Ein Kandidat für den Auslands-Oscar. Filmkritik

Mit „Von Scham und Geld“ ist die viel beachtete Sozialstudie des deutsch-kosovarischen Regisseurs Visar Morina in deutschsprachige Kinos gekommen. Der auf mehreren Festivals ausgezeichnete Film ist ein eindeutiger Kandidat für den Auslands-Oscar.

Was haben Bill Clinton und seine Statue in Prishtina mit dem Ehepaar Shaban und Hatixhe zu tun, die vom Dorf in die Stadt gekommen sind und hier versuchen, zu überleben?

(Und warum verwende ich mein Foto der Statue anstatt des zweifelsohne besseren Bildes von Kameramann Janis Mazuch?)

Es ist vielschichtig. Wie es die Sozialstudie „Von Scham und Geld“ des deutsch-kosovarischen Regisseurs Visar Morina insgesamt ist. Im besten Wortsinn.

Sie verhandelt universelle Fragen der Existenz in einer kapitalistischen Gesellschaft in einem sehr spezifischen Rahmen. Und macht so die universelle Frage wie den spezifischen Rahmen verständlich.

Shabans und Hatixhes Abwärtsspirale

Shaban (Astrit Kabashi) und Hatixhe (Flonja Kodheli) sind ein Ehepaar in einem Dorf im Kosovo. Sie haben einen kleinen Bauenrhof mit ein paar Kühen, leben mit Shabans Mutter, ihren Töchtern und Shabans beiden Brüdern unter einem Dach.

Der jüngere von Shabans Brüdern braucht dringend Geld. Angeblich will er nach Deutschland auswandern. Er stiehlt Shabans Kühe. Das ist ihre Lebensgrundlage.

Shaban und Hatixhe ziehen in ihrer Not mit ihren Töchtern und Shabans Mutter nach Prishtina. Ihr Schwager, der Mann von Hatixhes Schwester, hilft ihnen, eine Wohnung zu finden. Lässt beide in einem seiner Klubs putzen. Drei Tage die Woche. 200 Euro im Monat. Insgesamt.

Von hier an geht es bergab.

Das Geld reicht nicht. Auch nicht mit der Pension von Shabans Mutter in der Höhe von 100 Euro minus zwei Euro Bankgebühr kommen sie unmöglich über die Runden.

Hatixhe klappert Cafe um Cafe um Restaurant ab, um Arbeit als Putzfrau zu finden. Shaban versucht, am Arbeiterstrich Prishtinas als Tageslöhner bezahlte Gelegenheitsjobs zu finden.

Das führt zu massiven Konflikten mit Shabans Schwager. Als Mann mit Geld spielt er sich als Pater Familias auf. Demütigt Shaban unter dem Vorwand, ihm zu helfen.

Shaban bricht psychisch zusammen.

Das Spezifische macht das Universelle verständlich. Und umgekehrt.

So weit könnte die Rahmenhandlung auch in einem britischen Sozialdrama oder einem der – wenigen -kritischen deutschen oder österreichischen Heimatfilme der 70-er und 80-er spielen. Das ist als Anerkennung gemeint. Seitdem hat sich die west- und mitteleuropäische Filmindustrie kaum mehr mit so fundamentalen sozialen Fragen auseinandergesetzt.

In zahlreichen kleinen Details – wie Shabans Bruder versucht, an Geld zu kommen, mit welchen Bemerkungen und Handlungen Shabans Schwager Shaban demütigt – arbeitet Regisseur Visar Morani gleichzeitig spezifische Mechanismen der kosovarischen Gesellschaft zutage.

Zeigt, wie sehr kulturell bedingte Haltungen und Handlungen die finanzielle und soziale Misere verschärfen.

Als Zuschauer stellst du dir die Frage: Welche kulturell bedingte Haltungen und Handlungen würden diese Situation in Österreich oder Deutschland verschärfen?

Oder, hoffentlich: Wie wäre das in den USA, in Frankreich, in Serbien. Man hofft, dass „Von Scham und Geld“ auch dort ein breites Publikum findet.

Viele der persönlichen Konflikte wären anders. Aber sie wären da.

Ein wohltuend lakonischer Blick

Das wird vor allem dadurch möglich, dass Visar Morani und Kameramann Janis Mazuch zu keinem Zeitpunkt einen exotisierenden Blick auf die kosovarische Gesellschaft entwickeln. Sie begegnen ihr bei aller Kritik respektvoll. Versuchen, sie zu verstehen und zu erklären. Nicht ihr zu erklären, wie sie zu funktionieren habe.

Das ist alles andere als selbstverständlich. Viele Regisseure hätten mit einem internationalen Publikum im Hinterkopf tief in die Exotismus-Kiste gegriffen. Man denke nur, was ein Emir Kusturica der 1980-er aus der Handlung gemacht hätte. Das ist noch das positivste vorstellbare Beispiel.

Wohltuend ist, wie lakonisch Morani und Mazuch diesen Film angehen. Es sind ruhige Bilder. Totale, Halbtotale, meistens. Kaum Schwenks, kaum Fahrten. Nah kommt die Kamera den Protagonisten nur, wenn es sein muss.

Diese Distanz tut weh. Das soll sie auch.

Etwa, wenn Shabans kleiner Bruder die Familie beim Abendessen um Geld anbettelt. Sie Szene insgesamt ist eine präzise Analyse ländlicher patriachaler Gesellschaften im Allgemeinen und der kosovarischen im Besonderen.

Oder die Szene, in der Shaban psychisch zusammenbricht. Die tatsächliche oder vermeintliche blutige Eskalation ist eine lange ruhige Totale.

Der lakonische Ansatz zieht sich durch den Soundtrack und die Dialoge. Die sehr seltene Musik wird präzise eingesetzt. Die Dialoge sind meist kurz und vermeiden lange Erklärungen. Was ist, das ist.

Dieser Film hat Schlagkraft

Stilistisch könnte „Von Scham und Geld“ auch ein Dokumentarfilm sein. Das bringt kleine Schwächen mit sich. Insgesamt macht es den Film überzeugender. Verleiht ihm ziemliche Schlagkraft.

Mehr als einmal bleibt einem die Spucke im Hals stecken ob der Grausamkeit in einer turbokapitalistischen Übergangsgesellschaft.

Zumal, wenn man diese turbokapitalistischen Übergangsgesellschaften etwas näher kennt. Dann weiß man: Sie sind auch ein Labor, wie viel man einer Gesellschaft zumuten kann.

Was man den Menschen im Kosovo, in Bosnien, in Serbien zumutet, droht auch uns, wenn es dort den gewünschten Effekt bringt. Sprich: Profite steigert.

Man sieht es auch immer wieder: Grausamkeiten wie „flexiblere Arbeitszeiten“ und Kahlschläge im Sozialstaat werden zumeist in diesen Ländern durchgesetzt oder ihnen von internationalen Geldgebern aufoktroyiert. Dann steigert man den Druck weiter nördlich und westlich.

Erfolge gegen diese Politik sind selten. Man denke etwa daran, dass seit Kurzem Geschäfte in der Federacija in Bosnien am Sonntag geschlossen sind. Das erleichtert das Leben für die Beschäftigten massiv, und ist zu begrüßen. Die grundlegenden Probleme löst es freilich nicht.

Was hat das mit Bill Clinton zu tun?

Was hat das mit Bill Clinton zu tun?

Das müsst ihr selbst herausfinden. Es sei euch herzlichst empfohlen.

Seit Anfang September ist „Von Scham und Geld“ in deutschsprachigen Kinos zu sehen. Auf mehreren Filmfestivals ist er bereits ausgezeichnet worden.

Aus Sicht von Balkan Stories ist diese deutsch-slowenisch-kosovarische Koproduktion ein eindeutiger Anwärter auf den Oscar für den besten fremdsprachigen Film.

Wenn diese Rezension euch nicht in die Kinos bringt, tut es vielleicht der offizielle Trailer des Films.

Mehr über „Von Scham und Geld“ erfahrt ihr auch auf IMDB.

P.S.: Ich habe eines meiner Fotos von der Bill Clinton-Statue verwendet, um deutlich zu machen, dass mein Blick auf diesen hervorragenden Film auch von meinen Erfahrungen und Beobachtungen im ehemaligen Jugoslawien geprägt ist. Wie Regisseur Visar Morani empfinde ich die Statue als rührend und absurd zugleich.

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