Eine Statute des serbischen Nationalheiligen Stefan Nemanja soll die Beograder dafür entschädigen, dass ein ganzes Stadtviertel rund um den ehemaligen Hauptbahnhof einem Milliardenspekulationsgeschäft mit Immobilien geopfert wurde. Die Entstehungsgeschichte des offenkundig sündhaft teuren Projekts scheint freilich eine nahtlose Fortsetzung des korruptionsverdächtigen Projekts „Belgrade Waterfront“ zu sein.

Wie ein schlecht gesetzter Strommast stehen die 23 Meter nationalistischen Kitsches vor dem ehemaligen Beograder Hauptbahnhof herum.

Ein paar Meter zu weit rechts, um in die Sichtachse der Ulica Nemanjina zu passen.

Ein paar Meter zu weit links für die Sichtachse vom stillgelegten Beograder Hauptbahnhof aus.

Ein schlechter Kompromiss, wie so ziemlich alles, was am Projekt Belgrade Waterfront nicht gerade unter akutem Korruptionsverdacht steht.

Wem der serbische Großfürst des 12. Jahrhunderts, gestorben als Mönch, sein Schwert entgegenstreckt, ist für den Betrachter nicht klar.

Der Stadt mit ihren modernen Errungenschaften den Hügel aufwärts?

Eine Triumphgeste wird es kaum sein.

Was der Heilige verdecken soll

Mit Ausnahme des Bahnhofs, vor den man den Bronze-Koloss assymetrisch platziert hat, ist alles, was hinter ihm steht, dem milliardenschweren Spekulationsprojekt Belgrade Waterfront geopfert worden, hinter dem arabische Investoren stehen.

Der Bahnhof ist auch nur mehr das Gerippe, wenngleich ein frisch renoviertes.

Züge sind hier seit Jahren keine mehr gefahren. Die Gleise waren den teuren Wohnungen im Weg. (Balkan Stories berichtete, siehe HIER.)

Die Zukunft des Busbahnhofs unmittelbar neben dem Bahnhof ist weiter in Schwebe.

Auch er soll der Belgrade Waterfront weichen, heißt es. Nur scheint die Einigung auf den Ausweichstandort vertagt.

Was es noch an Infrastruktur für Reisende gibt im noch existenten Teil des Savamala-Viertels, stirbt vor sich hin.

Kleine Reisebüros, Büros kleiner Busgesellschaften, kleine Geschäfte mit Reisebedarf, kleine Cafes und Immbisslokale, der Reihe nach geschlossen.

Sogar das eine oder andere Wettbüro.

Mit den Zügen bleibt die Hälfte der Kunden fern. Die andere Hälfte wird mit dem Busbahnhof verschwinden.

Wer will da schon durchhalten?

Die Posse um das Schwert

Ursprünglich hätte der Heilige ein Kreuz halten sollen.

Aus Rücksicht auf die arabischen Eigentümer hat man das bleiben lassen.

Bekommen haben die Araber ein Schwert.

Bildhauer Aleksandar Rukavišnjikov stellt das in der Öffentlichkeit anders dar. Von einem Kreuz in der Hand sei nie die Rede gewesen, sagt er gegenüber der Seite gradnja.rs.

Rukavišnjikov ist Russe.

Die Statue als Ausdruck „charakteristischer Sensibilität“

Freilich, die Architekturseite betont auch, dass die Statue Ausdruck der „charakteristischen Sensibilität russischer Bildhauer“ sei.

Man mag sich kaum vorstellen, wie das 68 Tonnen schwere Ungetüm aussehen würde, wenn Rukavišnjikov es unsensibel angegangen wäre.

Das Podest der Statue etwa ist eine Kuppel aus einem stilisierten Helm samt Nackenschutz aus Kettenrüstung.

Überraschungsei nennen das Podest manche Beograder. Auch andere sind nicht restlos begeistert, wie etwa die BBC aufzeigt.

Im Inneren sind Szenen aus dem Leben des historisch belegten Großfürsten Stefan Nemanja in einem Stil nachgestellt, wie er für orthodoxe Kirchen typisch sein mag.

Für Statuen ist er das seit mehr als 100 Jahren nicht mehr.

Dagegen mutet die nationalistenkitschige Orgie im Stadtzentrum von Skopje noch „charakteristisch sensibel“ an (siehe HIER).

Immerhin, man kann das Helm-Podest des Heiligen Nemanja betreten.

Das mag nicht das Sava-Ufer sein, aber es ist auch etwas.

Die Kosten sind ein Staatsgeheimnis

Offensichtlich hat der Heilige Nemanja sehr viel Geld gekostet.

Die Rechnung hat – zumindest zum Großteil – die Stadtregierung von Beograd beglichen.

Wie viel sie bezahlt hat, erfährt man in den elendlangen Berichten über die Einweihung der Statue nicht, wie etwa die Homepage des staatlichen Senders RTS belegt.

Als Ausgleich lässt der Sender den serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić über serbische Geschichte, Gegenwart und Zukunft schwadronieren.

Unterstützt von Milorad Dodik, dem selbst ernannten Schutzpatron des bosnischen Serbentums.

Der Name Belgrade Waterfront fällt in den salbungsvollen Reden kein einziges Mal.

Der Hauch der Korruption

Warum sollte man auch das größte Privatisierungsprojekt öffentlichen Raums und historischer Stadtteile in der Geschichte der serbischen Hauptstadt erwähnen, wenn es um eine Statue geht, mit der die Beograderinnen und Beograder offernsichtlich für die Verluste entschädigt werden sollen, die ihnen das milliardenschwere Projekt zugefügt hat.

Vielleicht würde sich ja jemand an jenen Vorfall erinnern, wo spätnachts Maskierte mit Abrissgerät vor dem historischen Haus eines Mannes auftauchten, der partout nicht an Belgrade Waterfront verkaufen wollte.

Die Unbekannten rissen das Haus ab.

Die Polizei tauchte erst danach auf. Und sucht seitdem, ganz hartnäckig, wie sie betont, nach den Unbekannten.

Wozu groß darüber reden, dass die Kosten für den Koloss vor dem ehemaligen Hauptbahnhof Staatsgeheimnis sind?

Das würde den zarten Geruch der Korruption möglicherweise auch rund um den Heiligen wehen lassen.

Das können Leute wie Vučić und Dodik nicht brauchen.

Sie haben in der serbisch-orthodoxen Kirche und ihrer Interpretation der serbischen Geschichte eine wichtige Stütze ihrer Herrschaft entdeckt.

Da beschäftigt man sich lieber mit dem Inneren des begehbaren Helms mit seiner Heiligen- und Heilsgeschichte, wie sie vielleicht nicht waren, aber sein hätten sollen.

Was braucht das Herz mehr?

Die Zehntausenden, die jährlich das Land verlassen, würden sagen: Einen Magen gäbe es auch noch, und der braucht Essen.

Nur, die sind ohnehin weg.

Patriarchen klatschen, Folkloregruppen tanzen.

Und der Heilige Nemanja steht immer noch außerhalb aller Sichtachsen wie ein schlecht platzierter Strommast.