Die Rolle des heutigen serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić im Bosnien-Krieg ist höchst aufklärungsbedürftig. Die Anzeige aus Kroatien in der Causa Sarajevo Safari wird das nicht vorantreiben. Eine Analyse.
Domagoj Margetić zeigt sich sicher: Aleksandar Vučić hatte in den 1990-ern damit zu tun, dass reiche Ausländer Geld zahlten, um Zivilisten im belagerten Sarajevo zu töten.
Seine Beweise sind Fotos, die Vučić in Stellungen der Armee der Republika Srpska rund um die bosnische Hauptstadt zeigen. Einige Fotos interpretiert Margetić als Vučić mit einem Scharfschützengewehr.
Vučić hat am Wochenende die Vorwürfe zurückgewiesen. Er sei kein Freiwilliger bei der Armee der RS gewesen sondern Journalist, und habe von Pale aus gearbeitet.
Für ihn war das ein aufgelegter Elfmeter.
Gewehr oder Kamerastativ?
Mehr als die Fotos hat Margetić nicht an Erhärtbarem anzubieten. Die sind auch nicht eindeutig genug.
Es sei kein Scharfschützengewehr, das Vučić geschultert habe, sagte der Präsident. Es sei ein Kamerastativ.
Es gibt auch ein Video, das Vučić bei einer dieser Gelegenheiten zeigt. Was er in der Hand hält, sieht tatsächlich mehr nach Stativ aus als nach Scharfschützengewehr – auch wenn der Betreiber des Youtube-Kanals das anders sieht. Es ist ein Vučić gegenüber nicht freundlich gesonnener Kanal.
Auch Slavko Aleksić, ehemaliger Kommandant in einer serbischen Miliz, sagte in einem Interview mit Standard-Korrespondentin Adelheid Wölfl, dass Vučić in seiner Zeit in Pale nicht gekämpft habe. Er habe keine Waffe und keine Uniform gehabt.
Weder Vučić noch seine Partei SNS sind für einen sorgsamen Umgang mit dem bekannt, was man gemeinhin als Wirklichkeit bezeichnet. Freilich sind Fotos und Videos, die man so oder so auslegen kann, kein Beweis, dass Vučić lügt.
Vučićs Vergangenheit ist keineswegs unschuldig
Völlig aus dem Nichts kommt Margetić‘ Anzeige nicht. Die Rolle von Aleksandar Vučić im Bosnien-Krieg ist höchst aufklärungsbedürftig. Das auf einer Ebene, die die Anzeige gegen ihn nicht einmal berührt.
Vučić stieg in den frühen 1990-ern vom Handlanger Vojislav Šešeljs zu dessen rechter Hand auf.
Šešelj, Gründer der der Serbischen Radikalen Partei, einer der widerwärtigsten nationalistischen Hetzer seit dem Zweiten Weltkrieg, sah das Auseinanderbrechen Jugoslawiens als Chance, gewaltsam Groß-Serbien zu errichten.
Vučić machte sich hemdsärmelig daran, Šešelj bei diesem Ziel zu helfen.
Beschreibt er seine Tätigkeit in Pale als die eines Journalisten, wäre der Begriff Propagandist passender. Er arbeitete für den Sender Channel S. Aus dieser Arbeit stammt auch das oben gezeigte Video. Es zeigt Šešelj bei einem Besuch an der Front.
Vučićs Berichte waren ein Beitrag, die Moral der Armee der Republika Srpska aufrechtzuerhalten, und den Krieg der serbischen Nationalisten gegen Bosnien als gerechten, ja unvermeidlichen, Kampf darzustellen. Man wehre sich bloß gegen Mudjahedin.
Das hielt auch den Hass am Leben. Den Hass, der in Massenvertreibungen, Massenvergewaltigungen, Massenmorden und dem Völkermord von Srebrenica gipfelte.
„Für jeden Serben töten wir hundert Muslime“
Gleichzeitig war Vučić Abgeordneter der SRS im serbischen Parlament.
Just als die Armee der Republika Srpska begann, 8.372 muslimische Buben und Männer in Srebrenica zu ermorden, hielt er im Parlament eine Rede. Dort fiel eine gelinde gesagt bemerkenswerte Aussage.
„Pa, vi bombardujte, ubijte jednog Srbina, mi ćemo stotinu Muslimana, pa da vidimo sme li, međunarodna zajednica ili bilo ko drugi, da udari na srpske položaje, može li se tako ponašati sa srpskim narodom“
„Ihr bombardiert, tötet einen Serben, wir werden 100 Muslime töten, dann sehen wir ob die internationale Gemeinschaft oder irgendjemand sonst dann serbische Stellungen angreift, und ob sie sich gegenüber dem serbischen Volk so verhalten können“.
Teile der transkribierten Rede könnt ihr hier und hier nachlesen.
Vučić hat den Satz später als aus dem Zusammenhang gerissen bezeichnet. Und in der Rede habe er Dinge gesagt, die er heute so nicht mehr sagen würde.
Šešeljs Ziele mit anderen Mitteln?
Vučić’s‘ politischer Bruch mit Šešelj ermöglichte ihm später, mit der sich als moderat gebenden Serbischen Fortschrittspartei (SNS) eine Plattform für den eigenen Aufstieg zur Macht zu schaffen.
Kritiker werfen ihm vor, dass er Šešeljs Ziele mit anderen Mitteln weiterverfolge. Als Beleg nennen sie das Projekt „Srpski svet“ des serbischen Präsidenten. Es soll die serbischen Minderheiten in den Nachbarländern enger an Beograd binden.
Zahlreiche der SNS-nahen Parteien ethnischer Serben in den Nachbarstaaten fallen mit stramm nationalistischen Tönen auf, und destabilisieren die Region.
Warum die Suppe dünn ist
Das alles ist freilich kein Beweis, dass Aleksandar Vučić in irgendeiner Art und Weise an der Sarajevo Safari beteiligt war. Einer der reichen Ausländer, die bis zu 100.000 Euro (heutiger Wert) zahlten, um von einer serbischen Stellung aus ein Kind zu erschießen, war er mit Sicherheit nicht.
Es ist auch davon auszugehen, dass er keiner der republikaserbischen Soldaten war, die die Mord-Touristen in die Stellungen führte, und für sie Ausschau nach potentiellen Opfern hielt. Vučić hatte selbst keine Ortskenntnisse.
Das gilt unabhängig davon, was man sonst von ihm hält.
Bei freundlicher Betrachtung könnte man Domagoj Margetić‘ Belege allenfalls als Grundlage für Spekulationen betrachten, dass Vučić eventuell irgendwann in einer der zahlreichen Scharfschützenstellungen einem Mord-Touristen über den Weg gelaufen sein könnte, und vielleicht irgendetwas über die Organisation der Sarajevo Safari gewusst haben könnte.
Das macht aus ihm bestenfalls einen Zeugen, keinen Verdächtigen.
Und für derartige Vermutungen legt Margetić keine Beweise vor.
Seine Suppe ist ziemlich dünn.
In der Aufregung um die Anzeige machen viele Leute die Mauer
Das erschwert die dringend notwendige Aufarbeitung von Vučićs Rolle im Bosnienkrieg.
Bei so dünnen Belegen können Vučić und seine SNS sehr leicht in ihre traditionelle Opferrolle flüchten.
Von der letztlich politischen Verantwortung des heutigen serbischen Präsidenten in den 1990-ern lenkt das ab. Die wirkt im Vergleich zu den Vorwürfen, er sei an der Sarajevo Safari beteiligt gewesen, in der öffentlichen Aufmerksamkeit beinahe vernachlässigbar.
Margetić‘ leichtfertig erhobenen Vorwürfe bieten auch anderen eine Plattform, sich aus der Verantwortung zu stehlen. So sagte der aktuelle Hauptankläger des ICTY-Nachfolgers, der sich um nicht geklärte Kriegsverbrechen kümmert, gegenüber der BBC, dass man doch keine Kenntnis von ausländischen Touristen habe, die Jagd auf Zivilisten im belagerten Sarajevo gemacht haben.
Das widerspricht den Aussagen der früheren Sprecherin der Staatsanwaltschaft beim ICTY, Florence Hartmann, vergangene Woche gegenüber Radio Free Europe/Radio Liberty.
Im gleichen Artikel von BBC online sagen auch namentlich nicht genannte Angehörige britischer Spezialeinheiten, die im Krieg in Sarajevo waren, Sarajevo Safari sei ein „urban myth“.
Das widerspricht den ziemlich detaillierten Aussagen des ehemaligen Scharfschützen und Feuerwehrmanns John Jordan vor dem ICTY im Jahr 2007. Die gesamte Aussage könnt ihr hier nachlesen.
Es erweckt den Eindruck, viele Leute würden in der neuen Aufregung um die Sarajevo Safari nach der Anzeige gegen Aleksandar Vučić die Mauer machen. Das hilft niemandem – außer denen, die sich aus verschiedenen Gründen aus der Affäre ziehen.
Die bisherige Berichterstattung zur Sarajevo Safari auf Balkan Stories könnt ihr hier nachlesen.
Titelfoto: Serbisch-nationalistischer Aufkleber in Istočno Sarajevo. Während des Krieges hieß der serbisch besetzte Teil Sarajevos Srpsko Sarajevo. Heute ist Istočno Sarajevo eine Verbandgemeinde in der Republika Srpska.
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