Die Situation für Flüchtlinge im inoffiziellen Camp Vučjak auf der ehemaligen Mülldeponie von Bihać in Bosnien ist nach wie vor katastrophal, wie der deutsche Journalist und humanitäre Helfer Dirk Planert schildert. Er ist seit zwei Wochen im Camp und versorgt die Campbewohner medizinisch.

von Dirk Planert

Kurze Zigarettenpause in der Nähe des Ambulanzzeltes.

Plötzlich verändert sich der Gesichtsausdruck der jungen Frauen vom Roten Kreuz Bihać. Eine hat Tränen in den Augen.

Ich drehe mich um und sehe eine Frau mit einem kleinen Kind auf dem Rücken.

Der Vater trägt den Rucksack und hat noch ein Kind an der Hand. Ihr Schweiß läuft in Strömen.

Foto: Dirk Planert

Sie sind aus Bihać 10 Kilometer hier hochgelaufen, um über die Müllhalde in Richtung der Minen zu gehen. Dort lang führt der Weg nach Europa.

Ich bitte sie kurz zu stoppen, laufe ins Zelt und hohle wichtige Dinge, die sie brauchen werden. Mullbinden, Sprühpflaster, Fenistil wegen der Mücken und Anderes. Das drücke ich ihnen in die Hand.

Sie gehen weiter. Es wird mindestens 12 Tage dauern bis Italien.

Eine der Frauen vom Roten Kreuz weint.

Arbeiten, um nicht zu denken

Ich mache ein paar Bilder, folge der Familie ein Stück und bleibe stehen. Ich bin hilflos.

Sie gehen den kroatischen Polizeiknüppeln und den Hunden der slowenischen Polizei entgegen.

Europa ist gewalttätig.

Foto: Dirk Planert

Ich sehe das jeden Tag. Daran kann ich jetzt nichts ändern.

Ich rauche noch eine Zigarette, dann gehe ich zu der Frau vom Roten Kreuz und sage: „Wir sind weiche Menschen, deshalb machen wir diese Arbeit. Jetzt müssen wir stark sein und einfach weiter machen. Arbeiten, um nicht zu denken“.

Ich streichele ihr kurz über das Knie. Sie ist im Alter meiner Töchter.

Die Kinder vorhin – mein ältestes Enkelkind heißt Mayla und ist sechs Jahre alt. Sie liebt ihren Opa über Alles.

Gut, dass sie noch nicht weiß, wie diese Welt sein kann.

Wir nicken uns kurz zu, stehen auf.

Ich gehe ins Ambulanzzelt und versorge die nächsten Opfer von EU-Gewalt. Außerdem die Seuche Krätze, offene Wunden, Schwellungen und eingewachsene Zehennägel, offene Blasen bis auf das Fleisch an Füßen.

„Ich schäme mich in Grund und Boden“

Die Frau vom Roten Kreuz hat heute für einige Stunden ihr fröhliches Lachen verloren.

Die Familie mit den kleinen Mädchen ist jetzt irgendwo im „jungle“.

Ich hoffe inständigst, das sie nicht mit Hundebissen und blauen, scharzen Flecken von Knüppeln wieder zurück kommen.

Die Grenze dessen, was als Bürger der EU ertragbar sein könnte, ist bei weitem überschritten.

Ich fand die EU immer gut. Alle zusammen ist besser als gegeneinander.

Jetzt bin ich Bürger einer gewalttätigen Staatengemeinschaft. Ich schäme mich in Grund und Boden.

Die EU-Politiker, mit denen ich Kontakt habe, selbes gilt für den Deutchen Bundestag, sind grad in der Sommerpause.

Danke aus tiefstem Herzen an alle Spender und alle die, die hinter uns stehen. Uns: Mein Hund und ich. Leider lässt sich sonst da oben niemand blicken.

Wo sind die großen Organisationen?

Ich meine die großen Organisationen wie ICRC, UNHCR, IOM, oder MSF.

Wenn die kommen würden, könnte ich wieder mit Mayla Eis essen gehen. So geht das nicht. Ich werde die Menschen in Vučjak nicht allein lassen.

Foto: Dirk Planert

Mayla würde das sicher verstehen. Sie weiß nur, dass Opa armen Menschen hilft. Sonst nichts. Ich spreche da natürlich nicht drüber.

Die Caritas ist auch nicht hier. Merkwürdig, dass die katholische Kirche nicht barmherzig ist. Aber vielleicht wird das ja Weihnachten etwas. Zumindest in den Predigten im Gottesdienst am Heiligen Abend.

Dann brauchen sie auch nicht für die Flüchtlinge zu beten. Nichts zu tun und heuchlerisch zu beten – pervers. Aber es wird so sein.

Vučjak ist bekannt. Warum schickt die Caritas mit Order aus Rom nicht ein Medic – Team?

Vielleicht sind sie mit Geld zählen zu sehr beschäftigt.

Mein Tao-Kreuz, das mich in vier Kriegsgebieten begleitet hat, habe ich einem christlichen Flüchtling geschenkt. Er hatte sein Kreuz verloren. Er war überglücklich.

Obwohl es das Tao-Zeichen und eigentlich nicht direkt das Kreuz ist. Aber es steht ja für das Selbe.

Ich habe es aus Assisi, es hat auf dem Grab von Franziskus gelegen. Ich konnte es ohne Bedenken verschenken. Er braucht es mehr.

Ich nicht. Ich trage es im Herzen. Das reicht. In dieser extremen Situation bekommen besonders die Dinge, die man nicht anfassen kann, einen besonderen Wert.

„Herr, mach mich zu einem Werkzeug deines Friedens, dass ich liebe, wo man hasst…“

Text und Fotos: Dirk Planert

Wer Dirk bei seiner Arbeit unterstützen möchte, kann ihm mit Spenden ermöglichen, notwendige medizinische Ausrüstung sowie Decken, Schuhe und Kleidung zu kaufen, die die Flüchtlinge in Vučjak dringend benötigen.

Spenden an:

DE51 5001 0517 5537 2011 12

Konteninhaber: Dirk Planert

Verwendungsweck: Vučjak

Das Camp in Vučjak wurde vor etwas mehr als einem Monat errichtet. Stadtbehörden und Polizei entsorgten dort nach einem Konflikt einfach 800 Flüchtlinge auf der ehemaligen Mülldeponie. Mehr über die Situation könnt ihr HIER bei Balkan Stories nachlesen.