Der König beißt sich in den Arsch

Auf der Knez Mihajlova sitzt eine Hochschwangere auf dem Steinpflaster und bettelt. Die Kleinstädte huldigen dem Staatsoberhaupt. In Bela Crkva im Banat ist der SNS etwas passiert. Eine Skizze aus dem Königreich des Aleksandar.

Es kann nicht lange dauern, bis König Aleksandar einen neuen Untertanen hat.

Vier bis acht Wochen hat die Frau vielleicht noch an ihm zu tragen, die am kalten Straßenpflaster der Knez Mihajlova in Beograd sitzt und sich gegen eine Hausmauer lehnt.

Polster hat sie keinen.

Vor ihr ein Papierteller und ein Papierzettel, auf dem die Menschen um Spenden gebeten werden.

Die werdende Mutter ist keine Romni, sofern man das dem Augenschein nach sagen kann.

Wäre sie es, würde das die Sache nicht besser machen.

Eine Hochschwangere, die auf der Straße bettelt, ist immer eine Tragödie.

Es wäre nur etwas weniger überraschend.

Roma werden am ganzen Balkan diskriminiert. Das Königreich des Aleksandar ist keine Ausnahme.

Die Diskriminierung schafft eine eigene, brutale, Armutskultur unter vielen Betroffenen. (Siehe etwa HIER.)

Auch unter Romni wäre eine hochschwangere Bettlerin eine sehr seltene Ausnahme – eine, die ich noch nie gesehen habe.

Eine hochschwangere ethnische Serbin ist noch um einiges schwerer vorstellbar.

Selbst für jemanden, der das Königreich des Aleksandar regelmäßig bereist und hier einiges an offener Armut gesehen hat. (Siehe etwa DIESE Reportage.)

Eine Hochschwangere, die auf offener Straße bettelt – das ist in dieser Hinsicht das wahrscheinlich Härteste, das ich je gesehen habe.

Offene Armut gibt es in fast allen Nachfolgestaaten Jugoslawiens.

Allein, das Königreich des Aleksandar ist der wirtschaftlich dynamischste Staat der Region, heißt es offiziell.

Die Pensionisten können sich sogar zwei Extrawürste leisten, heißt es.

Offene Armut sollte es seit Jahren nicht mehr geben.

In jedem Kaff lacht einen das Staatsoberhaupt an

Wovon man auch glauben möchte, dass es so etwas heutzutage nicht mehr gibt, sind Dinge wie diese Plakatwand, die man hier in jeder Kleinstadt sieht.

Ob du durch Kovin fährst, Vračev Gaj oder Dubovac, überall das überlebensgroße Staatsoberhaupt.

Oder erinnern dich zumindest daran, wer im Land das Sagen hat.

Sicher ein Beweis der aufrechten Liebe im Jahr 2023.

Es kann gar nicht anders sein.

Vor allem nicht, wenn man sieht, wie mit jedem Kilometer weiter Richtung Rumänien die Häuser mehr und mehr verfallen.

Was sonst fällt einem in der Situation ein als dem Staatsoberhaupt zu huldigen?

Die Straßen sind in Ordnung

Immerhin, die Straßen sind in gutem Zustand.

Man kommt auf ihnen schneller nach Deutschland oder Österreich als die knappe Million Serben, die in den vergangenen 30 Jahren ausgewandert ist.

Allein von 2021 auf 2022 sank die Bevölkerung von 6.834.326 auf 6.664.449, berichtet das Statistische Zentralamt in einer Schnellschätzung.

Etwa ein Drittel dieses Rückgangs geht auf Übersterblichkeit zurück.

Für bessere Straßen in die richtige Richtung kann man da als durchschnittlicher Einwohner durchaus dankbar sein.

König Aleksandar beißt sich in den Arsch

Weniger dankbar ist wahrscheinlich König Aleksandar für die Arbeit seiner Vasallen in Bela Crkva im Banat.

Bei meinem Besuch im Frühsommer hatte das örtliche Büro der klerikalnationalistischen Partei SNS immer noch ein Plakat aus dem letzten Wahlkampf im Vorjahr im Schaufenster hängen.

Za našu decu.

Für unsere Kinder.

Das mutete damals etwas bizarr an.

Damals gingen hunderttausende nach dem Amoklauf eines 13-Jährigen an einer Grundschule in Beograd auf die Straße.

Der hatte neun Schüler und eine Lehrerin erschossen.

Die bis heute andauernden Massenproteste richten sich unter anderem gegen die Politik des serbischen Regimes.

Dass dessen führende Partei den Slogan „Für unsere Kinder“ im Schaufenster hängen hat, kommt da vielleicht nicht so gut.

Vor allem auch nicht, wenn man bedenkt, welche Perspektiven die Kinder in dieser Kleinstadt haben.

Sieht man vom – schön restaurierten – historischen Stadtkern ab, verfällt Bela Crkva.

Jedes zweite Geschäft steht leer.

Da wird jemand einiges für die Kinder dieser Stadt tun müssen.

Mehr als man für die Kinder in der Beograder Schule getan hat.

Weitere Skizzen aus dem Königreich des Aleksandar findet ihr HIER und HIER.

Mehr über Bela Crkva könnt ihr bald hier in einer eigenen Geschichte lesen, die viel mit dieser Kleinstadt zu tun haben wird.

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