Ko je ubio Irinu?

Mit seinem Dokumentarfilm „Sarajevo Safari“ zeigt der slowenische Regisseur Miran Zupanič das vielleicht verstörendste Kapitel der Belagerung von Sarajevo auf. Ausländische Touristen sollen serbischen Truppen Geld gezahlt haben, um auf die Bewohner der belagerten bosnischen Hauptstadt zu schießen. Schon vor der Veröffentlichung sorgt der Film für Aufregung.

Irina wurde ein Jahr und vier Tage alt.

Ein Projektil aus einem Scharfschützengewehr zerfetzte 1994 bei Ciglanje die inneren Organe der Tochter von Stana und Samir Ćišić.

Das erzählen Stana und Samir dem slowenischen Regisseur Miran Zupanič in seiner Dokumentation Sarajevo Safari. Sie soll am Al Jazeera Balkans Doc Festival gezeigt werden, das am Donnerstag in Sarajevo beginnt.

Samir und Stana Ćišić, die Eltern von Irina

Wer Irina getötet hat, wird sich sehr sicher nie feststellen lassen.

Scharfschützen der Armee der Republika Srpska, teilweise auch der auf Linie gebrachten JNA, erschossen während der vierjährigen Belagerung Sarajevos täglich Menschen.

Junge, Alte, Kinder, Kranke, Menschen, die um Wasser anstanden, Eltern, die ihre Kinder in die Schule brachten. Ein Mädchen, das mit einem Jahr und vier Tagen gerade gehen konnte und sich bei Ciglanje gerade ein paar tapsige Schritte von der Mutter entfernt hatte.

Ein Terrorinstrument.

Die Scharfschützen sollten die Menschen der bosnischen Hauptstadt so verängstigen, dass sie den Widerstand gegen die Belagerung aufgaben.

Die nahezu täglichen Granaten hatten die gleiche Aufgabe. 329 fielen an einem durchschnittlichen Tag auf die Stadt.

Wie Sarajevo Safari aufzeigt, dürften die Scharfschützen nicht nur serbische – und montenegrinische – Soldaten gewesen sein.

Immer wieder sollen ausländische Touristen den Belagerern Geld gezahlt haben, um von deren Scharfschützenpositionen aus Jagd auf die Menschen in Sarajevo zu machen.

Hat einer von denen Irina getötet?

Wissen werden wir es nie.

Der Kronzeuge

Gerüchte, dass Menschen während der Belagerung Sarajevos zahlten, um Menschen zu ermorden, gibt es seit Jahrzehnten.

Sie waren nicht sonderlich weit verbreitet. Aber sie waren da.

Einige meiner Bekannten und Freunde in Sarajevo kannten sie. Andere nicht.

Eine österreichische Bekannte erzählt mir, sie habe auf einem Seminar vor einigen Jahren erstmals davon gehört. Von einem Journalisten, der während des Krieges von 1992 bis 1995 in Bosnien war.

Sarajevo Safari bringt erstmals Belege für diese Gerüchte an die Öffentlichkeit.

Belege, keine endgültigen Beweise. Das stellt auch Regisseur Miran Zupanič in mehreren Interviews, unter anderem auch mit Balkan Stories, klar.

Kronzeuge ist ein Slowene, der während des Krieges für einen größeren amerikanischen Geheimdienst gearbeitet hat.

Er will aus nachvollziehbaren Gründen anonym bleiben.

Offiziell als Journalist akkreditiert, durfte er sich relativ frei zwischen den Kriegsparteien bewegen und hatte auch gute berufliche Kontakte zum Kommando der Armee der Republika Srpska in Pale.

Deren Offiziere wussten selbstverständlich, für wen er wirklich arbeitete. Sie ließen ihn Zeuge werden, aus ihren eigenen Motiven heraus.

Der Zeuge gibt an, dass er bei mehreren Gelegenheiten gesehen hat, wie offenkundig reiche Ausländer aus serbischen Scharfschützenstellungen insgesamt sieben Schüsse auf Menschen im belagerten Sarajevo abgaben.

Der Kronzeuge

Logistisch unterstützt wurden sie von der Armee der Republika Srpska – und offenbar auch von der JNA. Oder dem, was Slobodan Milošević seit 1991 aus der JNA gemacht hatte.

Gestützt werden diese Schilderungen durch die Aussagen eines ehemaligen Mitarbeiters des bosnischen Militärgeheimdienstes, des heutigen Journalisten Edin Subašić.

Der schildert, wie Gerüchte über diese reichen Ausländer die bosnische Armee erreichten, und welche Ermittlungen er und seine Kollege einleiteten.

Auch der italienische Geheimdienst wurde aktiv. Mehrere der tatsächlichen oder angeblichen Kriegstouristen sollen italienische Staatsbürger gewesen sein.

„Ich wollte ihn in Widersprüche verwickeln. Aber da waren keine.“

Es waren vor allem die Aussagen des anonymen ehemaligen Geheimdienstlers, die Miran Zupanič dazu brachten, Sarajevo Safari zu drehen, erzählt er gegenüber Balkan Stories.

Sein Producer Franci Zajc hatte den Kontakt hergestellt. Ursprünglich sei er sehr skeptisch gewesen.

„Ich habe mich mehrmals mit diesem Herren getroffen und hatte ausführliche Gespräche mit ihm“, schildert Zupanič. „Ich habe ihn zu seiner Biographie und zu seiner Zeit für den amerikanischen Geheimdienst befragt. Ich wollte die Geschichte aus mehreren Blickwinkeln hören. Ich wollte ihn in Widersprüche verwickeln. Aber da waren keine.“

„Es hat sich langsam herauskristallisiert, dass das, was er sagt, kein Produkt seiner Fantasie ist, oder dass andere persönliche Motive dahinterstecken“, sagt der Regisseur.

Viel später, als der Film beinahe fertig war, habe er ihn gefragt, warum er sich entschlossen habe, darüber zu reden. „Er sagte mir, er hat viele furchtbare Dinge in seiner Arbeit gesehen, aber das war das furchtbarste von allen.“

Auch für ihn als Regisseur gab es nur zwei Möglichkeiten: „Wenn du eine solche Geschichte hörst, hast du nur zwei Möglichkeiten: Du vergisst sie oder du erzählst sie.“

Die Aussagen des Kronzeugen wirken sehr glaubwürdig. Gerade in ihrer Lückenhaftigkeit.

So nennt der Kronzeuge nie das Kopfgeld, das die ausländischen Touristen für den „Abschuss“ eines Menschen zahlten. Er sagt, dass er das nicht weiß.

Er behauptet auch nicht, diesen oder jeden erkannt zu haben, oder Jahre später draufgekommen zu sein, dass einer der Mordtouristen dieser oder jene erfolgreiche Manager, Politiker oder sonstwas sei.

Das würde ein Aufschneider typischerweise tun.

Fama crescit eundi. Das Gerücht wächst im Gehen. Das gilt auch für den, der Gerüchte aus welchen Gründen auch immer in die Welt setzt.

Hier gilt das nicht.

Das macht die Aussagen so glaubwürdig.

Ein endgültiger Beweis ist das nicht.

Ein endgültiger Beweis ist auch das Interview mit Edin Subašić nicht.

Edin Subašić

Man könnte seine Schilderung auch teilweise als Erzählung aus zweiter Hand abtun, als lückenhaft obendrein.

Gerade die Lücken freilich machen die Schilderungen glaubhaft.

Dazu kommt, dass mit Sarajevo Safari viele Menschen vieles riskieren.

Miran Zupanič ist einer der bekanntesten Regisseure Sloweniens und hat für Dokus wie für Spielfilme zahlreiche Preise gewonnen.

Sollte sich herausstellen, dass er einem Aufschneider aufgesessen ist, wäre seine Karriere wohl vorbei.

Al Jazeera Balkans hat den Film coproduziert.

Sollte sich Sarajevo Safari als im Kern falsch herausstellen, wäre das ein schwerer Schlag für die Glaubwürdigkeit des Senders.

Auch und gerade in Bosnien.

Das ist auch kein Beweis, dass die Vorwürfe in Sarajevo Safari zutreffen. Es legt freilich nahe, dass alle Beteiligten gründlich gearbeitet haben.

Die Vorwürfe müssen untersucht werden. Passieren wird es nicht.

Dass etwa die serbische Boulevardzeitung Blic den Film als antiserbische Propaganda abtut, war vorherzusehen.

Der serbische Boulevard ist stramm nationalistisch.

Er spricht für die Gefühle vieler Serben – aber beileibe nicht aller.

Sollte sich Sarajevo Safari als falsch herausstellen, würde das all jene in Serbien schwächen, die eine Aufklärung und Aufarbeitung serbischer Kriegsverbrechen fordern.

Das wäre ein großer Schaden.

Deutlich größer wäre der freilich in Bosnien.

Hier reißt der Film Wunden auf, die ohnehin kaum vernarbt sind. Auch vor seiner Veröffentlichung.

Wer diesen Schmerz fahrlässig oder aus zynischer Kalkulation verursacht, dem verzeiht man das hier nicht.

Oder, wie es eine Bekannte von mir gestern abend sagte: „Ich hoffe, dass die Beweise schlecht sind. Ich will das nicht glauben.“

Und, kaum fünf Minuten später: „Wenn es stimmt, kann ich dir eines garantieren: Jäger haben mehr für einen Löwen in Afrika bezahlt als für einen Menschen in Sarajevo.“

Ein Beispiel von vielen, das zeigt, wie schwierig es für viele hier ist, mit den Aussagen des Films umzugehen.

Dragan Bursać bringt das in seiner Kolumne für Al Jazeera Balkans auf den Punkt.

Dass jemals einer der Mordtouristen – sollte es sie gegeben haben – vor Gericht stehen wird, ist praktisch auszuschließen.

Die meisten werden schon tot sein. Und Dokumente mit den Namen der Teilnehmer wird man nicht allzuviele finden.

Dass Ermittlungen oder Recherchen jemanden auftreiben, der die Mordsafaris mitorganisiert hat, ist um einiges wahrscheinlicher.

In den logistischen und organisatorischen Ablauf müssen mindestens dutzende Menschen eingebunden gewesen sein. Die meisten waren damals junge Männer.

Das wäre eine Aufgabe vor allem für die Behörden der Republika Srpska und Serbiens. Die werden das ohne Not erwartbarerweise nicht in Angriff nehmen.

Aber es gibt ja auch investigative Journalisten in der Region.

Sarajevo Safari belegt glaubwürdig den vielleicht verstörendsten Aspekt der Belagerung von Sarajevo, die an Grausamkeit wahrlich nicht arm war.

Der Film legt nahe, dass es kaum Grenzen des Zynismus gibt. Auch wenn der endgültige Beweis aussteht.

Was dieser Film zeigt, ist so verstörend, dass die Fragen, die er aufwirft, beantwortet werden müssen.

So, und nur so, können vielleicht die Wunden dieses Krieges heilen.

Wir alle wissen: Die Chancen, dass das passiert, sind sehr gering.

Das liegt nicht an Miran Zupanič und seinem Filmteam.

Es liegt daran, dass in Serbien wie in Bosnien die Kriegsverbrecher und ihre Verbündeten das Sagen haben. Der Vollständigkeit halber sei angemerkt: Das ist nicht nur bei den Serben der Fall.

An einer ernsthaften Aufarbeitung hat kaum jemand Interesse, der heute an den Futtertrögen sitzt.

Den Film instrumentalisieren – ja, daran ist man interessiert. Egal für welche Seite.

Zu klären, ob die Vorwürfe stimmen, würde dieses Manöver nur stören.

Von wenigen Ausnahmen abgesehen, die heutigen Machthaber sehen den Eiter der nie verheilten Wunden dieses Krieges als ihr Lebenselixir.

Er hält sie an der Macht.

Irina Ćišić wäre heute 29 Jahre alt.

Alle Fotos: (c) Arsmedia

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