Mit dem soeben erschienen Buch Balkan Beats bieten DJ Robert Šoko und Musikjournalist Robert Rigney einen ausnehmend tiefen Einblick in ein zu Unrecht häufig übersehenes Kapitel Berliner und jugoslawischer Musikgeschichte. Und malen, ganz nebenbei, ein Panoramagemälde einer vergangenen Epoche, die weiterlebt.
Balkan Beats und Robert Šoko. Diese beiden Dinge kann man nicht voneinander trennen.
Balkan Beats, das ist eine Jugo-Musikszene, die Robert Anfang der 1990-er mehr oder weniger im Alleingang in Berlin erfand. In zunächst schrägen und kleinen Clubs wie dem Arcanoa legte der Taxifahrer Musik auf, die zwischen den Polen Turbofolk und YU-Punk stand.
Die Balkan Beats sprachen bald mehr Menschen an als den Teil der Dijaspora, der am zerfallenden Staat festhielt und sich von der ansonsten streng national getrennten Szene absetzen wollte.
Und nahm die Popularität von Goran Bregović, Esma Redžepova und Shantel oder, in geringerem Ausmaß, von Rambo Amadeus im Westen um gut ein Jahrzehnt hinweg und bereitete sie vor.
Das Buch Balkan Beats erzählt diese Geschichte.
„What was missing was a place in the middle – what I called – and trademarked –
Balkan Beats, which strove to preserve the traditional elements and flavors of the Balkans while giving them a new dynamic understandable to the West. And this is what happened. We managed to skyrocket Balkan Beats into a scene, a phenomenon and a genre of “world music”, next to tango, salsa, and reggae – and what have you“, schreibt Robert in der Einleitung.
Das Buch erzählt auch Roberts Lebensgeschichte, die ihn von seiner Geburtsstadt Zenica in die gerade wiedervereinigte Hauptstadt des gerade wiedervereinigten Deutschland führte, und am Höhepunkt der Popularität von Balkan Beats zum europaweit bekannten DJ machte. Und sie erzählt sie schonungslos.

Mit Hilfe des US-stämmigen Musikjournalisten und Balkanexperten Robert Rigney erzählt er diese Geschichte mit Hilfe eigener Erinnerungen und der Erinnerungen zahlreicher Zeitzeugen als Oral History.
Panoramagemälde einer Epoche
Das macht dieses Buch auch zu viel mehr als die bloße Erinnerung an eine einst bedeutende, aber heute verwehte, Musikszene – so sehr sie auch dem westlichen Publikum einen Balkan und vor allem ein Jugoslawien jenseits von Nationalismus und Schmerz nähergebracht haben mag.
Was die beiden Roberts auf 458 Seiten ausbreiten, ist das Panoramagemälde einer Epoche. Es ist Zeitgeschichte mit ihren hundert Verästelungen, Schauplätzen und Protagonisten.
Es ist eine Geschichte Berlins zwischen den 1990-ern und den 2010-ern, es ist die Geschichte der deutschen Wiedervereinigung, es ist die Geschichte Jugoslawiens und seiner Musik in dieser Zeit, es ist die Geschichte von Subkultur und Popkultur und umgekehrt, die Geschichte von Migration und Integration.
Wer sich auch nur einen Hauch für einen dieser Aspekte interessiert, wird hier die Stimmen sehr viele bekannter Akteure finden. Rüdiger Rossig kommt zu Wort, Rambo Amadeus, Petar Janjatović, Feđa Štukan, Billy Gould, Eugene Hütz, Goran Bregović und die US-amerikanische Sängerin Eva Salina.
Auch der Nicht-Berliner mit Interesse an balkanischer Musik wird hier vielfach in nostalgische Verzückung versetzt. Und lernt die deutsche Hauptstadt ebenso kennen wie er zum Teil sehr tiefe und dichte Einblicke in das untergegangene Jugoslawien und seine Nachfolgestaaten erhält.
Aufgelockert wird das durch die Erinnerungen von Robert Rigney, der seit beinahe 30 Jahren einen guten Teil seiner journalistischen Arbeit der weltweiten Balkan-Musikszene widmet.
Scheitert normalerweise ein Buch an diesem enormen Anspruch, alles zugleich sein zu wollen, gelingt das Balkan Beats in seiner minimalistischen Form hervorragend.
Sicher, das Oral History-Format macht die Lektüre etwas gewöhnungsbedürftig. Der eine oder andere Übergang kommt vielleicht etwas unvermittelt. Aber diese Kritik ist beinahe die Suche nach dem Haar in der Suppe.

Wie bunt das Buch ist, zeigt das zweite Kapitel. Es ist eine Reportage von Robert Rigney vom Bijelo Dugme-Konzert in Wien im Jahr 2016. (Auch Balkan Stories berichtete damals, siehe diese Reportage.)
Dieses Kapitel stellen euch die Autoren von Balkan Beats und Balkan Stories als Leseprobe zur Verfügung. Einer der Protagonisten wird den Lesern dieses Blogs möglicherweise bekannt vorkommen.
Einen weiteren Einblick in die Breite dieses Buches bietet auch dieser Text, den Robert Rigney 2019 auch auf Balkan Stories veröffentlicht hat, und in dem mehrere Protagonisten von Balkan Beats vorkommen.
Balkan Beats. Robert Šoko und Robert Rigney. BalkanBeats Records, 2025
458 Seiten
ISBN 978-3-00-082600-9
Paperback: 24.90 €
e-book: 9,90 €
Erhältlich ist Balkan Beats direkt beim Verlag oder bei Amazon.
Alle Fotos dieser Geschichte: zur Verfügung gestellt von Balkan Beats Records
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