Die angehende Lehrerin Tina Stanić hat für ihre Diplomarbeit Serbinnen und Serben in Österreich befragt, wo und wie sie sich zuhause fühlen. Die ersten Ergebnisse sind bedenklich: Die Toleranz der österreichischen Gesellschaft ist enden wollend. Migranten kapseln sich ab.

Mehr als eine halbe Million Menschen lebt in Österreich, die selbst oder deren Eltern im ehemaligen Jugoslawien geboren wurde. In Wien allein sind es um die 200.000, das sind mehr als zehn Prozent der Stadtbevölkerung.

Etwa die Hälfte sind Serbinnen und Serben aus allen Ex-Republiken.

Eine ist Tina Stanić, Lehramtsstudentin für Geographie und Psychologie und Philosophie.

Tina fällt in vier statistische Kategorien

Statistisch gesehen fällt sie gleich in vier Kategorien.

Bosnierin zweiter Generation. Die Eltern kommen aus der Gegend von Doboj.

Kroatin erster Generation. Tina wurde in Rijeka geboren, verbrachte ihre ersten Kindheitsjahre in der Gegend und ist kroatische Staatsbürgerin.

Ethnische Serbin.

Binnenmigrantin. Tina wuchs in Bad Leonfelden in Oberösterreich auf, nachdem ihre Eltern während des Kriegs nach Österreich gekommen waren und zog wegen des Studiums vor sechs Jahren nach Wien.

Kaum Interesse an Situation YU-stämmiger Migrantinnen und Migranten

„Ich habe vier Adressen. Wo ich daheim bin, weiß ich nicht“, sagt sie in hörbarem oberösterreichischem Dialekt. „Überall ist ein Stück Zuhause. Auch in Wien.“

Das ist ein Motiv für das Thema ihrer Diplomarbeit über die Zugehörigkeitsgefühle von Serbinnen und Serben, die zwischen 1990 und 2000 nach Österreich gekommen sind oder in diesem Zeitraum hier geboren wurden.

Das zweite: Der hohen Zahl von serbischstämmigen Zuwanderinnen und Zuwanderern zum Trotz gibt es kaum Forschung.

Wie es ihnen geht, wie sie sich in der neuen Heimat fühlen, interessiert in Österreich die Migrationsforschung und allenfalls Statistiker. Die breite Öffentlichkeit hat für derlei Einsichten bestenfalls ein Achselzucken übrig.

Der Diskurs beschäftigt sich praktisch ausschließlich mit tatsächlichen oder vermeintlichen „Integrationsdefiziten“ tatsächlicher oder vermeintlicher muslimischer Zuwanderinnen und Zuwanderer. Zur Not auch ohne auch nicht gerade üppig vorhandener empirischer Daten.

„Es ist ein komplexes Thema“, sagt Tina. „Ich wollte der Frage nachgehen, warum die Menschen hierhergekommen sind und was für sie Heimat ist.“

Die elf Interviews, die sie bislang für die qualitative Studie geführt hat, zeigen freilich etwas mindestens ebnso wichtiges.

„Jede und jeder hat Diskriminierung erlebt“

„Jede und jeder, den oder die ich interviewt habe, hat Diskriminierung erlebt“, sagt Tina. Unabhängig davon, ob sie Zuwanderer erster oder zweiter Generation sind, ob sie die österreichische Staatsbürgerschaft haben oder nicht.

„Meistens beschreiben sie, wie die Leute am Amt oder beim Bewerbungsgespräch sie plötzlich anders behandeln, sobald sie ihren Nachnamen genannt haben.“

Sobald klar ist, dass einem jemand mit Wurzeln in Ex-Jugoslawien gegenübersteht, werden die Leute beim AMS oder im Amt unfreundlicher, werden Jobangebote zurückgezogen, werden auch bei österreichischen Staatsbürgern Dokumente wie die Arbeitserlaubnis verlangt oder man kriegt die Wohnung nicht.

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„Ich dachte, das sei in Wien anders“

„Der Hass wird nicht auf dieses oder jenes Land projiziert, sondern er wird durch den Namen getriggert“, sagt Tina. „Beim Namen hört offenbar die Toleranz auf.“

Überrascht hat die Studentin vor allem, dass viele Betroffene auch negative Erfahrungen mit Behörden geschildert haben: „Ich dachte, das sei in Wien anders, weil es doch viele Migrantinnen und Migranten gibt.“

Sie selbst hat ebenfalls Diskriminierung erlebt. In ihrer oberösterreichischen Heimatgemeinde bewarb sie sich um einen Ferialjob.

Als beim Jobinterview klar wurde, dass sie kroatische Staatsbürgerin ist, hörte sie nie wieder was von der Personalabteilung. Einer aufrechten Arbeitsbewilligung zum Trotz.

„Menschen zweiter Klasse“

40 Prozent der Migrantinnen und Migranten in Österreich haben einen Arbeitsplatz, der zum Teil weit unter ihrer Qualifikation liegt. Auch das kann Tinas Forschung bestätigen. „Eine meiner Interviewpartnerinnen war in Serbien Lehrerin. Hier packt sie Wäsche ab.“

Die Betroffenen würden nicht gerne über das Thema reden, zeigt ihre Erfahrung in den Interviews. „Bei den meisten war es überhaupt erst durch das Interview, dass sie sich mit der Frage beschäftigt haben, ob sie sich hier willkommen fühlen. Viele lassen die Emotionen nicht zu, verdrängen lieber. Was man aber praktisch überall raushört, ist der Frust.“

Eine Interviewpartnerin „will wieder zurück. Sie fühlt sich hier als Mensch zweiter Klasse.“

Dass viel verdrängt wird, machte auch die Suche nach Interviewpartnerinnen- und partnern nicht einfacher. Seit November des Vorjahres arbeitet Tina an der Studie.

Dass sie bislang elf der geplanten zwölf Interviews zusammen hat, hat sie einen Aufruf der Zeitschrift Kosmo auf ihrer Facebook-Seite zu verdanken. „Daraufhin hin haben sich vor allem viele Junge gemeldet.“

„Die Jungen fühlen sich als Österreicher“

Deren Zugehörigkeitsgefühle sind besonders komplex. „Die sehen sich eher als Österreicher und sehen Ex-Jugoslawien nicht als ihr Zuhause an, fahren auch nicht gerne mit den Eltern auf Urlaub runter. Da waren auch welche dabei, die gesagt haben, sie müssen halt einmal im Jahr runterfahren.“

Was nichts daran ändert, dass auch sie häufig das Gefühl äußern, sie würden als Mensch zweiter Klasse behandelt.

Vielleicht ist es das Gefühl des Zurückgewiesenwerdens, das dazu führt, dass sich Teile der Community abkapseln. „Mit einer Ausnahme hatten meine Interviewpartnerinnen- und partner immer nur Partner mit Migrationshintergrund aus Ex-Jugoslawien“, sagt Tina.

Hochrechnen lassen sich die Ergebnisse der Befragungen nicht. Die Studie ist ein Stück qualitative Sozialforschung. Vereinfacht gesagt: Im Unterschied zur quantitativen Forschung legt sie vor allem Strukturen und Mechanismen gesellschaftlicher Entwicklung offen, die häufig die quantitative Forschung aufzeigt.

Tina hofft auf Stelle als Lehrerin

Wobei die Erfahrungen nicht nur negativ sind. Österreich und vor allem Wien hätten auch ihre tolerante Seite, sagt Tina. „Wie du aussiehst, ist hier ziemlich egal“, schildert sie ihre Erfahrungen.

Sie selbst will in Österreich bleiben. Immerhin lebt sie schon 20 Jahre hier und hat ein fertiges Studium.

Ob sie sofort nach ihrer Diplomarbeit als Lehrerin arbeiten kann, ist freilich unklar. „Ich hoffe, dass ich wegen meiner Staatsbürgerschaft nicht benachteiligt werde.“