In Sarajevo haben heute bis zu 10.000 Menschen gegen die Vertuschung der Morde an Dženan Memić und David Dragičević demonstriert. Die Morde an den beiden jungen Männern sind in Bosnien zum Symbol für Korruption und Behördenversagen geworden. Menschen aus dem ganzen Land kamen zu einer der größten Demonstrationen in Bosnien seit dem Krieg.

„Ich sehe heute ein einiges Bosnien“, begrüßt Muriz Memić von der Bühne aus die bis zu 10.000 Demonstranten am Trg Susan Sontag vor dem Nationaltheater.

Er untertreibt nicht.

Banja Luka, Zenica, Mostar, Travnik, Tuzla, steht auf vielen Schildern, sogar aus Bihać haben Busse Protestteilnehmer gebracht.

Bild: Nino Maričić

Es nicht nur ganz Bosnien hier vertreten.

Auch aus Beograd und Rožaje sind Teilnehmer angereist, um Gerechtigkeit für Dženan Memić und David Dragičević zu fordern.

„Pravda za Dženana, Pravida za Davida“, ruft die Menge vom vollen Platz Muriz entgegen, Dženans Vater.

Mit Unfähigkeit allein sind die Ermittlungspannen nicht mehr zu erklären

Seit mehr als fünf Jahren ist der Mord an Dženan in Sarajevo ungeklärt. Daran ändert auch die Festnahme von fünf Verdächtigen nichts – unter ihnen Dženans Ex-Freundin.

David Dragičević wurde vor dreieinhalb Jahren in Banja Luka ermordet. Auch seine Mörder sind unbekannt.

In beiden Fällen sind Ermittlungsfehler passiert, die sich mit Schlamperei nur mehr schwer erklären lassen.

Dženans Mord wurde zunächst als Verkehrsunfall dargestellt, der gewaltsame Tod von David wurde ohne Beweise ins Drogenmilieu gerückt.

Erst Privatgutachten im Auftrag der Familien ließen die offiziellen Versionen kollabieren – und brachten, mit Hilfe von viel öffentlichem Druck die Behörden dazu, doch zumindest so zu tun, als würden sie ernsthafte Mordermittlungen führen.

Nicht nur die Familien vermuten, dass die Ermittlungsbehörden des Kanton Sarajevo und der Republika Srpska die Mörder der jungen Männer decken.

Ob Vertuschung anfänglicher Ermittlungspannen oder Verschwörung zugunsten von Mitgliedern von Bosniens korrupter politischer und wirtschaftlicher Führungskaste – längst sind die Bewegungen Pravda za Dženana und Pravida za Davida Symbol für den Kampf der bosnischen Bürger gegen ein System geworden, das sie seit dem Krieg zynisch im Stich lässt.

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Es ist auch ein Protest gegen den Nationalismus, der das Land lähmt und spaltet

Und dafür, dass dieser Kampf alle Landesteile, alle Nationalitäten, Menschen aller Religionsbekenntnisse vereingt in diesem Bosnien, dessen Führungskaste seit dem Krieg den serbischen, bosnjakischen oder kroatischen Nationalismus bedient, um an der Macht zu bleiben.

Kein einziger Appell heute an Kroaten, Serben oder Bosnjaken. keine positive Bezugnahme auf die beiden Teilstaaten Republika Srpska und Federacija, die serbisch bzw. bosjnakisch und kroatisch dominierten Entitäten, in die Bosnien seit dem Dayton-Vertrag geteilt ist.

Der Protest der 10.000 richtet sich auch und vielleicht sogar vor allem dagegen, dass Bosniens drei größte Bevölkerungsgruppen weiter gegeneinander ausgespielt werden, um Korruption und Behördenversagen zuzudecken.

Nur gemeinsam kann in der Überzeugung der Teilnehmer der Kampf für eine Zukunft für die Menschen in Bosnien gelingen.

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Die beiden Pravda-Bewegungen wurden ursprünglich unabhängig voneinander gegründet – heute gelten sie als untrennbar miteinander verbunden.

Die Eltern der Mordopfer und ihre Unterstützer erkannten schnell, dass sie gegen die gleichen Probleme ankämpften – ob sie nun Bosnjaken seien oder Serben.

Und dass die Probleme nur gemeinsam, als Bosnier, überwunden werden könnten.

Zumindest kleine Teilerfolge gibt es: In Dženans Fall sind mehrere Verdächtige festgenommen worden.

Und mittlerweile verhält sich die Polizei im Kanton Sarajevo der Protestbewegung gegenüber kooperativ.

Die Autobusse, die aus allen größeren Städten Menschen zu Demo brachten, erhielten in Sarajevo eine Polizeieskorte, die Straßen rund um das Nationaltheater wurden abgesperrt, Demonstrationszüge wurden von der Polizei begleitet.

In Banja Luka, der Hauptstadt der RS steht ein solcher Erfolg noch aus.

Dort hat die Polizei die Pravda-Bewegung Ende 2019 niedergeknüppelt. Zerschlagen konnte sie sie freilich bis heute nicht.

Balkan Stories berichtete (siehe HIER).

„Lasst uns die Tragödien nicht mehr hinnehmen“

„Ich bin nur eine Mutter“, sagt Suzana Radanović, Davids Mutter in ihrer Rede. „Ich will nicht, dass, sollte mein Sohn mir von oben zuschauen, dass er mich fragt: Mama, warum hast du nicht für mich gekämpft.“ Und: „Ich wünsche mir, dass alle hier für eure Kinder kämpfen.“

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Längst geht es auch nicht mehr nur um die zwei jungen Männer und ihre Mördern, die nach wie vor in Freiheit sind.

Die Pravda-Bewegungen als Bosniens erste landesweite Bürgerinitiative hat ähnliche Fälle an die Oberfläche gebracht. Wie das tragische Schicksal von Nadin.

Das bosnische Gesundheitssystem verweigert dem schwer kranken Mädchen die Medikamente, die es braucht, und auch sonst adäquate ärztliche Behandlung. Unter anderem leidet Nadin an einer Autoimmunerkrankung und Tuberkulose.

Ein Arzt, der das öffentlich kritisiert hat, steht sich einem Disziplinarverfahren der Ärztekammer der Federacija ausgesetzt.

Auch wenn Nadins Fall ein Extrembeispiel ist, er zeigt, in welchem katastrophalen Zustand die öffentliche Versorgung in Bosnien mittlerweile ist.

Das zeigt sich auch darin, dass das Land die weltweit drittmeisten Corona-Toten pro hunderttausend Einwohner hat und eines der am schlechtesten funktionierenden Corona-Impfprogramme Europas.

„Hören wir auf, die Tragödien hinzunehmen, die uns widerfahren“, ruft Nadis Mutter Amina Hodžić-Smajlović auf. „Lasst uns alle fordern, dass die Verantwortlichen zurücktreten und ehrlichen jungen Menschen die Arbeit überlassen. Ich bitte im Namen der Zukunft jedes Kindes – dass das, was meinem Kind passiert ist, keinem Kind passiert.“

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„Pravda“, schallt es ihr aus 10.000 Kehlen entgegen. „Gerechtigkeit“.

Härter formuliert es Muriz Memić: „Wir erwarten uns, dass die politisch Verantwortlichen reagieren und die involvierten Staatsanwälte und Richter aus ihren Ämtern entfernen. Diese Banditen brauchen kein Zureden, sie brauchen keine Intervention der internationalen Gemeinschaft. Sie brauchen eine harte Hand.“

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Deutliche Worte findet auch Senad Pećanin.

Der Anwalt aus Sarajevo ist Sprecher der jungen Initiative Pravda za Adnana.

Der Jugendliche Adnan Hadžagić war vor einigen Monaten bei einer Routinekontrolle der Polizei ums Leben gekommen.

Auch hier gab es schwere Ermittlungspannen, unter anderem wurde Adnan erst nach massivem öffentlichen Druck obduziert.

Ein sicheres Bosnien könne nur durch gemeinsamen Kampf erreicht werden, formuliert er in bewusster Anspielung auf Martin Luther King.

„Ich habe einen Traum. Dass die Bürger gemeinsam aufstehen und gemeinsam ihr Schicksal aus der Hand der Behörden und Kriminellen nehmen, die unser Land seit mehr als 30 Jahren regieren. Unsere Feinde sind nicht Bosnjaken, Kroaten oder Serben, es sind Čović, Izetbegovoć i Dodik (die führenden kroatischen, bosnjakischen und serbischen Politiker Bosniens, Anm.)“

Gleichzeitig äußert er deutliche Kritik an seinen Landsleuten. „Vor zwei Jahren sind in Prag wegen einer Korruptionsaffäre 250.000 Menschen auf die Straße gegangen. Und hier, wo es Morde und ungeklärte Todesfälle geht, sind es gerade mal ein paar tausend“, sagt Pećanin.

„Das ist ein Kampf für unser aller Sicherheit und die unserer Kinder“

Dass dieses Land das Recht seiner Einwohner auf Leben und Unversehrtheit schützt, das ist in den Augen der Demonstranten und vieler anderer etwas, das sich nur durch Druck von unten erreichen lässt.

Und dadurch, dass alles zusammenstehen, wie Arijana Memić fordert, Dženans Schwester.

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„Zum 20. Mal gehen wir auf die Straße und fordern Gerechtigkeit. Wir sind nicht müde und werden nicht aufgeben. Wir wollen nicht noch fünfeinhalb Jahre warten und ich fordere alle Bürgerinnen und Bürger in ganz Bosnien und Herzegovina auf, morgen an unserer Seite zu stehen. Das ist kein Kampf für Gerechtigkeit nur für Dženan und David, dies das ist ein Kampf für unser aller Sicherheit und die unserer Kindern.“

Alle Fotos: Nino Maričić

HIER findet ihr die bisherigen Berichte von Balkan Stories über Pravda za Dženana und Pravida za Davida.