Mehr als 2.000 Flüchtlinge hausen in informellen Lagern in Nordbosnien. Ihre Lage ist alles andere als gut, wie der deutsch-schweizerische Flüchtlingshelfer Stefan Dietrich in einem Interview mit deutschen Sender DW schildert. Der BHS-Dienst von DW hat Balkan Stories die deutsche Übersetzung des Interviews freundlicherweise zur Verfügung gestellt.

DW: Stefan Dietrich, Sie haben mit der der humanitären Organisation Netzwerk Asyl aus Aargau Geld- und Sachspenden gesammelt und sind kurz vor Weihnachten nach Bosnien gefahren. Sie haben ein Flüchtlingscamp besucht, das sich in einem ehemaligen Firmengebäude in der Firma Miral in Velika Kladuša befindet, danach ein Camp in einer ehemaligen Fabrik in Bihać und das offizielle Flüchtlingszentrum bei Mostar. Unter welchen Bedingungen leben die Menschen dort?

Stefan Dietrich: Im Camp bei Velika Kladuša sind ca 690 Menschen untergebracht, unter ihnen 5 Kinder und Frauen. Der Rest sind hauptsächlich jüngere Männer. Sie schlafen in Etagenbetten, um die sie Decken gespannt haben, um wenigstens ein Minimum an Privatsphäre zu haben. Sie nutzen Dixi-Toiletten. Alles ist improvisiert, das ist unser Haupteindruck. Alles könnte sauberer und besser organisiert sein. Es ist schmutzig und kalt. Es ist, als würde ich den Gestank aus dem Camp auch hier in der Schweiz riechen. Die Situation ist schwierig, ich würde sie jedoch nicht als katastrophal bezeichnen. Es gibt jedoch Menschen, die weiterhin draußen schlafen, trotz allem ist die Situation besser als im letzten Sommer. Die hygienischen Bedingungen sind sehr schlecht. Es gibt nicht jeden Tag Ärzte im Camp. Die kommen nur an bestimmten Terminen und sprechen zudem noch schlecht Englisch. Ich trug einen Schal des FC Dortmund, was sofort das Interesse einer Gruppe 18-Jähriger aus Ägypten weckte, die sich sehr darüber freute.

Sind die Lebensbedingungen in anderen Camps auch so schlecht?

SD: Die ehemalige Fabrik Bira in Bihać ist eine riesige und dunkle Halle. Sie war voller trauriger Menschen und Unrat. Einige sagten uns, dass dort 1.700 Menschen untergebracht seien, andere sprachen von 2.100. In der Fabrikhalle befinden sich Container sowie Zelte, in denen die Menschen untergebracht sind. Einige Mitarbeiter der Internationalen Organisation für Migration (IOM) sagten mir, dass von den insgesamt 200 Containern 37 keine Heizung hätten, also haben wir die fehlenden Heizgeräte gekauft und sie ihnen übergeben. Wie haben auch Mikrowellen für das Rote Kreuz gekauft, damit man Essen aufwärmen kann. Es sieht so aus, als gäbe es nicht genug Nahrung. Wer Geld hat, geht ins Geschäft und kauft sich zusätzlich etwas. Die Toiletten in der Halle sind verstopft und schmutzig, umgeben von Müll. Einer der Flüchtlinge hat sich im Bira-Camp mit kaltem Wasser geduscht, da es kein warmes gab. Im Camp versucht man das in den Griff zu bekommen, man ist jedoch noch weit davon entfernt. Als wir dort waren, hat noch eine beträchtliche Anzahl von Menschen auf dem gefrorenen Boden geschlafen. Wir haben auch bemerkt, dass viele nicht gesund aussehen. Wir haben auch eine große Anzahl von Handschuhen, Strümpfen, Schuhen, Mützen, Jacken, Thermohosen, Windeln sowie Nahrung, medizinische Utensilien und Medikamente besorgt und übergeben. Von unseren Sachspenden haben wir nicht alles den Flüchtlingen gegeben sondern auch den freiwilligen Helferinnen und Helfern in den Camps, wie Anela Dedić , SOS Velika Kladuša, den Leuten vom Roten Kreuz in Kljuć. Diese Menschen helfen privat und ehrenamtlich und leben ja selbst nicht in einer reichen Gegend.

Sie haben mit den Migranten und Flüchtlingen gesprochen. Wie verkraften sie die Situation, in der sich sich befinden?

SD: Sie sind eher optimistisch. Wir haben einen kennen gelernt, den man sechs Mal, und einen anderen den man sogar 18 Mal nach Bosnien zurückgebracht hat und trotz allem schauen sie noch immer optimistisch in die Zukunft und sind davon überzeugt, dass sie den Westen erreichen werden. In Velika Kladuša habt man uns erzählt, dass jeden Abend 100 Migranten versuchen über die Grenze zu gelangen. 70 werden zurückgebracht und die restlichen 30 schaffen es irgendwie „durchzukommen“ und über Kroatien und Slowenien nach Italien zu gelangen. Im Großen und Ganzen sind sie optimistisch, was mich sehr verwundert hat.

Warum fliehen diese Menschen in den Westen?

SD: Es gab da z.B. eine Gruppe aus Ägypten, die im Internet kritische Inhalte gegen die Regierung veröffentlichte und dadurch Probleme mit der Polizei bekam. Es gab Menschen aus Marokko, die ein besseres Leben suchen oder Menschen aus dem Iran, die ihre Heimat aus politischen Gründen verlassen haben. Die Menschen aus Pakistan fliehen vor allem aufgrund der wirtschaftlichen Situation, einige wegen des Krieges. Mir war klar, dass Flüchtlinge aus Syrien, dem Irak und Afghanistan kommen, ich war jedoch erstaunt, als wir auch Menschen aus Ägypten und Indien getroffen haben. Alle hoffen, dass sich ihre Situation verbessern wird und sie über sie es über die Grenze schaffen.

Wie haben Sie die Reaktionen der Bosnierinnen und Bosnier erlebt?

47002406_403SD: Ich hatte den Eindruck, dass sich viele Menschen sich dafür schämen, dass ihr Staat nicht mehr tun konnte um Flüchtlingen und Migranten zu helfen. Die Menschen in der Krajina fühlen sich alleingelassen. Das trotz allem alles auch in Bosnien-Herzegowina funktionieren kann, davon konnten wir uns in Mostar persönlich überzeugen. Ich habe zweimal das Aufnahmelager Salakovac besucht und dort funktioniert soweit alles. Die Bedingungen sind nicht die gleichen wie in der Schweiz oder in Deutschland, aber sie sind viel humaner als in den inoffiziellen Camps. Dort gibt es viele Kinder. Wenn der Staat sich um Flüchtlinge in Mostar kümmern und sie versorgen kann, dann kann ich nicht verstehen, warum er es nicht in n Velika Kladuša und Bihać kann. Als Außenstehender verwundert mich das, bzw. kann ich nicht verstehen, warum man an einem Ort alles organisieren kann und an einem anderen nicht. Oder man will es einfach nicht. Wer weiß… Etwas enttäuscht bin ich auch von verschiedenen internationalen Organisationen, da ich davon überzeugt war, dass sie mehr tun, effektiver handeln und auch schneller könnten. Die Problemlage ist seit März letzten Jahres bekannt. Es ist mir auch nicht klar, wie es möglich sein kann, dass der Winter jemanden überrascht.

Wie verhielten sich Polizisten in Bosnien, in Kroatien und in Slowenien gegenüber Flüchtlingen? Wurden sie geschlagen?

SD: Es war für mich verwunderlich, dass es Flüchtlinge gab, die auf dem Weg zum „Game“, also die sich aufmachten die Grenze nach Kroatien zu überqueren, nicht den kürzesten Weg, direkt Richtung Karlovac, wählten, sondern mit Autos via Novi Grad weiter bis Kostajnica fuhren. Dort überquerten sie mit einem Boot den Grenzfluss Una. Einheimische Schlepper sollen sie auf die Banija, die angrenzende Region in Kroatien bringen. Kaum, dass sie etwa einen Kilometer ins Landesinnere gelaufen waren, wurden sie festgenommen. Kroatische Polizisten haben ihnen Handys abgenommen, und all die Geschichten, die wir bereits im Sommer hören konnten, wiederholten sich. Die Flüchtlinge sollen etwas geschlagen, aber nicht verprügelt worden seien. Ihre Sachen, Handys und Geld seien ihnen abgenommen worden. Sie behaupteten auch, dass man ihnen sogar die Schuhe weggenommen hätte. Die Polizei habe sie daraufhin nach Bosnien gefahren und dort in einem Wald ausgesetzt. Irgendwie haben sie wieder bis nach Banja Luka und dann weiter nach Bihać geschafft. Wir haben auch schon früher vom brutalen Vorgehen, von gewaltsamen Übergriffen gegenüber Flüchtlingen in Ungarn und Bulgarien gehört, aber uns erscheint es, dass das in Kroatien systematisch, nicht zufällig und spontan erfolgt.

Was hat sich Ihnen während Ihres aktuellen Aufenthaltes in Velika Kladuša und Bihać besonders eingeprägt?

SD: Es ist offensichtlich, dass die Lage sehr schwierig ist, dass diese Gemeinden besonders betroffen sind. Man hat sie seit März 2018 alleine gelassen und sie müssen sich daher auch alleine mit der Krisensituation auseinandersetzen. Seit Herbst 2015 bin ich in verschiedene Flüchtlingslagern von Spielfeld über Dobova, Slavonski Brod, Šid, Belgrad und Subotica, aber auch Camps in Tabanovci, Gevgelija und Preševo gewesen. Im Sommer war ich in Velika Kladuša, Bihać und Mostar, wie auch dieses Mal. Man kann bemerken, dass einzelne Personen und auch Organisationen bestrebt und willens sind die Situation zu positiv zu verändern und das Notwendige auf menschenwürdige Art zu organisieren. Es ist hier aber offensichtlich, dass staatliche Einrichtungen entweder nicht in der Lage die Situation in der Krajina um Bihać und Velika Kladuša zu lösen oder es nicht willen. In erster Linie denke ich an die staatlichen Einrichtungen in Sarajevo. Dass man dennoch etwas erreichen kann, wenn es einen politischen Willen gibt, kann man sehr gut in Mostar sehen.

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Sie haben während des Krieges auch Flüchtlingen aus Bosnien-Herzegowina geholfen?

SD: Ja, so ist es. Während der Überschwemmungen in Bosnien-Herzegowina und in der Region haben wir 2014 unsere humanitären Hilfaktionen wieder aufgenommen. Wir haben Spenden und Hilfsgüter gesammelt und nach Bosnien, Slavonien, Serbien gefahren. Da wir verschiedene Geschichten darüber gehört haben, dass humanitäre Hilfe nicht dort ankam, wo sie hin sie eigentlich kommen sollte, haben wir beschlossen sie direkt den Betroffenen zukommen zu lassen. So kam es zur Gründung des Netzwerkes Help Now, das später als Projekt im Verein Netzwerk Asyl Aargau weitergeführt wurde. So begannen wir 2015 während der Flüchtlingskrise in Europa aktiv Flüchtlingen in ihrer Not zu helfen.

Wie finanzieren Sie diese Hilfe?

SD: Alle Hilfsgüter und Spenden haben „gewöhnliche“ Leute, mehrheitlich Schweizer, aber auch Menschen mit jugoslawischen Hintergrund gesammelt. Dieses Mal unterstützten uns Angehörige verschiedener christlicher Kirchen: der katholische, der neuapostolischen und evangelischen. Einzeln betrachtet sind es keine großen Summen, aber jede Unterstützung ist willkommen. Jeder Rappen zählt! Bei unserer Ankunft in Bosnien-Herzegowina halfen uns Ortsansässige, die uns auch beherbergt und bekocht haben und für ihre Gastfreundschaft kein Geld entgegennehmen wollten. Die Menschen in Bosnien helfen, obwohl sie selber mit großen Schwierigkeiten zu kämpfen haben. Das zeigt auch am besten die Geschichte eines Zollbeamten an der Grenze, der seine Arbeit in Bosnien kündigt und im Januar zum Arbeiten in die Schweiz gehen wird.

Wie und wo haben sie unsere Sprache erlernt?

SD: Ich bin in Deutschland geboren, als Kind von Eltern mit Wurzeln im ehemaligen Jugoslawien. Meine Eltern haben vor langer Zeit Jugoslawien verlassen. Zuhause haben wir Deutsch, Ungarisch und Serbokroatisch gesprochen. Neben Geschichte habe ich auch Serbokroatisch an der renomierten slawistischen Fakultät in Wien studiert. Der Zerfall Jugoslawiens und der Krieg weckten mein Interesse und motivierten mich mehr über die Hintergründe zu erfahren. Ich wollte besser verstehen, was vor Ort geschieht

Übersetzung: Barbara Barić

Das Interview für den BHS-Dienst (HIER nachzulesen) der Deutschen Welle führte Ajdin Kamber.

Balkan Stories bedankt sich bei DW für das Interview.

Alle Fotos: (c) Help Now.

Zur Person:
Stefan Dietrich ist ehrenamtlicher Aktivist des Vereins Netzwerk Asyl Aargau in der Schweiz. Er stammt aus Deutschland und lebt seit 13 Jahren in der Schweiz. Er schloss sein Magisterstudium der Geschichte 2004 in Wien ab. Heute arbeitet er als Oberstufenlehrer an einer Schule in Bremgarten. In den 1990-er Jahren half er bosnischen Flüchtlingen in Bayern. Während der Überschwemmungen 2014 und der Flüchtlingskrise 2015 setzte er seine Hilfaktionen in der Region fort.