Die Perle der Vojvodina

Seit mehr als 100 Jahren prägt sie das Stadtbild, und sie gilt zurecht als das eigentliche Wahrzeichen der Stadt: Die Synagoge von Subotica. Sie ist in mehr als einer Hinsicht ein einzigartiges Bauwerk.

„Bitte, geh auf die Galerie“, sagt der junge Mann, der die Eintrittskarten für die Synagoge verkauft.

Auf Ungarisch tauscht er sich mit der Kollegin aus. Heute ist viel Trubel in dem Gebäude am Trg Jakaba i Komora in Subotica, der zweitgrößten Stadt der Vojvodina.

Synagoge von Subotica.

Heute Abend ist ein Vortrag mit konzertaler Begleitung geplant. Es ist einiges aufzubauen.

Dass ich im Mittelgang stehe und Fotos mache, behindert die Arbeiten.

Innenraum der Synagoge von Subotica.

Seit mittlerweile 50 Jahren ist dieses prächtige Gebäude nur mehr sozusagen im Nebenberuf Synagoge. Nicht einmal einen eigenen Rabbiner gibt es für die jüdische Gemeinde in Subotica. 250 Mitglieder hat sie heute.

Zu Beginn des 20. Jahrhunderts waren es je nach Schätzung gut 2.000. Für sie entwarfen die ungarischen Architekten Dezső Jakab und Marcell Komor das Gebäude.

Wobei, streng genommen entstanden die Pläne ursprünglich für die jüdische Gemeinde von Szeged, auf der anderen Seite der heutigen ungarisch-serbischen Grenze. Die Ausschreibung verloren die beiden Architekten zwar – bekamen dafür aber eine Auszeichnung und die Gemeinde von Subotica übernahm die Pläne freudig.

Vor dem Ersten Weltkrieg verlief die Grenze weiter südlich. Was heute Vojvodina heißt, war Teil des Königreichs Ungarn innerhalb der kuk-Monarchie, beziehungsweise der kk-Monarchie, wie die Ungarn sagen.

Bau innerhalb nur eines Jahres

Innerhalb nur eines Jahres, 1902, wurde das Gebäude aus roten Ziegeln und Stahlträgern mit seinen Betonkuppeln hochgezogen. Eine beachtliche Leistung, nicht nur für damalige Verhältnisse.

Die beiden Architekten sahen sich ganz der Moderne verpflichtet und bauten diese Synagoge im ungarischen Jugendstil, mit aufwändigen Verzierungen und gezieltem Einsatz von Licht.

Das gibt den Innenräumen dieser Synagoge bis heute eine besondere und einzigartige Stimmung – zumal die Fenster, mit koscher abgewandelten Motiven aus der ungarischen Tradition den Zentralraum in Pastellfarben tauchen.

(Mehr über die Architektur erfahrt ihr hier.)

Bis zu 3.600 Gläubige konnte die Synagoge zu Gottesdiensten aufnehmen. Das machte sie damals zu einer der größten überhaupt. Heute ist sie nach der Hauptsynagoge von Budapest die zweitgrößte noch existente Synagoge in Europa.

Und: Sie ist die einzige erhaltene Jugendstil-Synagoge auf der Welt.

Zeugnis aufstrebenden, optimistischen und selbstbewussten jüdischen Lebens in dieser Stadt. Und seiner Vernichtung.

Die Geschichte der jüdischen Gemeinde von Subotica

1775 durften sich die ersten Juden in Subotica niederlassen. Es waren Ashkenazim, anders als die Sephardim südlich von Sava und Donau, das damals noch Osmanisches Reich war.

Wie in Novi Sad passte sich die urbanische jüdische Gemeinde im 19. Jahrhundert an das örtliche Leben an. Man sprach Ungarisch, zumindest in der Öffentlichkeit. Man war reformorientiert orthodox. Neolog würde man diese Richtung später nennen. Eine für das urbane ungarische Judentum typische Strömung.

(Eine ausführliches Portrait des neologen Judentums findet ihr in diesem Interview mit dem Budapester Oberrabbiner Róbert Frölich für die Jüdische Allgemeine.)

Eingangsbereich der Synagoge von Subotica.

Dass 1918 eine der vielen neuen Grenzen Subotica von Budapest als dem religiösen und kulturellen Zentrum des neologen Judentums trennte, sich die Staatssprache änderte, betraf die Juden von Subotica wenig. Man blieb in Kontakt, so gut es ging, und man blieb ungarisch aus Tradition, und nicht als Zeichen gegen den neuen Staat Jugoslawien.

Die Gemeinde wuchs bis 1941 auf 3.500 Mitglieder. Nach Sarajevo und Novi Sad eine der größten im damaligen Königreich Jugoslawien.

Es kam das Jahr 1941. Es kam die Wehrmacht. Es kam die Zerstückelung des Landes, es kam die Aufteilung unter den Kollaborateuren.

Die Juden von Subotica und von Novi Sad hatten das relative Glück, dass die Horthyfaschisten von Budapest die Vojvodina bis auf einen kleinen Teil zugeschlagen bekamen.

Die waren auch antisemitisch, und sie grenzten die Juden aus und schikanierten sie. Anders als die Ustaša in ihrem „Unabhängigen Staat Kroatien“ (NDH) ermordeten die ungarischen Verbündeten Hitlers die ungarischen Juden nicht systematisch, und anders als das Quisling-Regime von Milan Nedić in Rumpfserbien lieferten sie sie auch nicht systematisch den Deutschen zur Vernichtung aus.

Das soll die zahlreichen Verbrechen des Horthy-Regimes an der Zivilbevölkerung, auch an der jüdischen, nicht beschönigen, aber in Perspektive setzen.

Das endete 1944. Als Ungarn aus den Achsenmächten ausscheren wollte, besetzten die Nazis das Land und ließen die weitaus rabiateren ungarischen Pfeilkreuzler Marionettenregierung spielen – die auch prompt aktiv den Völkermord der Nazis an den ungarischen Juden unterstützten.

Subotica traf es doppelt hart. Hier richteten die Deutschen auch ein Ghetto ein, das als Sammelstelle und Zwischenstation für die Juden der Vojvodina auf dem Weg in die Vernichtungslager diente.

Von den 3.500 Juden von Subotica wurden mindestens 2.000 ermordet.

Mahnmal bei der Synagoge von Subotica.
Denkmal für die in der Shoa ermordeten Juden von Subotica im Hof der Synagoge.

Nach dem Zweiten Weltkrieg gingen viele der Überlebenden nach Palästina beziehungswiese nach 1948 ins neu gegründete Israel.

Vom Sorgenkind zur Perle der Vojvodina

Schon in den 1970-ern war die einst so große Gemeinde so schwach, dass sie die Synagoge nicht mehr aus eigener Kraft erhalten konnte. Sie übertrug sie der Stadt.

Während der Wirtschaftskrise der 1980-er und des Jugoslawienkriegs in den 1990-ern fehlte auch der Stadt das Geld, um das verfallende Gebäude zu renovieren.

Ende der 1990-er setzte Organisation World’s Monument Watch die Perle der Vojvodina auf die Liste der 100 am meisten bedrohten Denkmäler der Welt, als die Hauptkuppel einzustürzen drohte.

Erst nach der Jahrtausendwende nahmen die Bemühungen, die Synagoge zu renovieren, Fahrt auf – zumal die ungarische Regierung einen Teil der Kosten übernahm. 2018 war die Renovierung abgeschlossen, und die Synagoge wurde wieder der Öffentlichkeit zugänglich gemacht.

(Mehr über die aufwändige Renovierung lest ihr hier.)

Hauptsächlich dient sie der Stadt als Veranstaltungszentrum, jüdische Gottesdienste gibt es hier aber ebenfalls wieder regelmäßig – auch wenn der Rabbiner extra anreisen muss.

Mehr über die jüdischen Gemeinden in Novi Sad und Sarajevo könnt ihr in dieser und dieser Reportage lesen.

Zur Homepage der Synagoge von Subotica geht’s hier.

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