Der kroatische Investigativjournalist Domagoj Margetić legt gegen Serbiens Präsidenten Aleksandar Vučić nach. Laut angeblichen Dokumenten sei er eine Schlüsselfigur der Sarajevo Safari gewesen. Auch einen angeblichen Zeugen präsentiert er. Die vorgeblichen Beweise sind äußerst dürftig.
Man fragt sich, wie sehr ein Investigativjournalist alle Regeln seines Berufes vergessen kann.
Wenn man den Privatkrieg zwischen dem kroatischen Investigativjournalisten Domagoj Margetić und Serbiens Präsident Aleksandar Vučić betrachtet, lautet die Antwort: Völlig.
Am Montagnachmittag veröffentlichte er auf seinem Instagram-Kanal ein Interview mit Aleksandar Ličanin. Der soll Zeuge sein, dass Vučić während der Belagerung selbst mit einem Scharfschützengewehr auf Zivilisten im belagerten Scharfschützengewehr geschossen haben soll.
Als einziges Detail nennt Ličanin, dass Vučić von einer serbischen Scharfschützenstellung vom Jüdischen Friedhof aus geschossen haben soll. Einen ungefähren Zeitraum bleibt er schuldig. Ebenso eine schlüssige Erklärung, wie und warum er das gesehen haben soll.
Oder sonstige Details, an die man sich vielleicht erinnern würde, wenn man zusieht, wie jemand Zivilisten in einer belagerten Stadt ermordet.
Margetić fragt auch nie nach nur irgendeinem dieser Details. Mit seinen Fragen bestätigt er unkritisch seinen Gesprächspartner. Fallweise legt er dem Gesprächspartner die Antwort in den Mund.
Nachdem Ličanin schildert, was er über die Sarajevo Safari weiß, und dass Vučić und der Milizführer Slavko Aleksić in den 90-ern beim Jüdischen Friedhof waren, sagt Margetić: „Vučić hat nicht nur organisiert. Er hat auch selbst mit dem Scharfschützengewehr geschossen“.
Ličanin, der das zuvor so nicht gesagt hatte, bestätigt Margetić‘ Aussage.
Vor Monaten kamen Margetić‘ erste Anschuldigungen
Schon knapp nachdem bekannt wurde, dass endlich die Staatsanwaltschaft Mailand gegen Verdächtige ermittelt, die während der Belagerung von Sarajevo serbischen Milizen Geld gezahlt haben sollen, um Zivilisten in Bosniens Hauptstadt erschießen zu dürfen, hatte Margetić Anzeige gegen Vučić erstattet.
Sarajevo Safari nennt man dieses vielleicht widerwärtigste aller Kriegsverbrechen im Bosnienkrieg.
(Balkan Stories berichtete damals als erstes deutschsprachiges Medium über die Ermittlungen der Mailänder Staatsanwaltschaft.
Hier lest ihr auch mehr über Margetić‘ Anzeige gegen Vučić.)
Nachdem Vučić vor wenigen Tagen im bosnischen Fernsehen erneut bestritt, irgendetwas mit der Sarajevo Safari zu tun gehabt zu haben, und jemals während seiner Zeit in Bosnien eine Waffe gehabt zu haben, legte Margetić auf seinen Social Media-Kanälen nach.
Er veröffentlichte mehrere Pdfs, allerdings nur im jpg-Format. Seiner Darstellung nach sind es Dokumente, die ihm aus den Archiv des „Četnik-Vojvoda“ Slavko Aleksić zugespielt worden sein sollen.
Diese Dokumente sehen ausnahmslos so aus:

Das obige Pdf soll beweisen, dass Vučić auf Befehl von Vojvoda Aleksić ein Gewehr des Typs Zastava M59/66 ausgehändigt worden sein soll.
Mit diesem Gewehr sei Vučić auch auf Fotos bzw. Videos zu sehen, behauptet Margetić. Er bezieht sich wohl auf einen Clip aus einem Beitrag im Fernsehen der bosnisch-serbischen Streitkräfte, den Balkan Stories schon in diesem Beitrag analysiert hat.
Spoiler: Was man sieht, sieht nicht nach Gewehr aus.
Dieses Pdf soll beweisen, dass Vučić ausländische Gäste in serbische Scharfschützenstellungen geführt haben soll.
Aus diesen Stellungen heraus sollen Ausländer auf Zivilisten in der belagerten Stadt geschossen haben. Pro Ermordetem zahlten sie den serbischen Streitkräften eine Prämie. Kleinkinder erzielten für die Serben den höchsten Preis.

Wenn der Investigativjournalist wichtiger ist als seine vorgeblichen Beweise
Ob die Pdfs die Scans echter Dokumente sind, lässt sich eingehend nicht sinnvoll prüfen.
Margetić hat seinen Wasserstempel über alles geworfen. Als ob er als Quelle wichtiger sei als die – angeblichen – Scans historischer Dokumente, die den Präsidenten eines Staates der Beihilfe an Mord und Kriegsverbrechen überführen sollen.
Das ist zumindest höchst unseriös.
Es macht es unmöglich, den Text dieser Dokumente automatisiert auszulesen. Das wäre eine der ersten Schritte, um zu überprüfen, ob die Dokumente echt sein können.
Die bürokratische Sprache militärischer Dokumente unterscheidet sich erheblich nicht nur von Geschäftsschreiben sondern von jeder Art anderer bürokratischer Dokumente. Es ist ein eigener Jargon.
Vergleiche etwa Tagesbefehle der Wehrmacht im Zweiten Weltkrieg mit anderen bürokratischen Anordungen der damaligen Zeit.
Wer überprüfen will, ob Margetić‘ Pdfs im Jargon jugoslawischer Militäreinheiten der 1990-er geschrieben sind, muss wegen seines Wasserzeichens jedes Wort abtippen. Das erschwert jegliche sinnstiftende Überprüfung.
Kritisches Portal hält Dokumente für Fälschung – und hat gute Argumente
Auffällig ist, dass die Dokumente alle im lateinischen Alphabet geschrieben sind. Das wäre bei bosnisch-serbischen Milizeinheiten der 1990-er nicht völlig auszuschließen, aber nicht sehr wahrscheinlich.
Darauf weist auch die kritische bosnische Seite Istraga hin.
Alle Dokumente der Einheit von Vojvoda Aleksić, deren Echtheit bestätigt werden kann, sind laut Istraga in kyrillischem Alphabet geschrieben worden. Istraga legt mehrere Beispiele vor.
Außerdem trägt jedes der garantiert echten Dokumente den Stempel der Einheit.
Bei keinem der angeblichen Dokumente, die Margetić vorlegt, findet sich ein solcher.
Auch die Unterschrift auf Margetić‘ vorgeblichen Dokumenten wirkt auffallend frisch.
Das weckt zumindest Zweifel, dass sie echt sind.
Dass Margetić sie nur in unüberprüfbarer Form veröffentlicht, beruhigt diese Zweifel keineswegs.
Man sollte annehmen, dass gerade ein Investigativjournalist das wüsste.
Das macht es umso erstaunlicher, dass er die Sache so handhabt, wie er sie handhabt.
Auch kein Geheimnis ist, dass er und Vučić seit den ersten Stellungnahmen von Margetić in Sachen Sarajevo Safari de facto einen Privatkrieg führen. Keiner lässt eine Gelegenheit aus, den anderen öffentlich anzugreifen.

Das lässt einen skeptisch werden.
Weitere Ungereimtheiten bei Margetić‘ angeblichen Beweisen
Es sind auch nicht die einzigen Ungereimtheiten bei Margetić‘ jüngsten öffentlichen Stellungnahmen.
Sollten die Dokumente echt sein, ist klar, dass er seine Quellen schützt. Dennoch tragen seine sehr dürren Angaben, wie er an die angeblichen Dokumente gekommen sein will, keineswegs bei, ihre Echtheit nahezulegen.
Margetić Angaben legen nahe, dass nach dem kürzlichen Tod von Vojvoda Aleksić mehrere frühere Mitkämpfer auf sein Archiv gestoßen sein sollen. Von einem sollen sie den Weg zu ihm gefunden haben.
Warum, erschließt sich intuitiv nicht. Bekannt ist, dass Aleksić Margetić in seinem letzten Interview wüst beschimpfte und einen Lügner nannte. Auch darauf weist Istraga hin. Ebenso darauf, dass Aleksić auch in seinem letzten Interview bestritt, dass Vučić in seiner Zeit in Bosnien jemals eine Waffe hatte.
Bleibt die Sache mit dem Gewehr.
Die Zastava M59/66 war bis in die späten 1960-er bzw. frühen 1970-er das halbautomatische Standardgewehr der JNA. Sie wurde von einer jugoslawischen Lizenzversion der sowjetischen AK abgelöst.
Jugoslawische Soldaten nannten die Waffe Papovka – wie auch Margetić in seiner Stellungnahme auf Instagram hinweist. Das ist die einzig zweifelsfrei wahre Aussage in dem eher langatmigen Posting.
Für Scharfschützen war das Gewehr denkbar ungeeignet. Es hat keine Vorrichtung, um ein Zielfernrohr anzubringen.
Einige wenige Fotos im Netz zeigen die M59/66 mit nachträglich und sehr aufwändig montierten Zielfernrohren. Die dürften Handhabung und Genauigkeit der Waffe einschränken.
Als Scharfschützengewehr wäre die Zastava M76 wesentlich naheliegender gewesen. Es war die Standardwaffe von Scharfschützen der JNA. Nachweislich wurde es von allen Seiten in Bosnien und im Kosovo verwendet.
Und wäre es „nur“ darum gegangen Vučić zu bewaffnen, hätte man ihm die weitaus gängigere Zastava M70 geben können, die Nachfolgerin der 59/66 als Standardinfanteriewaffe der JNA.
Warum Aleksić für Vučić ausdrücklich eine 59/66 aus dem Waffenlager bestellt haben soll, erschließt sich nicht wirklich.
Wenn Margetić Beweise hat, soll er sie endlich vorlegen
Das sind massive Ungereimtheiten. Höflich formuliert. Auf keine geht Margetić in seinen öffentlichen Stellungnahmen ein. Soweit recherchierbar, dürfte er auch bislang keinem Medium die Originale der angeblichen Dokumente aus dem Nachlass von Vojvoda Aleksić zur Verfügung gestellt haben.
Die Medien, die berichten, zeigen die Pdfs/Jpgs ausschließlich mit Margetić‘ Wasserzeichen.
Der Glaubwürdigkeit des kroatischen Investigativjournalisten hilft das nicht. Um es deutlicher zu formulieren: Das ist ein Schuss ins Knie.
Wenn er Beweise hat, dass Vučić in die Sarajevo Safari verstrickt war, soll er sie vorlegen. Bislang hat er das nicht.
Mehr über die Sarajevo Safari und die jüngsten Ermittlungen könnt ihr hier nachlesen.
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