Eine schöne Tradition mit Beigeschmack

In den letzten Maiwochen feiern die Gesellschaften des ehemaligen Jugoslawien ihre Maturanten. So schön und ehrvoll der Pomp der Paraden auch sein mag, er ermöglicht auch den Blick auf weniger schöne Entwicklungen der Region.

Das Gewurl am Trg Kraijne in Banja Luka und im Park gegenüber ist unübersehbar heuer*.

Eltern, Geschwister, Tanten, Onkel, Großeltern, Cousins, Freunde der Familie, und viele auffallend schön und festlich gekleidete Teenager oder Menschen in den frühen 20-ern.

Diese jungen Menschen, sie haben es geschafft. Sie haben die heurige Matura bestanden, oder die Abschlussprüfungen in einer der höheren Schulen von Bosniens zweitgrößter Stadt.

Über der Szene eine Kakophonie von mindestens drei Blechblasmelodien, Gesprächsfetzen, Gratulationen, Anweisungen an einen der zahlreichen Fotografen, Zugeproste.

Für die Absolventinnen und Absolventen gibt es Blumensträuße, Geldgeschenke und Schnaps, vorzugweise aus ausländischer Produktion.

Heuer spielen drei Roma-Bands auf. Wild durcheinander.

Anders als bei der Parada vor wenigen Jahren sorgen heuer mehrere Roma-Bands für die musikalische Umrahmung.

Sie spielen wild drauf los, drängen sich unkoordiniert zwischen die Feiernden, buhlen aufdringlich um Trinkgeld.

Nicht überall kommt das diesmal gut an. So beliebt Roma-Musik auch sonst sein mag in diesem Teil der Welt.

„Wir sind aus Donji Milanovac“, sagt mir der Trompetenspieler einer der Bands in einer kurzen Spielpause.

Das ist eine Kleinstadt in Ostserbien.

Nach Banja Luka sind sie extra für die Parada gekommen.

So viele Roma wie die Band Mitglieder hat, gibt es dort offiziell gar nicht. Wahrscheinlich kommen sie aus einem der Dörfer im Umland. Oder man deklariert sich aus berechtigter Angst vor Diskriminierung nicht.

Sieben, acht Stunden dauert die Anfahrt an guten Tagen. Die nimmt die Band nicht nur auf sich, um sich mit den jungen Menschen über deren Matura zu freuen.

Die Armut im Osten Serbiens ist drückend. Für Roma gilt das besonders. Musiker dort leben von Trinkgeldern auf Großereignissen wie diesem.

Dass sie so leben, hat auch sehr viel damit zu tun, dass sie und ihre Kinder kaum eine realistische Chance haben, einmal auf der anderen Seite der Feier zu stehen.

In allen Nachfolgestaaten Jugoslawiens haben Roma einen deutlich schwereren Zugang zu Bildung als die Durchschnittsbevölkerung, wie es statistisch neutral heißt.

(Mehr über die komplexen Hintergründe lest ihr in dieser Reportage.)

Eine weitere Band kommt ebenfalls aus Serbien. Woher genau, entfällt mir im unübersichtlichen Geschehen.

Nicht nur für Musiker ist die Matura-Saison Ende Mai eine einträgliche Zeit.

Hochsaison für Fotografen

Matura oder Schulabschluss sind ein wichtiger Einschnitt im Leben eines jungen Menschen. Das wird häufig fotografisch festgehalten.

In Banja Luka macht man das gerne vor dem Hintergrund des historischen Stadtzentrums.

Rund um Banski Dvor und Präsidentenpalast steigen einander Fotografen, fallweise Assistenten und die zu Fotografierenden beinahe auf die Zehen.

Zumindest an diesem Nachmittag werden vor allem die Maturantinnen abgelichtet.

Dazu kommen zig Studioaufnahmen und dutzende Aufträge für Klassenfotos in Banja Lukas höheren Schulen.

Nicht immer sind es die professionellen Fotografen, die in der Saison Geld verdienen. „Mein Cousin hat sich eine teurere Spiegelreflexkamera zugelegt, und nimmt privat Aufträge entgegen“, erzählt mir mein Arbeitskollege Jugoslav.

Seine Familie kommt aus diesem Teil der Krajina.

Das ist nicht nur hier so. Im gesamten ehemaligen Jugoslawien entstehen dieser Tage abertausende Fotos von Maturanten.

„Ich mache zwei, drei Sessions am Tag“, schreibt mir ein Fotograf aus Herceg Novi. „Mehr schaff ich da einfach nicht mehr“.

Ein Fotograf aus Tuzla schreibt mir, dass er mir gern antworten würde, aber gerade untergeht vor Aufträgen.

Je nach Region kostet Fotos mittlerweile bis zu 200 Euro pro Kunde.

Manche Fotografen haben sich aus diesem Teil des Geschäfts mittlerweile zurückgezogen. Luka aus Banja Luka etwa geht das Treiben rund um die Parada mittlerweile auf die Nerven.

„Da wird jedes Jahr die Hauptstraße im Zentrum für die Parada blockiert. Ist das wirklch notwendig“, schreibt er. Er macht keine Matura-Fotos mehr. „Das war ein viel zu unregelmäßiges Einkommen“, sagt er. Mittlerweile konzentriert er sich auf Layout und grafisches Design.

Die Feiern der Zukunft der Gesellschaft dokumentieren auch ihren Niedergang

Geschäfte stellen die Klassenfotos und die Einzelportraits aus den Schulen öffentlich in ihren Auslagen aus. Besonders häufig sind es interessanterweise Apotheken und Versicherungen.

In Bekleidungsgeschäften wie hier im Einkaufszentrum Boska in Banja Luka ist das vergleichsweise selten.

Dass und vor allem wie öffentlich die Fotos in den Nachfolgestaaten Jugoslawiens ausgestellt werden, unterscheidet sich deutlich etwa von den Traditionen in Österreich.

Dort druckt das Lokalzeitung. So es sie überhaupt noch gibt.

Es ist ein Zeichen: Die Gesellschaft feiert ihre Jugend für ihre Leistung.

Das hat bei näherer Betrachtung auch eine bittere Note.

Aus allen Nachfolgestaaten Jugoslawiens wandern die Menschen in Scharen aus. Darüber kann auch der statistische Ausreißer der jüngsten Volkszählung in Montenegro nicht hinwegtäuschen.

Es sind fast ausschließlich die Jungen, die gehen. Und hier vorwiegend die gut Ausgebildeten.

Das trifft auf Bosnien mehr zu als auf jeden anderen Nachfolgestaat. Jährlich wandert dort ein Prozent der Bevölkerung aus. (Mehr siehe diese exklusive Recherche auf Balkan Stories.)

Legt man diese Statistiken auf die jungen Menschen um, die heute ihre große Leistung feiern, muss man davon ausgehen: Zum zehnjährigen Maturatreffen wird wahrscheinlich ein Drittel aus dem Ausland anreisen.

Die Feiern heute sollen die Zukunft der Gesellschaft feiern. Sie erinnern gleichzeitig an ihren Niedergang.

Das ist eine bittere Wahrheit.

*Die Aufnahmen für diese Reportage entstanden im Vorjahr.

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