Zum 8. März, dem Internationalen Frauentag, würdigt Balkan Stories ein im Westen weitgehend unbekanntes Kapitel der Geschichte: Die zwei Millionen Frauen, die für die Freiheit Jugoslawiens kämpften

Ohne Frauen hätte sich das Volk Jugoslawiens nicht selbst vom deutschen und kroatischen Faschismus befreien können und wohl auch nicht vom Terrorregime der Četniks in Serbien.

Bis zu zwei Millionen Frauen waren in der Volksbefreiungsbewegung (NOP) aktiv oder organisierten sich in der Antifašistički front žena. Sie spionierten, schmuggelten, verarzteten, kochten, nähten, versteckten, agitierten für die Partisanen. Oft unter Lebensgefahr.

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Dieses Bild mutet idyllisch an. Es zeigt junge Sloweninnen bei einer Pause bei der Feldarbeit. Sie sind Mitglieder der Volksbefreiungsbewegung NOP. Die Nahrungsmittel gehen an die Partisanen. Die Arbeit dieser Frauen ist ein lebenswichtiger Beitrag zur Fortsetzung des Freiheitskampfs.

Ohne diese logistische Unterstützung wäre der Kampf wohl innerhalb weniger Wochen vorbei gewesen.

An die 100.000 Frauen waren Teil des bewaffneten Widerstandes. Waren Soldatinnen der Volksbefreiungsarmee. Waren Partisaninnen.

2.000 Frauen hatten Kommandopositionen inne. Andere waren Politkommissarinnen, Funkerinnen und oft genug einfach Infanteristinnen.

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Eine junge Partisanin.

25.000 Soldatinnen fielen.

Die genaue Zahl der Opfer unter den zivilen Widerstandskämpferinnen ist nicht bekannt. Sie muss sehr hoch gewesen sein: Jede dritte wurde im Lauf des Kriegs inhaftiert. Gefangene wurden oft genug gefoltert und hingerichtet.

Gegen Widerstandskämpferinnen – und nicht nur sie – wurde auch Vergewaltigung als Waffe eingesetzt. Wie auch im Jugoslawien-Krieg der 90’er Vergewaltigung eine Kriegswaffe war.

Es ist in der modernen Geschichte kein Krieg mit einer vergleichbar hohen Beteiligung von Frauen bekannt, nicht einmal aus der UdSSR im Zweiten Weltkrieg.

Die hohe Beteiligung von Frauen zeugt auch von der Brutalität des Krieges

Vielleicht erklärt das, warum diese Geschichte vor allem im Westen weitgehend unbekannt ist.

Sie widerspricht dem Klischee des Kriegs als Männerhandwerk.

Wahrscheinlich hat es auch damit zu tun, dass der Befreiungskampf in Jugoslawien von Anfang an vor allem von den Kommunistinnen und Kommunisten getragen wurde.

Außerdem spricht die Tatsache, dass sich zwei Millionen Frauen am Kampf gegen Wehrmacht, SS, Ustaša und Četniks beteiligten, Bände, wie die Faschisten in Jugoslawien wüteten.

Mit den Kriegsverbrechen am Balkan setzt man sich hierzulande bis heute nicht gerne auseinander.

Mit der Strategie von Josip Broz Tito, möglichst große Teile der Bevölkerung für den Befreiungskampf zu mobilisieren und den daraus resultierenden oft genug zynischen Taktiken alleine lässt sich die Breite diese Bewegung jedenfalls nicht erklären.

91 Volksheldinnen

Das zeigen auch und vor allem die 91 Narodni Heroje. Diese Frauen wurden während des und nach dem Krieg zu Volksheldinnen erklärt.

Das war der höchste Orden, den Jugoslawien zu vergeben hatte und ausschließlich für Teilnehmerinnen und Teilnehmer des Befreiungskampfs vorgesehen.

Vahida, die Vorkämpferin

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Vahida Maglajlić etwa, die erste bosnjakische Volksheldin.

Der Weg zur kommunistischen Freiheitskämpferin war bei ihr nicht vorgezeichnet. Ihr Vater war Vorsitzender des Sharia-Gerichts in ihrer Heimatgemeinde Banja Luka.

Er verweigerte ihr eine Ausbildung zur Lehrerin in Zagreb. Ihre Liebe, einen Serben aus der Stadt, durfte sie nicht heiraten.

Über ihre Brüder kam sie in Kontakt zur illegalen KP, deren Mitglied sie wurde. Sie war eine der ersten Bosnjakinnen, die in der Arbeiter- und Arbeiterinnenbewegung aktiv war.

Als Bosnien Teil des Ustaša-Staats NDH wurde, schloss sie sich der Befreiungsarmee an. Sie stellte das Haus der Familie als Rückzugsort für Partisanen zur Verfügung, wurde verhaftet und konnte fliehen.

Vahida tauchte nicht unter. Sie schloss sich den Partisaninnen an und wurde zu einer der Führungsfiguren des Widerstands in der Bosanska Krajina. 1943 fiel sie bei einem Gefecht mit den Deutschen.

Zwei ihrer Brüder fielen ebenfalls im Kampf gegen den Faschismus. Ein dritter wurde von den Četniks getötet.

Niemand weiß, ob Mika 15 oder 16 Jahre alt wurde

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Das vielleicht tragischste Schicksal erlitt Milka „Mika“ Bosnić aus Drvar in Nordwestbosnien.

Die Schülerin war Kurierin für die Volksbefreiungsarmee. 1944 wurde sie festgenommen.

Aus ihrer Gefangenenkolonne heraus sah sie, wie deutsche Soldaten einen Panzer der Partisanen festgesetzt hatten. Sie hatten den Sehschlitz abgedeckt.

Mika löst sich von der Kolonne, lief zum Panzer und riss das Tuch herunter. Ein Wehrmachtssoldat durchbohrte sie mit dem Bajonett.

Man weiß nicht genau, ob sie 15 oder 16 war, als sie ermordet wurde.

Nach ihr ist heute eine Kaserne der bosnischen Streitkräfte benannt.

Ihre Heimatstadt hatte im Zweiten Weltkrieg kaum mehr als 3.000 Einwohner. Mit Uroš Bogunović Roca stammt aus dieser Kleinstadt ein zweiter Narodni Heroj. Auch das bezeichnend, wie hoch die Bereitschaft zum Widerstand war.

Die unbeugsame Olga

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Olga Ban aus Zarečju in Istrien trat der NOP mit 15 bei, gemeinsam mit ihrem Vater. Ihr Heimatdorf lag in der italienischen Besatzungszone.

Das Haus diente als Kommunikationszentrale und als Versteck. Olga besserte Uniformen aus und war Kurierin für die Partisanen, organisierte Essen und Medikamente.

Die Familie wurde verraten und festgenommen. Man führte sie auf den Friedhof. Der Vater wurde erschossen. Der erst 17-jährigen Olga bat man an, sie wegen ihrer Jugend laufen zu lassen, wenn sie sich nicht mehr im Widerstand betätigen würde.

Sie verweigerte das und wurde ebenfalls erschossen.

Ihr Bruder und ihre Mutter wurden nach Dachau deportiert.

Ovadija Estreja Mara

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Die Arbeiterin Ovadija Estreja Mara aus Bitola in Mazedonien war kaum älter, als sie starb.

Sie war schon als Teenager politisch aktiv, zuerst in jüdischen Jugendorganisationen, später in der KP. Sie stammte vermutlich aus einer sephardischen Familie.

Ovadija kämpfte als Mitglied einer mazedonischen Einheit der Partisanen gegen die italienischen Besatzer.

1944 fiel sie im Alter von nur 22 Jahren als Politkommissarin in der Siebten Mazedonischen Brigade.

Ihr Schicksal wurde schon in einem Artikel über den jüdischen Beitrag zum jugoslawischen Befreiungskampf vorgestellt.

Die Partisanin aus Wien

Oswalda „Ossi“ Tonka war eine Tito-Partisanin aus Wien.

Als die kommunistische Widerstandskämpferin zum Hilfsdienst bei der deutschen Luftwaffe eingezogen werden sollte, desertierte sie und floh nach Slowenien, die Heimat ihres damaligen Verlobten, um sich den Partisanen anzuschließen.

Die junge Frau überlebte eine Gefangennahme und diente als Funkerin. Ihr Tarnname war Marjana.

Ossi kehrte nach dem Krieg nach Wien zurück. Die jugoslawische Regierung zeichnete sie 1987 für ihren Beitrag zur Befreiung Jugoslawiens aus.

Die faszinierende Geschichte dieser Frau ist unter dem Titel „Buchengasse 100“ als Buch erschienen.

Ein Beitrag gegen das Vergessen

Seit dem Zerfall Jugoslawiens gerät der Beitrag dieser Frauen langsam in Vergessenheit.

Der früher oft mythisch überhöhte Partisanennarrativ passt häufig nicht in die neuen nationalen und nationalistischen Historiografien.

Und im gesellschaftlichen Rollback der vergangenen 20 Jahre ist das Frauenbild in den Gesellschaften Ex-Jugoslawiens traditioneller geworden.

In der neo-machistischen Popkultur, die sich breit gemacht hat, ist wenig Platz für kämpferische Frauen.

Eine neue Broschüre soll das Andenken an diese Frauen bewahren. Und die Frauen in den Ländern Ex-Jugoslawiens anspornen, sich nicht an den Rand drängen zu lassen.

Sondern in alter Tradition ganz vorne für ein besseres Leben in ihrer Heimat zu kämpfen.

Ein besonderer Dank an Olivera Stajić und Nathan Spasić für ihre Unterstützung bei den Recherchen. Und die vielen anderen, die ihre Hilfe angeboten haben.