Rassismus gegen Roma wird am Balkan und anderen Teilen Osteuropas offen ausgelebt. Zu der hier beschriebenen Szene im Zentrum von Beograd hätte genauso gut in Sarajevo, Bratislava oder Budapest kommen können.

Der Stein fliegt. Er trifft die vielleicht 18-jährige Romni am Rücken. Sie dreht kaum den Kopf in Richtung des Steinewerfers.

Ein zweiter weißer Kieselstein verfehlt die Frau mit einem etwa zwei oder drei Monate alten Kind im Arm eine Sekunde später nur knapp.

Der Werfer, ein weißhaariger Belgrader, beschimpft die Frau. Er greift nach einem dritten Stein.

Er will sie aus dem Gastgarten in einer Seitengasse der Knez Mihailova vertreiben und, wenn man sein wutentstelltes Gesicht interpretiert, überhaupt aus Beograd und schreit auf sie ein.

Kein Passant greift ein, auch nicht die Gäste am Nebentisch. Der Kellner des Cafes schon gar nicht. Ich bin der einzige, der, nach einer Schrecksekunde, reagiert und springe auf.

Niemand reagiert

Als ich den Mann anschreie, lässt er den schon aufgehobenen Stein sinken und sieht mich an. In seinem Gesicht spiegeln sich Unverständnis und so etwas wie Verachtung für mich wider. Er fühlt sich undankbar behandelt, dreht sich um und geht seiner Wege.

Die Romni bleibt neben mir stehen, wirkt eher unberührt von den Ereignissen. Sie brauche Milch für ihr Baby, sagt sie mehrmals. Dass sie die Worte beinahe flüstert, würde sie beinahe schüchtern wirken lassen, wäre sie nicht so nachdrücklich.

Ich gebe ihr ein wenig Geld.

Die anderen Gäste wollen mit dem Mädchen sichtbar nichts zu tun haben.

Meine Reaktion auf den Steinewerfer löst eher Kopfschütteln aus als Solidarität mit einer Frau, die gerade mit Steinen beworfen wurde.

Der Kellner bezeichnet meine Reaktion als überzogen. Der Steinewerfer habe mich nur vor dem Romni-Mädchen beschützen wollen. „Diese Leute sind sehr lästig“, sagt er.

Die Gäste sekundieren. „Man weiß ja nicht einmal, ob das Kind ihr Kind ist. Die gehen ja nur mit den Babies betteln, um Mitleid zu erhaschen“.

Zuerst kommt das Fressen, dann kommt die Moral

Dass ein Baby den Mitleidsfaktor erhöht und die Chance, die Geldbörsen der aus Roma-Perspektive nahezu unendlich wohlhabenden Belgrader, dass das auch bewusst eingesetzt wird – geschenkt.

Betteln ist der Beruf der jungen Frau. Sie ihn vermutlich nicht aus dem Gefühl gewählt, er bringe ihr die innere Erfüllung. Will man ihr zum Vorwurf machen, dass sie sich bemüht, ihren Beruf so gut auszuüben wie unter den Umständen möglich?

Würde es das Risiko für ein zwei oder drei Monate altes Kind, von einem Stein getroffen zu werden, in irgendeiner Weise minimieren, wäre es nicht das eigene Kind dieses jungen Mädchens sondern sein jüngstes Geschwisterchen?

Wer keine Arbeit findet, sei es als Folge gezielter Diskriminierung, sei es aus Mangel an schulischer Bildung, ist auf die nicht sonderlich üppigen Sozialleistungen Serbiens angewiesen.

Betteln und wahrscheinlich auch oft Stehlen werden zur Überlebensfrage. Um es mit Bert Brecht zu sagen: „Zuerst kommt das Fressen und dann kommt die Moral“.

Das ist lästig für Mitmenschen, die nicht so weit unten in der sozialen Hackordnung stehen. Angebettelt zu werden, ist nicht angenehm. Elend zu sehen, von dem man vielleicht auch noch Angst hat, es könnte einen selbst treffen, verunsichert, lässt wegschauen, macht den einen oder anderen aggressiv.

Bleibt auch die Frage, ob man von Menschen verlangen kann, sich an die Ordnung einer Gesellschaft zu halten, die sie ständig zurückweist und ausgrenzt.

Müllberge hoch wie Hütten

Mir fallen die Eindrücke von meiner Zugfahrt ein. Kurz vor der Station „Novi Beograd“ liegt  links von den Gleisen ein Roma-Ghetto, das nicht am Stadtplan aufscheint. Es liegt praktisch unter einem Verteilerkreuz der Stadtautobahn.

„Karton City“* nennen es die Belgrader. Die Müllberge sind hier so hoch wie die Hütten, die großteils aus Wellblech und Karton bestehen. Autoreifen halten die Plastikplanen fest, die als Dächer dienen.

Dazwischen Autowracks, fallweise wirkt ein Pkw sogar fahrtauglich. Die Bewohner dieses Stadtteils schaffen den Müll selbst hierher, durchsuchen ihn nach Brauchbarem. Über die hygienischen Bedingungen hier will man lieber nicht nachdenken.

Das Viertel aus der Nähe zu sehen ist so gut wie unmöglich. Taxifahrer weigern sich entweder offen, hierher zu fahren oder geben vor, es nicht zu kennen.

Von hier und anderen Elendsquartieren aus brechen, so erzählen mir des Rassismus unverdächtige Belgrader, jeden Morgen die Einwohner auf, um irgenwie an Geld zu kommen. Gelegenheitsjobs in meist eher wenig erstrebenswerten Tätigkeiten, Betteln, Wahrsagen. Großteils unsichtbar für Touristen.

Die vergleichsweise wenigen Roma, die man im Stadtzentrum sieht, betteln meist. Da schaut der Großteil der fremden Gäste, wie die Mehrzahl der Belgrader, wahrscheinlich lieber weg. Mit Armut will man nichts zu tun haben.

Das Ignorieren des Problems ist psychologisch verständlich in einer Stadt, wo es sich der Großteil der Bewohner zur Aufgabe gemacht hat, die eigene Armut hinter teurer Kleidung und ostentativer Lebenslust zu verbergen, gepaart mit einer gewissen Kreativität an Geld zu kommen.

Die Vorurteile sitzen tief und werden nicht versteckt

Man wird nicht gerne an Leute erinnert, denen es noch schlechter geht. Vor allem, wenn man Vorurteile hat. „Die wollen nix arbeiten und machen so viele Kinder, weil sie Unterstützung vom Staat bekommen wollen“, höre ich.

„Selber schuld, wenn sie nicht in die Schule gehen“ sagen viele gut ausgebildete und selbst schlecht verdienende Belgrader. Dass „Zigeuner“ überhaupt nur stehlen und einem unnütz auf der Tasche liegen, ist die wahrscheinlich gängigste Meinung hier.

Irgenwie treibt der sich selbst als gesetzestreu sehende Belgrader schon einschlägige Schauergeschichten auf, wenn man die gewagte These anzweifelt.

Es braucht nicht viel, diese Ressentiments an die Oberfläche zu bringen. Ich muss praktisch nur in Richtung eines Rom oder einer Romni schauen, um von irgendjemandem darauf angesprochen zu werden. Der Hass auf Roma sitzt in einem großen Teil der Bevölkerung so tief, dass man sie ohne den Funken des schlechten Gewissens offen ausspricht.

Lustig ist das Zigeunerleben

Rom oder Romni zu sein am Balkan oder überhaupt in Osteuropa ist eher nicht so einfach. Doch gibt es Nischen, in denen sie gerade hier anerkannt werden, auch wenn diese, höflich ausgedrückt, auch eher ins Klischeefach passen.

Roma-Bands mit ihren Blasmusikinstrumenten sind aus dem Stadtbild von Beograd nicht wegzudenken und gehören auch ein wenig zur serbischen Folkore. Plötzlich ist man auch vor Touristen stolz auf „unsere“ Musiker.

Auch in Skardalija, dem kleinen Bohemien-Viertel, spielen Roma-Musiker auf. Meist sind sie Mitglieder von Bands, die eine Mischung aus „Narodna Musika“, Volksmusik btw. volkstümlicher Musik, Roma-Balkan-Musik und Evergreens aufspielen.

Ethnische Grenzen gibt es hier nicht. Die Mitglieder sind Roma, Serben und Angehörige sonstiger ethnischer Gruppen in dieser Weltgegend.

Die Lokalbesitzer im Viertel sind stolz auf ihre Live-Musik. Sie ist das Aushängeschild von Skardarlija.

Das Klischeefach Wahrsagerin

In gewissen Kreisen erfreuen sich auch Wahrsagerinnen und Heilerinnen einer Beliebtheit und können es auf ein für serbische Verhältnisse respektables Einkommen bringen, erzählt mir eine Freundin in Wien. Sie ist Romni aus Beograd.

Im zu einem erheblichen Teil landwirtschaftlichen Serbien ist klassischer Aberglaube durchaus verbreitet. Es sind mehrheitlich, aber nicht ausschließlich, Roma, die diese Bedürfnisse bedienen, erzählt mir Sabrina. Als gut empfundene Wahrsagerinnen würden auch von der serbischen Bevölkerung akzeptiert, sagt sie.

Wie der modernisierten Form des Aberglaubens im Westen, der Esoterik, lässt sich vermutlich keine scharfe Grenze ziehen zwischen Wahrsagerinnen, die ihre Mythen selbst glauben und denen, die es besser wissen und ihre Kunden betrügen.

Nischendasein am Flohmarkt

Auch auf den omnipräsenten Straßenmärkten am Rande des Stadtzentrums sieht man gelegentlich Roma. Hier wird auch die Armut der Stadt deutlich, die man andernorts besser versteckt.

Menschen versuchen zu überleben, indem sie einzelne Klopapierrollen verkaufen. Mit einem Flohmarkt in unserem Sinn hat das nur mehr wenig zu tun. Hier findet sich alles, was irgendwie zu Geld zu machen ist. Ein klassischer Balkanmarkt eben.

Wer es abseits dieser Nischen versuchen will, stößt bald auf Grenzen, erzählt mir Sabrina. Eine Einschätzung in der ihr aufgeklärte Serben in Belgrad Recht geben.

Die Kindheit endet schnell

Die Armut zwinge die Roma, mit 14 oder 15 die Schule zu verlassen. Viel haben sie bis dahin häufig nicht beigebracht bekommen. Lehrer und Mitschüler diskriminieren sie offen. Das wird von Aufsichtsbehörden und Gesellschaft oft genug geduldet.

Junge Roma müssten spätestens mit diesem Alter mithelfen, die Familie zu erhalten. „Wenn sie nicht schon vorher zum Betteln mitgenommen werden“, sagt mir eine Freundin. „Leider brauchen die Eltern oft früher die Kinder – weil sie eben Mitleid erregen und man so wenigstens ein bisschen erbetteln kann“.

Dass sehr kleine Kinder zum Geldverdienen herhalten müssen, ist nicht auf Roma beschränkt. Rosen in den Belgrader Lokalmeilen werden fast ausschließlich von Kindern verkauft, viele nicht älter als fünf oder sechs Jahre.

Dass es so eine Kindheit erschwert, die nötige Bildung für einen geregelten Arbeitsplatz zu erwerben, liegt auf der Hand.

Wie wird es diesem Baby ergehen?

Das ist, wie ich befürchte, auch das Schicksal, das dem Baby am Arm der jungen Romni bevorsteht. Als sie, immer noch relativ unbeeindruckt vom Angriff auf sie, ihrer Wege geht, frage ich mich, was aus dem Baby werden wird.

Noch bekommt es von alldem nichts mit, schläft friedlich und glücklich am Arm der jungen Frau. Wie wird sich dieses Kind fühlen, wenn es alt genug ist, seine Umwelt aktiv zu erleben und vor allem, dass es von den meisten außerhalb des unmittelbaren Umfelds angefeindet wird?

Das wird in zwei, drei Jahren der Fall sein. Wohl kaum Zeit genug, um Gegenmaßnahmen zu treffen, die dem Kind dieses Schicksal ersparen könnten.

Reportage: Max Bitter
Foto: Izpod Gazele, (c) Miloš Milošević, CC License

*Diese Reportage wurde ursprünglich 2008 geschrieben. „Karton City“ wurde 2012 geschleift, als sich die serbische Hauptstadt fit für westliche Touristen beim European Song Contest machte. Zeichen von Armut und Diskriminierung wurden aus dem Stadtbild entfernt, dieser Kampf gegen Arme verdrängte die Betroffenen noch weiter an den Rand der Gesellschaft.