In kaum einer europäischen Hauptstadt ist der öffentliche Verkehr so rückständig wie in Sarajevo. Darüber können auch die neuen Straßenbahngarnituren und ein paar Verbesserungen nicht hinwegtäuschen.
Es gibt Dinge, die glaubt man nicht.
Dass es auf Haltestellen öffentlicher Verkehrsmittel einer europäischen Hauptstadt etwa keine Namensschilder gibt.
Nicht vereinzelt.
Auf keiner.
Die haben sie irgendwann vor eineinhalb oder zwei Jahren abmontiert in Sarajevo.
Auf allen Haltestellen.



Wenn du dich nicht auskennst, weißt du nicht, wo du bist.
Was es nicht besser macht, ist, dass die meisten Busse, O-Busse und Straßenbahnen keine Durchsagen mit dem Namen der nächsten Haltestelle haben. Ein Display haben sie ebenfalls in der Regel nicht.
Und wenn doch – auf drei O-Busfahrten im September des Vorjahres hatte ein einziger Fahrer Display und Durchsagen eingeschaltet.
Den anderen beiden war das eher egal.

Das war zumindest bis November so.
Das überfordert alle Passagiere gleichermaßen.
So gut kennt sich niemand in der ganzen Stadt aus, dass er oder sie überall sofort wüsste, wo man aus- oder umsteigen muss.
Sobald man in einer Ecke der Stadt ist, die man nicht so gut kennt, muss man den Fahrer oder andere Fahrgäste fragen. Und hoffen, dass der Fahrer Zeit hat. Oder sich die anderen Fahrgäste auskennen.
Ja, theoretisch gibt es Google Maps. Nur ist das erstens auch nur bedingt zuverlässig, zweitens will man das nicht die ganze Fahrt lang eingeschalten haben, und drittens kann man beim Durchschnittsalter der Sarajlije davon ausgehen, dass viele Fahrgäste kein Smartphone haben.
Gerechtfertigt wurde das mit zwei Umständen: Die Haltestellen der Öffis sollen modernisiert werden. Und es gibt ja die neuen Straßenbahnen und O-Busse. Da wird das schon funktionieren.
Und natürlich damit, dass die stadteigenen Verkehrsbetriebe GRAS notorisch klamm sind.
Das mag vielleicht mehr schlecht als recht erklären, warum alte Namensschilder nicht erneuert werden.
Dass alle Namensschilder abgehängt wurden, erklärt es nicht.

So hoch können die Kosten für diese Dinge nicht sein, dass das ein ernstes Budgetproblem sein könnte.
Das Chaos bei den Fahrkarten
Das Fahrkartenregime von GRAS ist nicht wirklich besser.
Für Bus, Straßenbahn, O-Bus und Minibus braucht man je eigene Einzelfahrscheine.
Die sind mit 1,80 Mark bzw. 90 Cent gemessen an lokalen Einkommen auch nicht wirklich billig.
Für die Busse von Centrotrans, die ebenfalls manche Routen des öffentlichen Verkehrs in Sarajevo abdecken, gelten diese Tickets selbstredend nicht.
Netzkarten für alle Verkehrsmittel gibt es nur, wenn man eine Tageskarte oder eine Zehntages-Karte kauft.
Monats- oder Jahreskarten gibt es bei GRAS gleich gar nicht.
Wer eine Monatskarte für die öffentlichen Verkehrsmittel in Sarajevo kaufen will, muss zum privatisierten Unternehmen Centrotrans gehen.
2020 verkaufte GRAS noch eigene Monatskarten.
115 Mark kostete die seinerzeit zum regulären Preis. Das sind ziemlich genau 57 Euro. In Wien kostet ein 31 Tage-Ticket 51 Euro.
Ich habe nicht herausgefunden, wann GRAS die – überteuerten – Monatskarten abgeschafft hat, und warum.
Es ist auch egal. Ob es vor fünf Jahren war oder gestern, absurder kann eine Entscheidung kaum sein.
Das in einer Stadt, die untergeht im Autoverkehr.

Was auch daran liegt, dass das Öffi-Netz ohnehin ein sehr löchriges ist.
Sarajevo hat eine einzige Straßenbahnlinie mit einer Abzweigung zum Bahnhof. Am anderen Ufer der Miljacka fahren die O-Busse.
Gut, topographisch gesehen gibt es nicht viel Platz für Straßenbahnen in Sarajevo. Aber ein bisschen mehr ginge da schon. Auch mehr Buslinien wären möglich.
Macht man nicht.
Das kann sogar Tirana besser
Die Sarajlije lassen sich das achselzuckend gefallen und fahren lieber mit dem Auto – auch, wenn sie sonst sehr stolz sind auf die neuen Straßenbahnen und die neuen Straßenbahnhaltestellen auf Teilen der generalsanierten Straßenbahnstrecke – wo kein einziger Haltestellennamen angeschrieben ist.

Bei allem Verständnis für die finanziellen Nöte in Bosnien, bei allem Verständnis für die topographischen Begrenzungen in Sarajevo – das sind unglaublich amateurhafte Eigenfehler.
Als ob man den öffentlichen Verkehr mit Absicht umbringen wollen würde.
Sogar in Tirana kriegen sie das besser hin. Fallweise zumindest.
Das ist keine Latte, an der sich Sarajevo messen lassen sollte.
Mag sein, dass sich vielleicht im Millimeterbereich etwas verbessert hat seit meinem letzten Aufenthalt im November.
Ich werde ab Donnerstag sorgfältig recherchieren und getreulichst berichten.
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