Der Wiener Verein Demiurg will (ex-)jugoslawische Kultur in der österreichischen Bundeshauptstadt vermitteln. Am Montagabend hat er zu einem vielversprechenden Auftakt geladen.
Man könnte sich stereotypischere Orte vorstellen, um einen (ex-)jugoslawischen Kulturverein vorzustellen als den Bauernmarkt im ersten Wiener Gemeindebezirk. Man könnte sogar sagen: Wiener Innenstadt und Jugo-Kultur sind einander entgegengesetzte Pole.
Allein, der Gemma Markt ist eine eigene Nische, die zum Verein Demiurg und seinem Vereinszweck passt. Eine Schotterfläche zwischen sündhaft teuren Nobelgrundstücken mit einem leicht zugänglichen eigenen Kunst- und Kulturprogramm.
Mit dieser Location machen Demiurg-Vereinsobmann Milan Vukasović und Stellvertreter Saša Strajinović eine Ansage: Wir probieren’s ernsthaft, und wir lassen uns nirgends einkasteln.

Anders geht es auch kaum für einen Verein, der Künstler und Kultur aus dem ehemaligen Jugoslawien auf breiter Front dem Wiener Publikum vermitteln will, Dijaspora und angestammt.
Warum es kaum mehr (ex-)jugoslawische Kultur in Wien gibt
Zu sehr haben diverse Einkastelungen in den vergangenen 20 Jahren die Jugo-Kultur in Wien ruiniert.
Die diversen Kulturvereine aus jugoslawischen Zeiten kümmern sich praktisch nur mehr um diverse nationale Kulturen. Meist ist es die serbische. Manche sind auch kräftig nationalistisch unterwandert oder werden von den meist klerikalnationalistischen Regierungen der Herkunftsländer instrumentalisiert.
Einzelne Initiativen wie das Serbische Kulturforum versuchen immer wieder, sich aus der Umklammerung zu lösen, und leisten häufig gute Arbeit. Die Lösung gelingt freilich nicht immer.
Die Gentrifizierung etwa am Yppenplatz im 16. Wiener Gemeindebezirk hat kleine All-Jugo-Musiklokale umgebracht. Der Ost-Klub im 4. ist den Weg aller Klubs gegangen. Simons Plattenladen hat zugesperrt.
An übernationaler, jugoslawischer, post- oder ex-jugoslawischer Kulturarbeit gibt es nur mehr die Bücherei Mi, deren Besitzer knapp vor der Pensionierung stehen, und das Beertija, das irgendwie noch existiert. Ein, zwei Theaterensembles schlagen sich wacker. Es sind nur mehr einzelne Akteure oder Einrichtungen, die die Jugo-Kultur am Leben halten.
Der frisch gegründete Verein Demiurg füllt eine Lücke.
Was Demiurg plant
Im Hof des Gemma Markts riecht es nach Ćevapi. Aus dem Elektrogrill, aber gekonnt zubereitet.
Ćevapi und Beilagen sind Spenden der Firma Brajlović.
Saftig sind sie. Für ein leichtes Raucharoma hat Sašas Sohn Sascha ein wenig getrickst. Er ist Koch. Bessere Qualität kriegst du in Wien nur bei einem sehr guten Fleischhauer oder bei einer Handvoll spezialisierter Balkanrestaurants.



Saša und Milan legen auf. Beide sind DJs, beide auf zeitgenössische Musik spezialisiert. Milan hat auf Radio Orange die Sendung Momentum. Dort stellt er Musiker und Musik aus Ex-Jugoslawien seit den 1960-ern vor.
Der Verein Demiurg wird auch eine Plattform sein, die das einem breiteren Publikum zugänglich macht. „Ich bin in Gesprächen mit ein paar Künstlern, um mit ihnen größere Events in Wien zu machen“, sagt Milan. Das sollen nicht nur Gigs und Konzerte sein sondern auch Interviews auf großer Bühne.
Mitgliedsbeiträge, Spenden und Förderungen sollen sicherstellen, dass die Events kostenlos sind oder nur kleine Eintrittskosten anfallen. Das soll sie für ein breiteres Publikum zugänglich machen.

Daneben soll’s Film- und Literaturabende samt Diskussionen geben. Auch Workshops sind geplant.
Wie genau, wird gerade entwickelt.
Mala Jugoslavija u Prvom

Das Wetter schreckt einige Interessierte ab, zur Vereinsvorstellung heute abend zu kommen. Es ist windig. Ab und zu nieselt es.
„Ein paar Leute haben sehr kurzfristig abgesagt“, seufzt Milan.
Das weitläufige Gelände sorgt zudem dafür, dass die Zahl der Gäste kleiner wirkt als sie ist. Die Leute verteilen sich im gesamten Hof. Im abgedeckten Bereich beteiligen sich die Kinder der Gäste eifrig am Malprogramm von Gemma, unter Aufsicht der Mütter.
Dass das nicht nur Unterhaltung ist sondern hier erste künstlerische Ambitionen wach werden, zeigt mir ein kleines Gespräch. „Mein Bild darfst du nicht fotografieren“, sagt mir einer der Buben beinahe trotzig.
Da entsteht was für ihn Bedeutsames. Immerhin, die Rückseite darf ich fotografieren.



Als erneut leichter Regen einsetzt, flüchten die meisten Gäste in den überdachten Bereich.
Und beteiligen sich prompt ebenfalls an der Malaktion.
Zwischen Bildrahmen und Farben stehen Kartonschachteln mit Saschas Ćevapi. Sie sind das perfekte Essen für diesen kulturellen Abend, ganz unironisch.






Die meisten Besucher kommen ebenfalls aus dem ehemaligen Jugoslawien. Manche sind hörbarerweise zweite Generation. Montenegro, Bosnien, Serbien, Kroatien. Mala Jugoslavija u Prvom. Hat man nicht alle Tage.
Zufällig ergibt sich eine Verbindung mit einem anderem Kulturevent, dem Hercegnovski Strip Festival.
„Als ich angefangen habe als Sportjournalist, hab ich viel mit Nebojša Mandić zusammengearbeitet, und viel von ihm gelernt“, erzählt mir Željko aus Podgorica. Mali je svijet.

Die Spendenbox füllt sich langsam. Auch ein paar erste Mitglieder treten bei. Etwa Veljko aus Zagreb. Er lebt heute im Weinviertel.

Kein Massenansturm, aber ein Anfang. Einer, den es braucht, um die Jugo-Kultur in Wien neu aufzusetzen. Die 200.000 Menschen erster und zweiter Generation aus dem ehemaligen Jugoslawien haben sich ein breiteres und besseres Angebot verdient als das, was sie jetzt vorfinden.
Eines in der Breite, wie es das vor 15 oder 20 Jahren in Wien gab. Mit dem Verein Demiurg bemüht sich seit dieser Woche zumindest eine Einrichtung, das auf die Beine zu stellen.
Mehr über Demiurg erfahrt ihr hier.
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