Bosnien, Serbien, Kroatien und Crna Gora/Montenegro haben einen gemeinsamen Grund zum Feiern. Die UNESCO hat die Stećci zum Teil des Weltkulturerbes der Menschheit erklärt. Diese mysteriösen Grabsteine gibt es nur am Westbalkan.

Es gibt kaum etwas, das typischer ist für die mittelalterliche Kultur in Bosnien und angrenzenden Teilen Serbiens, Kroatiens und Crna Goras/Montenegros als die Stećci.

70.000 dieser Monolithe aus Kalkstein mit ihren auffälligen wie rätselhaften Ornamenten existieren laut der bosnischen UNESCO-Seite, knapp 60.000 stehen in Bosnien.

Die meisten wurden in Nekropolen aufgestellt. Eine dieser Nekropolen hat die Seite Balkanblogger in einem Foto-Essay dokumentiert.

Die Friedhöfe sind mit dem Beschluss der UNESCO seit wenigen Tagen Teil des Weltkulturerbes der Menschheit. Es ist ein rätselhafter Teil.

Klar scheint nur zu sein, dass die im 13 bis ins 15. Jahrhundert verwendeten Monumente christliche Grabsteine sind. Für welch christliche Konfession sie stehen, ist unklar. Dass sie am Ende der Stećci-Zeit auch für zum Islam konvertierte Bosnjaken errichtet wurden, macht es nicht klarer.

Das hat auch damit zu tun, dass sie aus der Zeit stammen, die man von Standpunkt der historischen Kenntnis als die dunklen Jahrhunderte Bosniens bezeichnen kann.

Während die Herrschaftsform und die jeweilige territoriale Ausdehnung des Königreichs Bosnien samt Herrscherlisten gesichert sind – bei alle Komplexität der Geschichte – ist vieles über das das soziale, kulturelle und religiöse Leben der Menschen in der Region unklar.

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Die rätselhafte bosnische Kirche

Das hat auch damit zu tun, dass sich der Großteil der Bosnier und einige der Menschen in den angrenzenden Gebieten zu der Zeit weder der katholischen noch der orthodoxen Kirche zugehörig fühlten und einen eigenen eher ahierarchischen Ritus entwickelt hatten.

Historiker sprechen von der bosnischen Kirche bzw. der Kirche von Bosnien. Das ist für Europa dieser Zeit einzigartig.

Manche Historiker interpretieren diese Zeit als von den Bogumilen beeinflusst. Diese gnostisch inspirierte Bewegung aus Bulgarien hatte ihren Höhepunkt im 12. Jahrhundert und war eine der Hauptquellen der französischen Katharer.

Als Beleg, dass die Bogumilen auch in Bosien Fuß fassten, werden häufig die Stećci genannt.

Das ist genauso wie die Bogumilen-These insgesamt sehr umstritten.

Noel Malcom, britischer Historiker und ausgewiesener Kenner der Geschichte des Balkan, etwa verwirft diese Theorie in seinem Werk: „Bosnia: A Short History“. Er verweist unter anderem darauf, dass zahlreiche der Symbole auf den Stećci wie Reiter oder Kreuze für die Bogumilen blasphemisch gewesen wären.

Andere Ornamente auf Stećci sind sehr abstrakt und verspielt. Gelegentlich haben Historiker in ihnen eine versteckte Sprache gesehen.

Unabhängig von der Bogumilen-These dürfte es die einzigartige religiöse Situation gewesen sein, die dazu geführt hat, dass in Bosnien und angrenzenden Gebieten eine eigenständige sakrale Bildsprache entwickelt wurde.

Inspiration für zeitgenössische Künstler

Zeitgenössische Künstler in Bosnien lassen sich immer wieder von den Ornamenten inspirieren. Etwa die aus Großbritannien zugewanderte Juliet Walker. Sie verwendet einige der Motive für ihre T-Shirt- und Schmuckdesigns unter dem Label „Monster and Lizard„.

Dass die UNESCO die Stećci ins Weltkulturerbe aufgenommen hat, wird nicht nur der archäologischen Forschung Auftrieb verleihen sondern auch dazu führen, dass die Erhaltung der bekannten Stećci sichergestellt wird und wahrscheinlich den einen oder anderen Touristen in die Gegend bringen.

Und vielleicht kann diese Auszeichnung auch dazu führen, dass Bosnier, Serben, Kroaten und Montenegriner ein Stück gemeinsame Geschichte und Kultur feiern. Das passiert selten genug.