30 Jahre lang hat niemand ermittelt, wer die Mord-Touristen waren, die Geld zahlten um im belagerten Sarajevo Menschen zu jagen. Warum, ist unklar. Staatsanwaltschaften, Gerichte und Geheimdienste werden sich erklären müssen.
Der Militärgeheimdienst der Republik Bosnien. Der italienische Geheimdienst SISMI. Die Staatsanwaltschaften von Sarajevo, Beograd und Banja Luka. Das Internationale Strafgerichtstribunal für das ehemalige Jugoslawien (International Criminal Tribunal for the former Yugoslavia/ICTY).
Sie alle wussten, dass von 1992 bis 1995 reiche ausländische Touristen von serbischen Stellungen in den Hügeln um Sarajevo Zivilisten im belagerten Sarajevo erschossen. Und, dass sie Geld für ihre Morde zahlten.
Keiner hat auch nur einen einzigen dieser Touristen jemals festgenommen oder vor ein Gericht gestellt.
Die Geheimdienste wussten seit mindestens 1993 von dieser so genannten Sarajevo Safari. Damals informierte der heutige Nachrichtenmoderator und damalige Geheimdienstler Edin Subašić die italienischen Kollegen, dass Italiener Jagd auf Zivilisten in Sarajevo machten.
In diesem Interview beschreibt er, was damals passierte.
SISMI ermittelte, dass die Mord-Reisen von Triest aus ihren Anfang nahmen. Den Bosniern meldeten sie 1994, dass sie die Reisen beendet hätten.
Strafanzeigen gegen Verdächtige erstatteten sie damals keine.
Der Corriere della serra berichtete 1995 erstmals über die Sarajevo Safari. Bosnische Medien übernahmen die Artikel damals.
Seit damals wussten auch bosnische Behörden offiziell von den Vorgängen. Getan haben sie nichts.
2007 sagte der US-Amerikaner John Jordan vor dem ICTY aus, dass er offensichtliche „shooter tourists“, wie er sie nannte, beobachtet hatte. Er leitete während des Krieges eine ausländische Feuerwehrorganisation in Sarajevo. Bevor er Feuerwehrmann wurde, war er Scharfschütze bei den US Marines gewesen.
(Seine gesamte Aussage könnt ihr hier nachlesen.)
Diese Aussage scheint ebenfalls keine Ermittlungen ausgelöst zu haben.
2022 lieferte die Doku „Sarajevo Safari“ des slowenischen Filmemachers Miran Zupanič erstmals der Öffentlichkeit starke Belege, dass Kreise innerhalb der jugoslawischen Armee und der Armee der Republika Srpska ein Reisebüro aufgebaut hatten, das die Mord-Reisen für reiche Ausländer organisierte.
(Balkan Stories berichtete damals exklusiv auf Deutsch.)
Die damalige Sarajevoer Bürgermeisterin Benjamina Karić (SDP) erstattete Anzeige gegen Unbekannt.
Sollte diese Anzeige jemals irgendwelche Ermittlungen ausgelöst haben, führten diese drei Jahre lang zu gar nichts. Bis heute hat die Staatsanwaltschaft in Sarajevo gegen keinen Verdächtigen in dieser Causa Anklage erhoben.
Die Vorwürfe und ihre Belege sind mindestens seit 2022, und wahrscheinlich seit den 1990-ern, auch den Staatsanwaltschaften in Beograd und Banja Luka bekannt. Auch dort wurde bis heute gegen niemanden Anklage erhoben – sofern es je irgendjemand dort für wert befunden hat, Ermittlungen einzuleiten.
Das sind sehr viele Menschen, die sich gegenüber der Öffentlichkeit erklären müssen.
Gegenüber allen Bosnierinnen und Bosniern, und mit der internationalen Aufmerksamkeit auch gegenüber der Weltöffentlichkeit.
Dass ein derartig widerwärtiges Kriegsverbrechen 30 Jahre lang keinen einzigen Ermittler zu interessieren scheint, erschüttert massiv das Vertrauen in Strafverfolgungsbehörden und Justiz.
Ich verwende hier bewusst die Formulierung „zu interessieren scheint“.
Wir wissen, dass es bis heute keine Anklagen gibt.
Was wir nicht wissen, ist, ob es wirklich keine Ermittlungen gegeben hat – mit Ausnahme derer des bosnischen und des italienischen Geheimdienstes. Die Ergebnisse sind bis heute unter Verschluss.
Siehe etwa dieses Interview mit dem italienischen Journalisten und Buchautor Ezio Gavazzeni. Seine Anzeige im Jänner brachte die Mailänder Staatsanwaltschaft dazu, in der Causa Sarajevo Safari zu ermitteln – als erste Justizbehörde weltweit. 30 Jahre nach dem Krieg.
Was erklärt werden muss
Es mag, etwa beim ICTY, legitime Erklärungen geben, warum der Gerichtshof keine eigenen Ermittlungen einleitete. Balkan Stories versucht, dem auf den Grund zu gehen. Es ist im Interesse des – eigentlich abgewickelten – Gerichts, sich zu erklären.
Bei bosnischen Behörden erscheint es weniger nachvollziehbar, warum sie dem Augenschein nach 30 Jahre lang untätig blieben. Auch sie wären gut beraten, öffentlich zu erklären, warum es bis heute keine Anklagen gibt.
Das Gleiche gilt für die serbische Staatsanwaltschaft. Gleichwohl man in Beograd von Haus aus keinen sonderlich ausgeprägten Eifer vermutet, Kriegsverbrechen in Bosnien aufzuklären.
Gleichwohl sollte es im Interesse der serbischen Behörden und des serbischen Staates liegen, die Sache aufzuklären.
Das Reisebüro für die Mord-Touristen wurde von Soldaten der Armee der Republika Srpska und der Rumpf-JNA betrieben. Es war eine offenkundig geheime Organisation.
Das ist die Art von geheimer Organisation innerhalb eines Militärs, die sich kein Staat leisten kann. Und die Art geheimer Organisation, mit der das serbische Militär und der serbische Staat eine leidvolle Geschichte haben. Man denke an die Crna Ruka und Apis.
Nebenbei sollte auch geklärt werden, was mit dem Geld passiert ist, das die Mord-Touristen bezahlten.
Wanderte es in private Taschen? Oder finanzierte es den Krieg in Bosnien mit?
Erklären müssen sich auch die involvierten Geheimdienste.
Sie sind keine Strafverfolgungsbehörden im engeren Sinn. Freilich sollten in einem demokratischen Staat auch Militärgeheimdienste mit zivilen Behörden zusammenarbeiten, wenn sie mithelfen können, Straftaten aufzuklären oder zu verhindern.
Das hat gewisse Grenzen. Wie ein Geheimdienst arbeitet, und wer dort arbeitet, und wer Informant ist, müssen berechtigterweise geheim bleiben.
Aber innerhalb dieses Rahmens sollte doch mehr möglich sein als offensichtlich SISMI getan hat.
Dass dieser Geheimdienst die Tätigkeiten des Mörderreisebüros in Triest beendet hat, ist wichtig. Dass er offenbar niemanden zur Rechenschaft gezogen hat, kann den Eindruck erwecken, er schütze reiche und mächtige Landsleute.
Das mag nicht die Absicht gewesen sein. Das Ergebnis ist das Gleiche: Reiche und mächtige Italiener waren 30 Jahre davor geschützt, sich für das vielleicht widerwärtigste Kriegsverbrechen des an widerwärtigen Kriegsverbrechen nicht armen Bosnien-Krieges verantworten zu müssen.
Dass SIMSI offenbar keine Anzeigen erstattete, schützte auch die Mord-Touristen aus anderen Staaten und Dutzende, vielleicht hunderte, Soldaten der Armee der Republika Srpska und der Rumpf-JNA, die für das Reisebüro arbeiteten.
Es sollte im Interesse des italienischen Staates liegen, das aufzuklären.
Untätigkeit untergräbt Vertrauen in den Rechtsstaat
So sieht es auch der türkische öffentlich-rechtliche Sender TRT. In einem Kommentar fordert er Untersuchungskommissionen in mehreren europäischen Staaten.
Das mag in der Breite etwas übertrieben sein. Ausgehend von der Nähe der TRT zum türkischen Regime darf man auch vermuten, dass es in diesem Kommentar nicht nur um die Suche nach Wahrheit und Gerechtigkeit geht. Hier soll auch politisches Kleingeld gewechselt werden.
Freilich: Sollten die in dieser Analyse von Balkan Stories genannten Behörden und Gerichte nicht von sich aus erklären, warum dieses widerwärtige Kriegsverbrechen bis heute nicht aufgeklärt ist, wird es zumindest in einigen Staaten parlamentarische Untersuchungsausschüsse geben müssen.
Die jahrzehntelange Untätigkeit der Genannten untergräbt das öffentliche Vertrauen in den Rechtsstaat. Nur eine genaue Untersuchung, warum nichts passierte, kann dieses Vertrauen wiederherstellen.
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Jetzt soll auch der serbische Präsident beteiligt gewesen sein.
Ich bin da sehr vorsichtig. Auch wenn die Rolle von König Aleksandar im Krieg sehr aufklärungsbedürftig ist – dass es für eine Beteiligung an der Sarajevo Safari nur zwei Wochen nach Bekanntwerden der ersten Ermittlungen schon konkrete Beweise geben soll, kommt mir eher unwahrscheinlich vor.
Wenn das so einfach herauszufinden wäre, hätte es seit Langem Gerüchte gegeben. Entweder ist hier also ein Journalist einem Wichtigtuer aufgesessen, den die internationale Aufmerksamkeit hervorgebracht hat, oder er hat den Scoop des Jahrzehnts gelandet.
Ich hab das ausführlicher hier analysiert: https://balkanstories.net/2025/11/22/vucic-und-sarajevo-safari-die-suppe-ist-dunn/
Danke.