Heute vor 31 Jahren begann der Völkermord von Srebrenica. In Serbien wird der Mord an 8.372 muslimischen Burschen und Männern weitgehend totgeschwiegen. Das wird sich voraussichtlich auch nicht ändern, sollten die laufenden Massenproteste im Land das Regime von Aleksandar Vučić hinwegfegen.
Dragan Bursać erwartet nichts mehr Gutes von den Massenprotesten in Serbien. Als am Vidovdan die Studenten des Landes zu einem Massenprotest aufriefen, habe es vor nationalistischen Flaggen, Parolen, Rednern nur so gewimmelt, schreibt der renommierte Journalist aus Banja Luka in einer Kolumne für das bosnische Portal Plenum.
„Nikada nisu rekli da Srbija mora raskrstiti sa velikosrpskom politikom. Nikada nisu otvorili pitanje genocida u Srebrenici. Nikada nisu ponudili drugačiji odnos prema Kosovu“.
„Nie haben sie darüber gesprochen, dass Serbien mit der großserbischen Politik brechen muss. Nie haben sie die Frage des Völkermords in Srebrenica angesprochen. Nie haben sie eine andere Haltung (als die offizielle serbische, dass der Kosovo weiter Teil Serbiens sei) gegenüber dem Kosovo gezeigt“.
Nicht alle Beobachter würden das Ausmaß des offenen Nationalismus unter serbischen Anti-Vučić-Studenten für so groß halten wie es Dragan tut.
Dragan hat sein journalistisches Leben dem Kampf gegen Nationalismus in Ex-Jugoslawien gewidmet, und speziell dem serbischen. Sein Gespür für Codes und rechtsradikale Muster ist besonders ausgeprägt. Möglich, dass er hier etwas sieht, das viele andere – mich eingeschlossen – aus politischem Wunschdenken heraus auch vor sich selbst herunterspielen. Möglich auch, dass er hier Muster sieht, die in dem Ausmaß nicht da sind.
Wo Dragan die Finger in die Wunde legt
Unbestreitbar hat Dragan in mehreren zentralen Punkten Recht.
Dass am Vidovdan nationalistische Studenten so massiv auftraten, sie so offen mit der nationalistischen Opposition gegen die regierende klerikal-nationalistische SNS von Serbiens Präsident Aleksandar Vučić kooperierten, ist keinesfalls das Ergebnis einer erfolgreichen Unterwanderung der studentengeführten Massenproteste.
Das nationalistische Lager innerhalb dieser Proteste war immer stark, und es war immer sichtbar. Offener und brutaler serbischer Nationalismus ist in der serbischen Gesellschaft weit verbreitet und noch weiter akzeptiert.
Dass das auch bei den Massenprotesten eine Rolle spielt, überrascht keineswegs.
Es überrascht auch keineswegs, wenn man bedenkt, dass die allermeisten Studenten in den mittlerweile 14 Jahren sozialisiert wurden, in denen Vučić und die SNS an der Macht sind. Sie haben diesen offenen Nationalismus etabliert, instrumentalisiert und in den Schulbüchern und Lehrplänen des Landes institutionalisiert.
Diese Studenten sind Produkte des Systems Vučić, wie Dragan schreibt. Das gilt auch für die, die mit dem Klerikalnationalismus des Regime gebrochen haben, liberale oder linke Positionen vertreten, für ein weltoffenes, modernes Serbien kämpfen.
Auch für sie ist das System Vučić der Referenzrahmen.
Auch sie müssen sich mit dem nationalistischen Konsens in Serbiens Gesellschaft herumschlagen. Auch sie müssen sich von ihm diktieren lassen, welche Fragen man innerhalb der Protestbewegung ansprechen darf und welche nicht. Abwägen, was wichtiger ist: Das System Vučić vielleicht durch ein zumindest transparenteres und weniger korruptes zu ersetzen oder das wichtigste ideologische Fundament des Systems mit überschaubaren Erfolgsaussichten zerschlagen zu wollen.
Dazu gehört auch und gerade die Srebrenica-Frage.
Die Armee der Republika Srpska ermordete 8.372 muslimische Burschen und Männer
Nachdem die Armee der Republika Srpska die mehrheitlich muslimische Stadt in Bosnien nach jahrelanger Belagerung erobert hatte, befahl deren Befehlshaber Ratko Mladić, Frauen und Kinder in Busse zu verfrachten und in Gebiet zu deportieren, das von Truppen der bosnischen Armee kontrolliert war. Und muslimische Burschen und Männer zu töten.
Niederländische UN-Soldaten lieferten die Opfer widerstandslos aus. Dass die UN Srebrenica zur UN-Schutzzone erklärt hatte, änderte nichts.
Die Soldaten der Armee der Republika Srpska ermordeten innerhalb weniger Tage 8.372 Menschen.
Mehrere internationale Gerichte urteilten, dass das Massaker Völkermord war.
Der ICTY, das Internationale Strafgerichtstribunal für das ehemalige Jugoslawien, verurteilte Mladić unter anderem wegen des Völkermordes von Srebrenica zu lebenslanger Haft.
Die serbische Staatsräson
Im serbisch dominierten bosnischen Teilstaat Republika Srpska (RS) und Serbien unter Aleksandar Vučić ist es zur Staatsräson geworden, zu leugnen, dass Srebrenica Völkermord war. Das gilt vor allem seit der verunglückten Srebrenica-Resolution der UNO-Vollversammlung vor zwei Jahren.
Wie präsent das ist, zeigen zwei Beispiele in jeweils sehr zentraler Lage. Auf einer Fassade am Beginn der Knez Mihajlova in Beograd heißt es auf einem Graffito auf weißem Hintergrund: „Der einzige Völkermord am Balkan war der an den Serben“.
Das ist eine Anspielung auf den Völkermord an Serben, Juden und Roma im so genannten Unabhängigen Staat Kroatien im Zweiten Weltkrieg. Dem war auch Bosnien einverleibt worden, ebenso Teile der westlichen Vojvodina.
Auch am großen Banner der Serbischen Radikalen Partei (SRS) am Bulevar Mihaila Pupina in Novi Sad steht über dem Portrait von Parteigründer Vojislav Šešelj: „U Srebrenica nije bilo genocida“. „In Srebrenica gab es keinen Völkermord“.
Šešelj ist der politische Ziehvater von Aleksandar Vučić. Vučić, lang seine rechte Hand, brach 2008 auf dem Weg zur Macht mit ihm, und zeigt sich gemäßigter als Šešelj. Kritiker sagen, Vučić und seine SNS würden den Nationalismus der SRS mit anderen Mitteln weiterverfolgen.
Der Spruch in Beograd und das SRS-Banner stammen von einer Opposition, die sich rechts von Vučić sieht. Aber dass das so offen toleriert wird, spricht auch Bände.
Nicht zu reden von den sporadisch auftretenden Graffiti-Wellen, die Ratko Mladić als Helden feiern.
Dass offenbar große Teile der serbischen Studentenschaft nicht unbeeindruckt bleiben von solchen Parolen, sollte wenig überraschen.
Auch das ist es, was Srebrenica zu einer Gretchenfrage Serbiens macht. Dem Wesen nach wahrscheinlich sogar mehr als die Kosovo-Frage.
In der Kosovo-Frage ist ein pragmatischer Kompromiss denkbar, bei dem alle Seiten ihr Gesicht wahren. Ein hässlicher, ein schiefer, ein schmutziger, vielleicht, aber immerhin.
Bei Srebrenica ist das schwer vorstellbar.
Warum Srebrenica Serbiens Gretchenfrage ist
Wie die Gretchenfrage Srebrenica beantwortet wird, wird das Verhältnis der serbischen Gesellschaft zu Serbiens Nachbarstaaten definieren. Wird zeigen, wie sehr die serbische Gesellschaft mit ihren eigenen Verstrickungen im Jugoslawien-Krieg umgeht.
Wie damit, dass ohne die Unterstützung aus Serbien die Armee der RS den Krieg in Bosnien nie hätte führen können. Das Geld der RS kam großteils aus Serbien. Die Waffen, die Munition, sonstiger Nachschub, kam zu einem großen Teil aus Serbien. Die manchmal gar nicht so Freiwilligen, die die Einheiten der Armee der RS vervollständigten, kamen großteils aus Serbien. Und wenn sie Griechen oder Russen waren, wurden sie großteils über Serbien eingeschleust.
Viele der Offiziere der Armee der RS waren Leihgaben der JNA. Ratko Mladić ist das prominenteste Beispiel.
Auch propagandistische Unterstützung kam zu einem großen Teil aus Serbien. Ein Beispiel ist ein damals junger politischer Aktivist für die SRS und Fernsehjournalist namens Aleksandar Vučić.
Ohne die jahrelange Unterstützung der RS durch das damalige Regime von Slobodan Milošević hätte es den Völkermord von Srebrenica nicht gegeben.
Erst wenn Serbiens Gesellschaft und Politik für jedermann unmissverständlich eingestehen, dass in Srebrenica ein Völkermord passierte, werden die Gesellschaften und die Politik in Bosnien und Kroatien, und sogar im Kosovo Serbien glauben, dass die Geschichte aufgearbeitet werden soll und kann. Und dass sich Serbiens Gesellschaft und Politik endgültig von großserbischen Ambitionen serbischer Nationalisten abgrenzen und lossagen.
Erst, wenn Serbiens Gesellschaft und Politik für jedermann unmissverständlich eingestehen, dass in Srebrenica Völkermord passierte, werden auch die Wunden heilen können, die der Krieg in der serbischen Gesellschaft geschlagen hat. Kann diese Gesellschaft als Ganzes über eine Zukunft nachdenken. Irgendeine Zukunft, wohlgemerkt.
Diese Antwort auf die serbische Gretchenfrage wird es offenbar länger nicht geben.
Selbst wenn die laufenden Massenproteste in Serbien das Regime Vučić hinwegfegen sollten, ist klar: Es stehen einander zwei große Blöcke gegenüber, die sich über zahlreiche grundsätzliche Fragen nicht einig werden. Die Gretchenfrage Srebrenica wird auf absehbare Zeit aufgeschoben werden.
Bis dahin wird sie beantwortet werden, wie sie jetzt beantwortet wird: Mit einem halben Zugeständnis und einem halben Leugnen. Beides blendet die eigene historische Verantwortung mit aus.
Wie die serbische Gretchenfrage in zehn Jahren beantwortet wird, kann heute niemand sagen. Es erscheint aber nicht unwahrscheinlich, dass die Antwort hässlicher sein wird als heute.
Mehr über die laufenden Massenproteste in Serbien könnt ihr im Archiv von Balkan Stories nachlesen.
Auf Lelas Welt findet ihr auch eine Chronologie zum Völkermord.
Titelfoto: Die Blume bzw. Rose von Srebrenica, das Symbol für das Gedenken an die Opfer des Völkermords von 1995. Diese Blume von Srebrenica habe ich voriges Jahr im Stadtzentrum von Beograd fotografiert.
So unterstützt ihr meine Arbeit
Wenn ihr meine Arbeit unterstützen wollt, könnt ihr das ab sofort auf Buy Me A Coffee tun.
Und wenn euch dieser Beitrag gefällt, bitte teilt ihn auf euren sozialen Netzwerken, lasst ein Like da oder kommentiert.
Entdecke mehr von balkan stories
Melde dich für ein Abonnement an, um die neuesten Beiträge per E-Mail zu erhalten.
