureizen. 90 Tage Serbien, dann 30 Tage Bosnien, dann 30 Tage Montenegro, dann 60 Tage (Nord-)Mazedonien, dann wieder Serbien.

Ab 1. November fällt Montenegro weg. Das macht es deutlich komplizierter.

(Eine längere Reportage über die schwierige Situation der zehntausenden Exil-Russen im ehemaligen Jugoslawien könnt ihr im Archiv von Balkan Stories nachlesen.)

Dass das Land, das 2028 das 28. EU-Mitglied zu werden hofft, das EU-Visums-Regime gegenüber Russen übernimmt, geschieht auf EU-Druck hin.

Der montenegrinische Tourismus wird das nach dem Aufschwung der vergangenen Jahre verkraften. Ob das Betroffene wie Maxim tun werden, steht auf einem anderen Blatt.

Scharfmacher fordern weniger Visa oder Einreiseverbot für Russen

Vielen Scharfmachern in der EU reicht das nicht. Sie fordern, dass es russischen Staatsbürgern noch schwerer gemacht werden soll, in den Schengenraum einzureisen.

Marie-Agnes Strack-Zimmermann (FDP), Vorsitzende des Ausschusses für Sicherheit und Verteidigung im EU-Parlament, etwa fordert de facto, dass Russen gar nicht mehr in die EU und in weiterer Folge etwa nach Montenegro einreisen dürfen.

Das Redaktionsnetzwerk Deutschland etwa fasst ihre Haltung in einem Artikel von Anfang Juni zusammen: Reisen in die EU seien kein Grundrecht, sondern ein Privileg. „Dieses Privileg sollte eine Gesellschaft verlieren, die einen Angriffskrieg mitten in Europa trägt oder zumindest duldet“, so Strack-Zimmermann. „Wer glaubt, man könne Kriegsverantwortliche sanktionieren und gleichzeitig den Normalbürger ungehindert einreisen lassen, versteht nicht, wie kollektiver politischer Druck funktioniert.“

In nicht unbeträchtlichen Teilen der österreichischen und deutschen Gesellschaft finden Forderungen wie diese breiten Widerhall. Russen, die in die EU wollten, seien ohnehin entweder Oligarchen oder Agenten des FSB, lautet eine beliebte Argumentation.

Beweise für diese These bleibt man schuldig.

Gleichzeitig beschäftigen Netzwerke des FSB eine unbekannte, aber wohl beträchtliche, Anzahl von EU-Staatsbürgern. Etwa eine Zelle bulgarischer Staatsbürger, die über den nach Russland geflohenen enttarnten österreichischen FSB-Agenten Jan Marsalek für den FSB Regimegegner und kritische Journalisten ausspionierte.

Ausschließlich Russen unter den Generalverdacht der Spionage zu stellen, und ihnen pauschal eine Einreise in die EU zu verbieten, erscheint angesichts dieses Umstands nicht nur ungerecht. Die Maßnahme wäre auch bemerkenswert ineffektiv.

Vor allem würde sie den letzten Türspalt in die Normalität zumachen, den es für Zehntausende wie Maxim und Mihail noch gibt, und die dutzenden Russinnen und Russen auf dem Visa Run, die ich seit 2022 in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens getroffen habe.

Die Chance, in die EU einzureisen und dort Schutz vor Russlands Regime und dem russischen Angriffskrieg auf die Ukraine zu finden, mag für sie bislang eine theoretische gewesen sein. Aber immerhin eine, auf die man hinarbeiten konnte.

Setzen sich die Scharfmacher durch, ist auch sie weg.

Und sei es nicht wegen des Generalverdachts der Spionage sondern als Kollektivstrafe für die Taten des autoritären bis diktatorischen Regimes von Vladimir Putin in Moskau. Das fordert dem RND zufolge etwa Jürgen Hardt. Er ist außenpolitischer Sprecher der CDU/CSU-Fraktion im deutschen Bundestag.

Russland führe einen hybriden Krieg in der EU, und versuche gleichzeitig, auf der Oberfläche die Beziehungen zu EU-Staaten zu normalisieren, schildert er gemäß RND die Ausgangssituation zutreffen. Er interpretiert sie für sich so:

„Dieses Spiel dürfen wir nicht mitspielen“, so Hardt, „denn dieser Weg führt hin zu immer mehr russischem Einfluss in Europa und einer Verstetigung des Kriegs in der Ukraine.“ Um Frieden zu erreichen, müsse Deutschland klar benennen, dass an Russlands Verhalten nichts Normales sei. „Das müssen wir klar benennen“, forderte er. „Eine striktere Visaerteilung nur an klar identifizierte Oppositionelle ist dafür ein probates Mittel“, wird er im RND zitiert.

Dissidenten sollen in die EU einreisen dürfen. Nur: Wer ist ein Dissident?

Dass russische Dissidenten nicht vom Visa-Stopp für Russen betroffen sein sollen, ist für Maxim und Mihail allenfalls ein schwacher Trost. Ein solcher zu sein, ist nicht einfach nachzuweisen.

Vor Yaros Verlagsstand stehen an diesem Nachmittag zwei Künstler, die das vielleicht könnten. Sie zeigen mir ihre Tätowierungen.

Zwei Hände mit auffälligen Tätowierungen, eine mit einem teuflischen Motiv und die andere mit einem Porträt. Eine Hand trägt einen silbernen Ring.

„Für so etwas kannst du heute in Russland eingesperrt werden“, erzählt Vladimir*. „Da giltst du als gefährlicher Satanist und damit als Staatsfeind“. Ein loyaler Russe ist in den Augen des Regimes ein russisch-orthodoxer Russe. Andersgläubige oder Atheisten stehen unter Generalverdacht.

Vladimir und Anton* schildern, dass die Polizei sie in den vergangenen Jahren mehrfach auf der Straße angehalten und fallweise für eine Nacht oder zwei eingesperrt hat. Von prügelnden Polizisten ist die Rede, von regelmäßiger Überwachung, von Schikanen bei Behördengängen.

Ob das reicht, um in den Augen etwa deutscher oder österreichischer Scharfmacher als Dissident zu gelten, sei dahingestellt.

Die Aussicht, ab November nur mehr schwer nach Montenegro einreisen zu dürfen, und vielleicht ab 2027 dauerhaft aus EU und Montenegro ausgesperrt zu sein, trübt bei aller Euphorie die Stimmung nicht weniger russischer Teilnehmer des heurigen HSF.

Zumal in Serbien als dem größten europäischen Aufnahmeland für russische Emigranten die Stimmung in großen Teilen der Bevölkerung zuungunsten der dort lebenden Exil-Russen kippt.

Die serbische Immobilienblase hat Mieten und Eigentumspreise in den vergangenen paar Jahren in für serbische Verhältnisse astronomische Dimensionen steigen lassen.

Eigentumswohnungen oder auch nur adäquat große neue Mietwohnungen in größeren Städten sind selbst für die serbische Mittelschicht heute nur mehr schwer bis gar nicht leistbar.

Die breite Masse macht für diesen Umstand nicht von der Politik geförderte Immobilienspekulationsprojekte wie Beograd na vodi verantwortlich. Aus ihrer Sicht sind die Russen schuld, die seit 2022 nach Serbien gezogen sind und Wohnraum brauchen.

Bleibt die Frage, wie lange das serbische Regime den Exil-Russen gegenüber so relativ freundlich gesonnen bleibt, wie es das jetzt ist. Das wird möglicherweise auch vom Ergebnis der Parlamentswahlen am 25. Oktober abhängen.

Wie die ausgehen, ist ungewiss.

Aber zumindest darüber will heute keiner Russen nachdenken, der beim HSF ein paar sehr seltene Tage Normalität genießt.

Mehr über das Hercegnovksi Strip Festival, und was es so einzigartig macht, erfahrt ihr im Archiv von Balkan Stories.

*Die Namen der Betroffenen habe ich in Hinblick auf mögliche Repressalien verändert und in Einzelfällen einige Details verfremdet

Wenn euch dieser Beitrag gefällt…

Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das ab sofort auf Buy Me A Coffee tun. Und wenn euch dieser Beitrag gefällt, bitte teilt ihn auf euren sozialen Netzwerken, lasst ein Like da oder kommentiert.


Entdecke mehr von balkan stories

Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.

Ein Gedanke zu “Ein paar Tage Mensch sein”

  1. Danke für Ihre Berichterstattung über die Lage der vielen russischen Bürger, die vor dem Krieg und dem autoritären Regime in ihrem Heimatland geflohen sind.
    Es ist für mich nicht nachvollziehbar, was die EU-Behörden mit den verschiedenen Maßnahmen erreichen wollen, die sie Montenegro als Bedingung für einen möglichen Beitritt drängen.
    Ist ihnen denn nicht klar, dass diese Maßnahmen keinerlei wirkliche Auswirkungen auf die Politik der russischen Regierung oder auf die Haltung ihrer Anhänger und Befürworter haben? Tatsächlich tragen sie lediglich dazu bei, die Gesellschaft weiter zu spalten, und lassen einem (keineswegs unbedeutenden) Teil der russischen Bevölkerung – Menschen, die weder die Ideologie noch die Entscheidungen der politischen Führung Russlands teilen – immer weniger Alternativen.

Kommentar verfassen