Die offiziellen Vertreter des serbischen Volkes bagatellisieren das Urteil des ICTY gegen Ratko Mladić. Sie verbreiten Verschwörungstheorien und verharmlosen die serbischen Kriegsverbrechen im Jugoslawienkrieg. Mit ihren Aussagen nehmen sie die Serbinnen und Serben in Geiselhaft des nationalistischen Revisionismus. Es ist Zeit, dass das Andere Serbien dagegen aufbegehrt.

Ratko Mladić ein Völkermörder? Nicht, wenn man die Aussagen des serbischen Präsidenten Aleksandar Vučić über das Urteil des ICTY gegen den Schlächter von Srebrenica hört.

Jeder habe gewusst, wie das Prozess ausgehen werde, sagt Vučić vor serbischen Medien. Das nährt Verschwörungstheorien, der Prozess sei ein abgekartetes Spiel gewesen, Siegerjustiz, um die wahren Schuldigen zu verschleiern und das serbische Volk herabzuwürdigen, wie das ICTY in den Augen serbischer Nationalisten von Anfang an.

Serbische Schuldige? Es habe im Jugoslawienkrieg „einige mit serbischem Vor- und Nachnamen“ gegebe, die Verbrechen begangen hätten.  Den Namen Ratko Mladić erwähnt er in diesem Zusammenhang nicht.

Überhaupt, es sei Zeit, in die Zukunft zu schauen, und für Frieden und Stabilität zu sorgen.

Das serbische Volk, sagt sein Präsident, habe immer die Opfer aller Völker anerkannt. Welche genau und zu welchem Zeitpunkt und wie viele, das sagt er nicht.

Das Word Völkermord kommt ihm nicht über die Lippen.

Ob die anderen die serbischen Opfer anerkennen, da sei er sich nicht so sicher.

Dieser Mann, wohlgemerkt, will sein Land in die EU führen. Dieser Mann, wohlgemerkt, kündigte in den 1990’ern an, für jeden toten Serben würden 100 Muslime getötet.

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Dodik feiert Mladić als Helden

Milorad Dodik, als Präsident der Republika Srpska oberster Vertreter der bosnischen Serben, sagt nach dem Urteil: Für Ratko Mladić ist ein Heldenplatz reserviert. Der General sei „für das serbische Volk“ ein „Patriot und Held“.

Dodik ist ein guter Freund der FPÖ, die wahrscheinlich in der nächsten österreichischen Bundesregierung sitzen wird. Er hat Serben in Österreich mehrfach aufgerufen, die FPÖ zu wählen.

Besonders eng sind seine Verbindungen zum Wiener Vizebürgermeister Johann Gudenus.

Das, liebe Serbinnen und Serben, sind eure offiziellen Vertreter.

Mit diesen Aussagen nehmen sie Euch in Geiselhaft für die Verbrechen der Führung der RS, für die Führung Rest-Jugoslawiens in den 90-ern, für die Verbrechen der Armee der Republika Srpska, für die Verbrechen von Ratko Mladić.

Die Kollektivschuld wird durch die offiziellen Vertreter hergestellt

Sie sagen: Wir, die Serben Serbiens und Bosniens, wir, das serbische Volk, wollen nicht über die Verbrechen reden, die in unserem Namen begangen wurden.

Diese Verbrechen waren nicht so schlimm. Die anderen haben auch Verbrechen begangen, an dir, dem serbischen Volk. Es war notwendig, dass wir uns wehren, dabei sind vielleicht ein paar Fehler passiert, aber das ist nicht der Rede wert.

Es sind die offiziellen Vertreter des serbischen Volkes, die gleichermaßen eine Kollektivschuld herstellen.

Wenn Ratko Mladić schuldig ist, sind wir alle schuldig, sagen sie.

Es gibt nur eine kollektive Verantwortung

Kollektivschuld gibt es nicht.

Wenn alle schuld sind, ist keiner schuld. Das lässt Verantwortlichkeiten verschwinden. Die der Führung und die der Unterstützer.

Die derer, die den Befehl gegeben haben zu schießen. Die derer, die geschossen haben. Die, derer, die mit Hassreden und logistischer Unterstützung ermöglicht haben haben, dass geschossen wird.

Was es gibt, ist eine kollektive Verantwortung.

Eine Verantwortung, die Verbrechen zu verurteilen. Eine Verantwortung, mitzuhelfen, dass auch der letzte Verantwortliche und Mittäter vor Gericht gestellt wird.

Eine Verantwortung, dass die verstummen, die die Verbrechen leugnen, verharmlosen, verherrlichen.

Es ist die Verantwortung, seine Stimme zu erheben und zu sagen: Niemals wieder. Nicht in unserem Namen.

Es gibt das andere Serbien

Es gibt viele Serbinnen und Serben, die diese Verantwortung sehen.

Die nicht als die Dulder von Srebrenica gesehen werden wollen. Denen es den Magen umdreht, wenn sie nur daran denken, was dort passiert ist.

Es gibt sie. In Serbien, in Bosnien, in der Dijaspora.

In Beograd, in Banja Luka, in Vukovar, in Srebrenica und wahrscheinlich auch in Višegrad.

Ich kenne viele dieser Menschen. Sie sind das andere Serbien, die andere Republika Srpska.

Die Zeit für euch ist da.

Jetzt ist die Aufmerksamkeit der Welt darauf gerichtet, wie die Serbinnen und Serben mit den Verbrechen umgehen, die in ihrem Namen begangen wurden.

Jetzt könnt ihr zeigen, dass eure offiziellen Vertreter nicht in eurem Namen reden.

Dass die Revisionisten, die heute abend sicher irgendwo demonstrieren, nicht das gesamte serbische Volk sind.

Dass ein Vojislav Šešelj immer noch einflussreich sein mag und eine große Anhängerschaft hat, dass er aber im Prinzip nichts ist als ein widerlicher Spinner.

Dass es in Serbien und in Bosnien keinen Platz geben darf für Menschen, die Kriegsverbrechen und Völkermord verharmlosen oder sogar gutheißen.

Ein Zeichen auch für die Kämpfer anderswo

Mit einem kräftigen Zeichen, mit vielen Demonstrationen etwa, mit einem Aufschrei in sozialen Medien, macht ihr auch euren Freundinnen und Freunden in den Nachbarstaaten Mut.

Die kämpfen wie ihr seit 20 Jahren gegen den nationalistischen Wahnsinn an. Sie sind genauso erschöpft wie ihr.

Sie kämpfen dagegen, dass Jasenovac geleugnet, verharmlost oder verherrlicht wird.

Sie kämpfen dagegen, dass in der bosnischen Federacija Straßen nach bosnjakischen Ustaša benannt werden.

Sie kämpfen dagegen, dass Naser Orić als Nationalheld gefeiert wird und seine Verbrechen an der serbischen Zivilbevölkerung vergessen werden.

Jedes Mal, wenn sie das tun, halten ihnen viele Landsleute entgegen: „Aber die Serben haben doch Srebrenica nicht anerkannt. Wieso sollen wir dann über unsere Täter reden? Wir sollten unserer Opfer gedenken“.

Das Urteil gegen Ratko Mladić ist eine Gelegenheit diesen Kreislauf der Opfermythen zu durchbrechen.

Jetzt ist die Zeit. Lasst sie nicht vorübergehen.

Vreme je za drugu Srbiju!