Jeder kennt Bosniens größtes Problem. Keiner redet darüber. Die Einwohnerzahl wird um knapp ein Drittel überschätzt, wie dieser exklusive Bericht von Balkan Stories zeigt. Die potentiellen Folgen sind desaströs.
3,422 Millionen Menschen leben nach den jüngsten verfügbaren Zahlen offiziell in Bosnien und Hercegovina.
Das sind die Daten, die die Agencija za Statistiku Bosne i Hercegovine (BHAS) nach international definierten Standards als offizielle Bevölkerungszahl für das Jahr 2023 auf Seite 26 zur Verfügung stellt und nach bestem Wissen und Gewissen zur Verfügung stellen kann.
So viele Menschen waren zum relevanten Stichtag im gesamten Land gemeldet.
Wie Radoslav Ćorović von der Statistikbehörde bei den Recherchen von Balkan Stories sagt, ist diese Zahl eine grobe Überschätzung.
Tatsächlich leben nur 2,6 Millionen Menschen im Land
Die Bevölkerungsprojektion von BHAS geht für das Jahr 2025 davon aus, dass im gesamten Land 2,578 Millionen Menschen leben – und interessanterweise um gut 70.000 mehr Männer als Frauen.
Das sind um 844.000 Menschen weniger als in der offiziellen Bevölkerungsschätzung nach internationalen Standards.
Je nachdem, ob man das Maximum oder das Minimum als Berechnungsbasis nimmt, ist das ein Unterschied von 24,7 oder 32,7 Prozent.
Über diesen Umstand hat Balkan Stories schon im Vorjahr berichtet. Neben dem kritischen Portal Buka das einzige Medium, das dieser Frage detaillierter nachgegangen ist.
„Die allermeisten Menschen melden sich nicht ab, wenn sie ins Ausland emigrieren“, fasst Radoslav Ćorović zusammen.
„Die Probleme könnten sein, dass sie nicht wissen, wie sie sich abmelden sollen, und auch nicht über die potentiellen Folgen Bescheid wissen, wenn sie sich nicht abmelden. Eine Rolle könnte hier auch spielen, dass man seine Rechte leichter wahrnehmen kann, wenn man weiter in Bosnien gemeldet ist“, schildert Radoslav gegenüber Balkan Stories.
Gemeint ist hier etwas das Wahlrecht, es geht aber auch um Wohnrechte.
Über diesen Umstand haben Balkan Stories und lokale Medien in der Vergangenheit mehrmals berichtet.
Wie die Statistikbehörde dennoch zu realistischen Zahlen kommt
Bislang hat sich keiner die Frage gestellt, wie BHAS dennoch zu halbwegs brauchbaren Daten kommt – und warum die geflissentlich ignoriert werden.
An sich sei es gar nicht so schwierig, zu erfahren, wie viele Menschen aus Bosnien auswandern, schildert Statistiker Radoslav. „Hier verwenden wir die Daten von Eurostat, weil wir davon ausgehen, dass hier die häufigsten Zielländer von Auswanderern sind“.
Dort melden die Mitgliedsländer regelmäßig ein, in welchen Staaten die Einwohner ihrer Länder geboren worden sind.
Detailliertere Daten gibt es auch über Todesfälle nach Geburtsland.
Aus diesen Zahlen errechnet BHAS das Ausmaß der Auswanderung aus Bosnien.
Diese Statistik sei freilich nicht vollständig, wie Radoslav sagt. „Von einigen Zielländern haben wir keine umfassenden Statistiken, hier stützen wir uns auf andere verfügbaren Quellen“.
Extended Mirror Statistics heißt das in einer Tabelle, in der BHAS ihre Projektionen in Zehn-Jahres-Schritten darstellt.
An dem Dokument sieht man auch die Diskrepanz zwischen offiziellen Zahlen und realistischen Schätzungen.
Demnach wanderten gemäß Melderegistern und Behördendaten im Jahr 2020 4.000 Menschen aus Bosnien aus. Für das Jahr 2030 wird gemäß diesem Szenario erwartet, dass 3.900 Menschen aus Bosnien auswandern.
Gemäß Eurostat-Daten aus den relevanten Einwanderungsländern wanderten dort 2020 9.400 Menschen aus Bosnien ein. 2030 soll diese Zahl auf 6.900 sinken.
Laut der ausführlicheren Statistik, den Extended Mirror Statistics, emigrierten 2020 23.000 Menschen aus dem Balkanstaat. Für 2030 wird mit 17.800 Auswanderern gerechnet.
Die Bevölkerung schrumpft immer schneller
Dazu kommt, dass jedes Jahr um mittlerweile mehr als 10.000 Bosnier mehr sterben als geboren werden.
Die Bevölkerung schrumpft Jahr für Jahr um etwa eineinhalb Prozent.
Der Prozess wird sich beschleunigen.
Es wandern fast ausschließlich junge Menschen aus. Sie bringen ihre Kinder anderswo zur Welt. Der so genannte Sterbeüberhang steigt.
In zehn Jahren werden in Bosnien laut Bevölkerungsprojektionen von BHAS 1.982 Millionen Menschen leben.
Besonders hart trifft es die Republika Srpska
Überproportional hat der Aderlass bislang den serbisch dominierten Teilstaat Republika Srpska im Osten des Landes getroffen.
Laut dem Friedensvertrag von Dayton wäre er die Heimat von knapp der Hälfte der Bevölkerung gewesen.
Viele der muslimischen und katholischen Flüchtlinge kehrten nach dem Krieg nicht in die Städte und Dörfer zurück, aus denen sie während des Krieges vertrieben worden oder geflüchtet waren.
Die Zahl der orthodoxen Flüchtlinge, die nach 1995 aus dem bosnjakisch-kroatisch dominierten Teilstaat Federacija in die RS zogen, konnte das nie wettmachen.
Seitdem sind außerdem zahlreiche Nicht-Serben aus der RS abgewandert. Sie haben sich im offen serbisch-nationalistischen Klima in dem Teilstaat nicht mehr willkommen gefühlt.
(Mehr über die kalten ethnischen Säuberungen in Bosnien seit dem Krieg könnt ihr hier nachlesen.)
Dass die RS die mit Abstand ärmste Landeshälfte ist, verstärkt den demographischen Effekt. Ironischerweise tut das ebenso die Unterstützung der Republikaserben durch das benachbarte Serbien.
Orthodoxe aus der RS bekommen sehr einfach die serbische Staatsbürgerschaft. Das ermöglicht ihnen, nach Serbien auszuwandern. Dort sind die wirtschaftlichen Bedingungen deutlich besser als zuhause.
Der natürliche Bevölkerungsabgang in dem Teilstaat betrug alleine im Vorjahr 3,7 Prozent.
Nach offizieller Darstellung sind es 1,1 Millionen.
1991 lebten im ganzen Land knapp 4,4 Millionen Menschen.
Darum schaut die Politik lieber weg
Politisch wird diese tiefe demographische Krise kaum thematisiert.
Lediglich das gesamtbosnische Sicherheitsministerium hat sich im Vorjahr mit einem Strategiepapier mit der mangelhaften Datengrundlage und den möglichen Folgen beschäftigt. Balkan Stories berichtete damals exklusiv auf Deutsch.
Auf internationaler Ebene präsentiert die bosnische Politik das Land lieber als die Heimat von 3,4 Millionen Menschen. Oder, noch lieber, als die Heimat von den fast 3,6 Millionen Einwohnern, die das Land gemäß der Volkszählung 2013 hatte.
Dass jeder weiß, dass diese Zahlen nicht stimmen, ist offenbar Nebensache.
Auch die langfristige Infrastruktur-, Gesundheits-, und Bildungspolitik wird auf Basis der offiziellen Bevölkerungsdaten geplant, bis auf die Kantons- und Gemeindeebene hinab. Die leicht verfügbaren realistischen Daten der eigenen Statistikbehörde nimmt die bosnische Politik nicht so gerne zur Kenntnis.
Dass das auf etlichen Ebenen bei ohnehin knappen Kassen geradezu groteske Überausgaben produziert, liegt auf der Hand.
Gleichwohl, mit großzügigen Projekten lassen sich Wählerstimmen mobilisieren. Das hilft beim Machterhalt.
Was ebenfalls beim Machterhalt hilft: Dass über die Zahl der Wahlberechtigten notwendigerweise Unklarheit herrscht.
Bei den vergangenen nationalen Wahlen im Jahr 2022 galten beispielsweise 3,4 Millionen als wahlberechtigt. Mehr als das Land Einwohner hatte.
Wer hier über das bessere Wissen verfügt, hat beim Wahlkampf bessere Karten.
Von den Manipulationen, die unbereinigte Wählerregister zulassen, ganz zu schweigen.
Eine weitere Schattenseite ist, dass die massiv überschätzte Bevölkerung Bosnien bei manchen internationalen Kennzahlen schlechter aussehen lässt als es ist.
Das betrifft vor allem die Wirtschaft.
So liegt Bosnien beim Bruttoinlandsprodukt pro Kopf laut Eurostat an vorletzter Stelle der untersuchten Staaten.
(Die Ukraine, Weißrussland und Russland wurden nicht ausgewertet.)
Die Realität dürfte deutlich besser sein – wenn auch beileibe nicht gut. (Siehe diese Analyse von Balkan Stories.)
Sieht die Armut im Land größer aus als sie ist und die Bevölkeurng unproduktiver, schreckt das tendentiell Investoren ab.
Andererseits werden die auf das drastische Schrumpfen der Bevölkerung auch nicht euphorisch reagieren.
Und einen Staat nicht ernstnehmen, der offensichtlich nicht wissen will, wie viele Menschen in ihm leben.
Was bleibt, ist die Erkenntnis, dass Bosnien stirbt.
Und niemanden interessiert es.
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