Die Flucht in die EU ist für die Betroffenen die Hölle. EU-Regierungen und die der Anrainerstaaten bemühen sich, die Situation so bedrohlich wie möglich zu machen. Im inoffiziellen Camp Vučjak auf der ehemaligen Mülldeponie von Bihać in Bosnien etwa hängt die grundlegende medizinische Versorgung an einer Handvoll Freiwilliger aus Deutschland und Österreich.

Was vor kurzer Zeit noch Anstand und Menschlichkeit waren, gilt heute den meisten als verrückt.

Das ist auch dem in Wien lebenden Künstler Arye Wachsmuth bewusst.

Er und die Wiener Ärztin Karin Tscharre-Fehr haben zehn Tage lang den deutschen Journalisten und humanitären Helfer Dirk Planert unterstützt, die Flüchtlinge im inoffiziellen Camp Vučjak auf der ehemaligen Mülldeponie von Bihać in Bosnien zumindest notdürftig medizinisch zu versorgen.

Foto: Arye Wachsmuth

Und ihnen das Gefühl zu geben, Menschen zu sein und nicht Freiwild für Behördenwillkür und Polizeigewalt.

Betreut wird das Lager mit 800 Flüchtlingen vom Roten Kreuz.

Auch dessen Helfer seien anfangs sehr skeptisch gewesen, als Arye und Karin auftauchten und sagten, sie wollten sie bei der medizinischen Versorgung der Flüchtlinge unterstützen.

Vergessen ist er, der Sommer der Menschlichkeit 2015.

Damals war das normal.

Nach vier Jahren Hetze gegen Flüchtlinge in der EU kann sich kaum jemand mehr vorstellen, dass irgendwer diesen Leuten helfen möchte.

In Bosnien genügten eineinhalb Jahre, um diese Stimmung zu erzeugen.

Diese Stimmung, die Angst vor und präventive Wut auf Flüchtlinge, war es auch, die erst zu diesem Lager geführt hat.

In Bihać warten tausende Flüchtlinge auf eine Chance, durch den Wald nach Kroatien in die EU zu gelangen.

Viele sind im Lager Bira untergebracht, das privatwirtschaftlich geführt wird und der Internationalen Organisation für Migration (IOM) untersteht, einer UN-Behörde.

Etliche freilich sind unbetreut. Für Flüchtlinge wie für Stadtbewohner ist das eine nachvollziehbare Belastung.

Ergebnis der Abschottungspolitik der EU.

Vor fünf Wochen kam es zu gewalttätigen Auseinandersetzungen zwischen einigen Flüchtlingen und einigen Bosniern.

Bürgermeister und Polizei verfrachteten – mit welchem Recht auch immer – mehr als 800 Flüchtlinge auf dem Gelände der ehemaligen Mülldeponie der Stadt.

Das Lager grenzt unmittelbar an ein Minenfeld aus dem Krieg an. Viele der Flüchtlinge sprechen keine der Sprachen, in denen der Warnhinweis gedruckt ist. Foto: Arye Wachsmuth

Seitdem ist das Camp Vučjak zur Schande Bosniens geworden. Und zu der der EU.

Balkan Stories war eine der ersten fremdsprachigen Seiten, die über die Situation berichtet haben.

Vučjak, eine Kategorie für sich

„So etwas haben wir noch nicht gesehen“, beschreibt Arye die medizinische Versorgung bei seiner und Karins Ankunft.

„Der Gestank der Erde, Glasscherben und Müllreste im Medical Tent. Wir mussten hier eine notwendige und irgendwie tragbare Infrastruktur erst aufbauen.“

Foto: Arye Wachsmuth

Arye weiß, wovon er spricht. Weder er noch Ärztin Karin sind Wochenendhelfer.

Als Team helfen sie seit 2016 in zahlreichen Flüchtlingslagern entlang der Balkanroute aus, wenn sie sich irgendwie Zeit verschaffen können.

Sie waren in Idomeni und in Thessaloniki. Auch das keine Orte, die für eine menschenwürdige Versorgung für Flüchtlinge stehen.

„Ich hab mir in der Zeit einige Kenntnisse als Ersthelfer angelernt“, sagt er.

Vučjak jedenfalls ist eine Kategorie für sich.

Auch mit überforderten Rot-Kreuz-Helferinnen- und Helfern.

„Sie haben kein Geld für notwendige medizinische Ausrüstung. Als wir kamen hatten sie gerade mal drei Arzttaschen mit etwas Verbandmaterial und einigen Spezialpflastern und nicht mal Handschuhe. Die wenigsten Freiwilligen haben irgendeine medizinische Ausbildung.“

Arzt oder Ärztin waren auch keine im Lager. In den ganzen zehn Tagen nicht, in denen Arye und Karin dort waren.

Man verharmlost die Bedingungen in anderen Lagern keineswegs, wenn man feststellt, dass in kaum einem Camp medizinisches Personal und Ausrüstung so dringend gebraucht werden wie hier.

Hygienische Zustände schaden Gesundheit der Flüchtlinge

Glasscherben und Müll liegen als Reste der ehemaligen Bestimmung des Geländes nicht nur im Medical Tent herum.

Vor wenigen Tagen erst wurden die ersten Duschen installiert. Die haben nur kaltes Wasser. Geld für wenigstens eine Solaranlage gibt es nicht.

Die hygienischen Zustände sind dementsprechend.

„Die Menschen haben Ausschläge und Entzündungen auf der Haut, weil sie sich nicht ordentlich waschen können“, schildert Arye.

Ähnlich die Eindrücke, die Dirk Planert schildert, der immer noch in Vučjak ist.

Seit Wochen hat sich die Krätze ausgebreitet. Unter diesen Bedingungen ist sie nicht zu bekämpfen.

Wunden, etwa durch Insektenstiche, entzünden sich unter diesen Bedingungen sofort.

Foto: Arye Wachsmuth

Die Knüppel der kroatischen Polizei

Dazu kommen die Verletzungen, die die kroatische Grenzpolizei Flüchtlingen zufügt, die sie beim illegalen Grenzübertritt erwischt.

Einige der Zurückgekehrten waren am Kopf verletzt. Häufiger seien freilich Verletzungen am Schienbein oder darunter.

Dorthin würden oft mehrere kroatische Polizisten einen Flüchtling mit Polizeiknüppeln oder Holzlatten schlagen.

„Da gibt‘s ein Muster dieser Verletzungen. Abgesehen davon, dass es Menschenrechtsverletzungen sind, das ist einfach Sadismus“, sagt Arye.

„Der schlimmster Fall, den wir behandelt haben, war ein Mann, dem mit zwei flachen Händen auf beide Ohren geschlagen wurde. Er hatte Blutungen im Ohr, ein gerissenes Trommelfell. Ohne Spitalsbehandlung führt das zum dauerhaften Verlust der Hörfähigkeit auf dem verletzten Ohr.“

Und Spitalsbehandlung kriegt er hier keine.

Auch bosnische Polizei prügelt

Auch die bosnische Polizei ist alles andere als zimperlich.

Flüchtlinge, die sie im Stadtgebiet aufgreift, werden willkürlich nach Vučjak gebracht. Auch, wenn sie einen Ausweis haben, der bestätigt, dass sie im Camp Bira untergebracht sind.

Polizisten zwingen die Betroffenen, die zehn Kilometer von der Stadt auf die ehemalige Mülldeponie zu Fuß zu gehen.

Und zumindest in einem Fall haben bosnische Polizisten laut Angaben des Betroffenen einen Flüchtling verprügelt und schwer verletzt, schildert Arye.

Der Mann sei unbeteiligter Zeuge einer Auseinandersetzung im Lager gewesen.

Als Unruhe ausbrach, rückte die Polizei an.

Mehrere Polizisten stießen den Zeugen nach diesen Schilderungen in ein Gebüsch und traten auf ihn ein. Vor den Augen seines 14-jährigen Sohnes.

„Unter anderem haben sie ihm einen Zahn ausgeschlagen“, schildert Arye. „Ich vermute, sie haben ihn als Warnung an alle verprügelt, ja ruhig zu bleiben.“

Das Opfer während der notfallmedizinischen Versorgung. Foto: Arye Wachsmuth

Spitalsbehandlung kaum möglich

Gleichzeitig weigern sich die Polizisten, die das Lager bewachen, Ärzte zu rufen oder Menschen ins Spital bringen zu lassen.

Nur in einem Fall sei es gelungen, die Polizisten zu überzeugen. „Ein Mann hatte tagelang hohes Fieber. Karin konnte unter diesen Bedingungen nicht herausfinden, was für eine Infektion er genau hatte. Mit Müh und Not konnten wir ihn ins Krankenhaus bringen lassen, wo glücklicherweise die Behandlung gut angeschlagen hat.“

Die meisten Flüchtlinge schlafen auf dem harten und verschmutzten Erdboden. Hatten sie je Unterlagematten oder Decken, hat die kroatische Polizei sie verbrannt, wenn sie sie erwischt hat.

Dazu kommt, dass viele Zelte offen sind.

Ist es in einer oder zwei Nächten etwas kälter, führt das zu schweren Verkühlungen mit Fieber oder bakteriellen oder viralen Infekten bei vielen Betroffenen.

Die kleinen Hoffnungsschimmer

Wenigstens kleine Verbesserungen gibt es.

„Es haben zwei improvisierte Geschäfte aufgemacht, in denen Huhn gegrillt wird. Wir haben auch davon gekostet. Es schmeckt hervorragend.“

Foto: Arye Wachsmuth

Und neben kleinen und großen medizinischen Erfolgen – 850 Flüchtlinge sind in den zehn Tagen medizinisch versorgt worden – hat die Anwesenheit von Arye, Karin und Dirk die Stimmung im Lager gehoben.

Sowohl bei den Rot-Kreuz-Betreuern wie bei den Flüchtlingen.

„Es war sehr traurig und desolat. Aber wenn viele merken, dass ein paar da sind, die wirklich für sie da sind, sind sie unendlich dankbar und das hat sich auch auf die Stimmung im Camp ausgewirkt“, sagt Arye.

Was dringend benötigt wird, sind Decken und Schuhe. 80 Prozent der Flüchtlinge hätten keine oder kaputte Schuhe, schildert der Helfer.

Dirk Planert wird voraussichtlich noch zwei Wochen im Lager bleiben, um Flüchtlingen zu helfen.

„Eine Freundin hat mir Geld geschenkt, damit kann ich meine Miete bezahlen und muss nicht zurück nach Deutschland, um Geld zu verdienen“, sagt er gegenüber Balkan Stories.

Foto: Arye Wachsmuth

2015 noch hätte man das als Zeichen echter Solidarität und als Vorbild gesehen.

Heute halten die meisten Dirk wahrscheinlich für verrückt.

Aber braucht es nicht Verrückte, um diese Welt ein klein wenig besser zu machen?

Wer Dirk bei seiner Arbeit unterstützen möchte, kann ihm mit Spenden ermöglichen, notwendige medizinische Ausrüstung sowie Decken, Schuhe und Kleidung zu kaufen, die die Flüchtlinge in Vučjak dringend benötigen.

Spenden an:

DE51 5001 0517 5537 2011 12

Konteninhaber: Dirk Planert

Verwendungsweck: Vučjak

Das Camp in Vučjak wurde vor etwas mehr als einem Monat errichtet. Stadtbehörden und Polizei entsorgten dort nach einem Konflikt einfach 800 Flüchtlinge auf der ehemaligen Mülldeponie. Mehr über die Situation könnt ihr HIER bei Balkan Stories nachlesen.

Alle Fotos, einschließlich Titelbild: (c) Arye Wachsmuth