Sie sind nicht wegzudenken aus dieser Stadt und die Stadt nicht aus ihnen. Auch wenn sie heute nur mehr 700 sind. Reportage über die jüdische Gemeinde von Sarajevo, die zwei grausame Kriege überlebt hat und im Frieden von Dayton um ihre Existenz ringt.

Mirijams Augen leuchten, als sie hört, dass ich aus Wien bin. „Gibt’s dort eine Mikvah?“, fragt sie mich mit hoffnungsvollen Augen hinter ihren Brillengläsern und unter einem bunten Strohhut.

Die Mikvah oder Mikwe ist das rituelle Bad jüdischer Gemeinden. Vor allem für Orthodoxe ist es wichtig. Frauen suchen es nach der monatlichen Blutung oder einer Geburt auf. Religiöse Männer reinigen sich vor dem Shabbat-Gebet und hohen Feiertagen.

„In Beograd hat gerade eine aufgemacht. Ich hoffe, dass wir auch hier bald eine bekommen“, sagt sie. Ein Zeichen, dass sich jüdische Gemeinden am Balkan stabilisieren, meint sie.

„Und wie viele Juden leben in Wien? Gibt es koschere Restaurants?“

Die quirlige 26-jährige Medizinabsolventin löchert mich. „Sollte ich auswandern wollen, ist mir nämlich eine gute Infrastruktur wichtig.“

Und da wäre noch die Familiengeschichte, zumindest, wenn man die tragischen Aspekte ausblendet. „Meine Familie kommt aus Polen“, sagt sie stolz. Aus dem Teil, der bis 1918 Teil des österreichisch-ungarischen Reiches war. Auch das verbindet mit Wien.

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Bunt zusammengewürfelt

Überhaupt, wir sind eine bunt zusammengewürfelte Gruppe, die an diesem Freitagabend im Erdgeschoss der Synagoge auf den Beginn des Shabbat-Gebets wartet.

Neben Mirijam sind sechs in Sarajevo geborene Gemeindemitglieder hier. Und drei Neuzugezogene aus Japan, eine Mutter mit ihren Kindern, etwa acht und zehn Jahre alt. Sie toben herum, bevor es ernst wird. Sind sind mit dem Vater in die Stadt gekommen, der hier arbeitet.

Ein Ehepaar aus London macht Urlaub in der Stadt und kommt zum Shabbat-Gebet. Auch ein Ehepaar aus Haifa ist da.

Und da bin noch ich, der Goj aus Wien. Was nach einer Minute keinen mehr stört.

Englisch, Hebräisch, Naški, Japanisch. Die Sprachen fliegen durcheinander. Der Gruß heute abend freilich ist auf allen gleich: „Shabbat Shalom“. Man spürt, er kommt von Herzen, er schafft eine Vertrautheit zwischen Menschen, die einander vor wenigen Minuten noch Fremde waren.

Die letzte dauerhaft betriebene Synagoge von Sarajevo

Gefeiert wird nach orthodoxem Ritus. Im Gebetsraum im ersten Stock stehen die Männer rechts vom Eingang aus gesehen, die Frauen links.

Bis zum Zweiten Weltkrieg war das der Balkon der orthodoxen askhenazischen Gemeinde, hat Benina am Nachmittag erzählt, als sie mir und einem amerikanischen Ehepaar eine Führung durch die Synagoge und die Gemeindeeinrichtungen gegeben hat. Sie engagiert sich bei der Gemeinde.

„Das war eine von zwei Synagogen, die der Gemeinde nach dem Krieg restituiert worden sind. Usprünglich waren es sechs.“

20.000 Juden lebten in Sarajevo, bis 1941 die Ustaša die Stadt besetzten. 20 Prozent der Bevölkerung. Juden waren nach den Bosnjaken die größte Bevölkerungsgruppe und der sephardische Teil der Gemeinde seit Jahrhunderten hier verwurzelt, die großteils nach 1878 zugezogenen Ashkenazim waren zumindest akzeptiert.

Etwa 2.000 dürften den Holocaust überlebt haben.

„Das Gebäude war schwer beschädigt. Wir haben uns entschieden, den Gebetsraum dort zu bauen, wo früher der Balkon für Frauen war“, schildert Benina.

Heute feiern hier Ashkenazim und Sephardim gemeinsam in der letzten dauerhaft betriebenen Synagoge der Stadt.

Es ist wohl die einzige der Welt, in der das der Fall ist.

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Im Gesangsbuch sind neben hebräischen Texten in lateinischer Schrift Naški-Übersetzungen und fallweise auch Texte auf Ladino zu finden, der Sprache der Sephardim, die auf mittelalterlichem Spanisch basiert.

Die alten Sprachen sterben aus

Es ist, wie auch das Jiddische, diese liebevolle Schwester des Deutschen, in dieser Stadt eine Sprache, die zum Aussterben verdammt scheint.

„Von den Älteren sprechen noch einige Ladino“, sagt mir Benina. „Aber sie sind großteils schon so alt, dass sie es den Kindern nicht mehr beibringen können.“ Für Jiddisch gilt das Gleiche.

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Dass Ladino und Jiddisch wohl aussterben, liegt auch am letzten Krieg. Hunderte jüdische Sarajili sind aus der Stadt geflohen. Vor allem nach Israel, das Rettungsaktionen organisiert hat.

Auch etliche Bosnjaken, muslimische Bosnier, hat die israelische Regierung damals aufgenommen. Vor allem die Nachfahren derer, die im Zweiten Weltkrieg Juden gerettet haben, die bosnjakischen Gerechten unter den Völkern. Israel vergisst seine Freunde nicht.

700 Juden leben heute in der Stadt. Vor allem Alte und ganz Junge.

Die, die während des Krieges jung waren, leben heute in Israel, in Kanada, Australien oder Österreich.

So wie Tatjanas Sohn. „Er lebt seit 1992 in Tel Aviv, hat dort einen guten Job, eine wunderbare Frau und zwei wunderbare Kinder“, erzählt sie mir strahlend während meines Besuchs am Nachmittag.

Wir sitzen im Außenbereich der Kantine der legendären Hilfsorganisation La Benevolenza/La Benevolencija im Erdgeschoss der Synagoge.

Um ihren Sohn zu besuchen, braucht Tatjana als bosnische Staatsbürgerin ein Visum. Das kann sie nur in Beograd beantragen.

Hier heißt der türkische Kaffee noch türkischer Kaffee

Der Kellner fragt mich, was ich trinken möchte.

„Kaffee, bitte“, sage ich.

„Wir haben aber nur türkischen Kaffee“, sagt er. „Ja, gerne“.

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Ich stutze kurz. Er hat wirklich türkischer Kaffee gesagt, „turska kafa“. Das erste Mal, dass ich dieses Wort höre, seitdem ich in Sarajevo bin.

In bosnischen Lokalen wird er nur mehr als domaća kafa angeboten. „Einheimischer Kaffee“.

Nicht anders ist es in Serbien und Kroatien.

Nur in der Synagoge von Sarajevo ist türkischer Kaffee noch türkischer Kaffee.

Tatjana nippt an ihrem Pelinkovac mit Eis und Zitrone.

Die unglaubliche Geschichte von Tatjanas Mutter

„Also, aus Wien bist du? Na schau, ich bin ja halbe Wienerin und ganze Jüdin“, sagt sie und lacht herzlich.

„Meine Mutter ist in Wien geboren, als Helene Hirsch.“

Ihr Vater, ein Serbe, hat sie beim Studium kennengelernt. Hier haben sie geheiratet. Helene Hirsch nannte sich fortan Jelena.

Das habe ihr das Leben gerettet, sagt Tatjana. Die Ustaša hielten sie nicht für eine Jüdin sondern für eine Serbin. Offenbar gehörte sie in den Augen der Ustaša nicht zu dem Drittel Serben in ihrem Herrschaftsbereich, das man sofort umbrachte – das waren bis Kriegsende mindestens 600.000.

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Mit Aunahme einer Tante wurde die österreichische Seite der Familie von den Nazis ermordet. „Im Loger“, sagt Tatjana.

Die sozialen Probleme sind eine Belastung

Tatjana bestellt sich einen zweiten Pelinkovac und nimmt ihre Sonnenbrille ab. Mich lädt sie auf ein Bier ein.

„Weißt du, mir geht es eigentlich gut hier. Ich habe eine schöne Wohnung und bin seit zwei Jahren in Pension. Davor war ich Sekretärin bei Kultureinrichtungen, zuletzt in Skenderija, wenn du das kennst.“

Sie zeigt mir Fotos von ihrer Wohnung, von Freundinnen und von Ausflügen.

Das Leben hier könnte schön sein, meint Tatjana, wäre da nicht die Armut. Vor allem bei den Jungen. Die Jugendarbeitslosigkeit in Bosnien liegt bei 60 Prozent.

Mitanzusehen wie die Jungen keine Perspektiven in ihrer Heimatstadt haben, setze auch ihr zu, sagt Tatjana. „Wenn ich heute jung wäre, ich würde sofort gehen.“

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Aber genug der trüben Gedanken sagt Tatjana. Sie streicht sich das Haar zurecht und setzt ihre Sonnenbrille wieder auf. „Ich muss noch zum Friseur heute. Morgen habe ich Geburtstag, da schmeiß ich eine Party und will natürlich gut aussehen.“

Der Antisemitismus ist nach Bosnien gekommen

Manche andere Gemeindemitglieder machen einen weniger optimistischen Eindruck. Hinter vorgehaltener Hand erzählt man mir, nicht nur die wirtschaftliche Lage sei Grund auszuwandern.

Vielen macht auch Sorgen, dass sich Antisemitismus in Bosnien ausbreitet.

Den Boden hat die Perspektivenlosigkeit weiter Teile der Bevölkerung aufbereitet. Hier haben sich in den vergangenen 20 Jahren religiös-politische Strömungen breitgemacht. In den bosnjakischen Regionen sind das verschiedene Spielarten des Islamismus, die ehemalige Bosnien-Freiwillige aus Arabien und Afghanistan und türkische und arabische Investoren mitgebracht haben.

„Ich fühle mich hier nicht mehr sicher“, sagt mir ein Gemeindemitglied. „Aber schreib ja nicht meinen Namen.“

Vergangenes Jahr hat ein Bosnjake Eli Tauber, prominenter Schriftsteller und Funktionär der Kultusgemeinde, in einem Cafe in der Innenstadt mit einer schweren Kette attackiert und verletzt.

Ebenfalls im Vorjahr kam es bei einem EURO-Qualifikationsmatch zwischen Bosnien und Israel zu antisemitischen Ausschreitungen.

Das alarmiert in einer Gesellschaft, die genauso wie die serbische keine antisemitische Tradition hat. Die Attacke auf Tauber soll der erste gewalttätige Übergriff auf einen Juden seit dem Zweiten Weltkrieg gewesen sein.

Andere sehen die Situation nicht so dramatisch.

Das reiche Erbe einer kleinen Gemeinde

Ghettos hat es  nie gegeben. Die Versuche, den Juden eine eigene Mahala zuzuweisen, ein eigenes, nicht ummauertes, Stadtviertel, blieben weitgehend erfolglos. Die Juden Sarajevos gehörten immer so zur Stadt wie alle anderen auch.

Das äußerte sich immer auch in der Hilfsorganisation La Benevolencija. Sie verstand sich, wiewohl betrieben von der jüdischen Gemeinde, immer als überkonfessionell. Während der Belagerung im Bürgerkrieg hat sie Medikamentenlieferungen nach Sarajevo organisiert und eine Suppenküche betrieben. Für alle, von allen. Juden, Bosnjaken, Kroaten, Serben halfen mit. Juden, Bosnjaken, Kroaten, Serben wurde geholfen. Diese kleine Hilfsorganisation wurde zum Symbol des Glaubens an eine gemeinsame Stadt, ein gemeinsames Land.

In Sarajevo ist heute eine Straße nach der Organisation benannt. Eine niederländische NGO hat sich 2002 nach ihr benannt, um ihre Ziele auf internationaler Ebene weiterzuverfolgen.

Und nicht zuletzt ist die Sarajevo Haggadah, eine mittelalterliche jüdische Handschrift, das Prunkstück der Sammlung des bosnischen Nationalmuseums. Den Zweiten Weltkrieg hat es nur unter Mithilfe der muslimischen Bevölkerung überstanden.

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The world famous Sarajevo Haggadah (c) Ziyah Gafić

Keine Sicherheitskontrollen in der Synagoge

Bis heute sind die Verbindungen zwischen der offiziellen Israelitischen Kultusgemeinde und Behörden sowie der Islamischen Religionsgemeinschaft eng und betont herzlich.

Kultusgemeinden-Präsident Jakob Finci streicht das gute Verhältnis hervor und feiert gemeinsam mit muslimischen Vertretern Rosh Hashannah in der Alten Synagoge und wird umgekehrt zu hohen muslimischen Feiertagen eingeladen.

Bis heute steht die Neue Synagoge, die einzige, die regelmäßig in Betrieb ist, allen Besuchern offen. Ausweiskontrollen oder Sicherheitskontrollen sind nicht notwendig. Anders als in Wien, wo neben österreichischen Rechtsextremen neuerdings Islamisten zum Sicherheitsrisiko geworden sind.

Das ist eine bewusste Strategie, sagt Finci gegenüber Medien.

Unsere Offenheit ist unsere Sicherheitsgarantie, denn dadurch zeigen wir, dass wir nichts zu verbergen haben und in unserem Land nichts befürchten.

Die Kooperationen erstrecken sich auf die alltägliche praktische Ebene.

„Das Gebet ist das gleiche“

„Wir haben kein koscheres Restaurant und keine koscheren Fleischereien“, sagt Benina während der Führung durch die Synagoge. „Wir akzeptieren das Halal-Zertifikat. Die Schlachtung ist ja die gleiche und das Gebet des Hodža ist für uns das gleiche wie das des Rabbiners.“

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Dass es freilich abseits spektakulärer Vorfälle auch im Alltag zu unschönen Veränderungen gekommen ist, lässt ein Kommentar Tatjanas erahnen, die sich ansonsten betont freundlich über das Zusammenleben in der Stadt äußert.

„Früher, im Kommunismus, da hat dich nie jemand gefragt, welche Religion du hast. Heute ist das wieder ein Thema.“

Kultusgemeinde zeigt sich optimistisch

Das betrifft nicht nur Juden sondern alle. Das einzige Unterscheidungsmerkmal zwischen den Hauptethnien in Bosnien ist die Religionszugehörigkeit. Wer weder muslimisch noch orthodox noch katholisch ist, irritiert – bei aller historischen Toleranz.

Dieser unangenehmen Dynamik zum Trotz blickt zumindest die offizielle Gemeinde optimistisch in die Zukunft. Im Vorjahr haben Gemeindemitglieder zehn Kinder bekommen, sagt Gemeindepräsident Jakob Finci. So viele wie seit Jahren nicht.

Gesetzt den Fall, dieser Trend bleibt bestehen und die Kinder treten in die Kultusgemeinde ein, könnte das langfristig das physische Überleben der jüdischen Gemeinde von Sarajevo sichern. Wenn auch auf einem Niveau, das weit entfernt ist von der goldenen Zeit der Juden von Sarajevo.

Foto der Sarajevo Haggadah: (c) Ziyah Gafić, auf flickr.com unter CC license CC BY-NC-SA 2.0.

Diese Reportage ist auch bei den Ruhrbaronen erschienen.