Es gibt Millionen Geschichten von Menschen, die aus den Ländern des Balkan ausgewandert sind. Geschichten von Menschen, die dorthin ziehen, sind selten. Dies ist eine dieser Geschichten.

Man war nicht wirklich in Sarajevo, wenn man nicht in der Ulica Kračule 19 war. Die Adresse liegt am Ende der Baščaršija. In einer unscheinbare Gasse, die ihre besten Tage hinter sich hat. Es haben kaum ein Auto und ein Fußgänger nebeneinander Platz.

Hier kann man mehr über die balkanesische Lebensart erfahren als an vielen anderen Orten in dieser Stadt.

Dieser Tage ist es ein wenig ruhiger in der Ulica Kračule 19. Die Touristensaison hat noch nicht begonnen. Es gibt wenige Kunden in dem kleinen Waschsalon.

Betreiberin Juliet Walker nützt die ruhigere Zeit um Schmuck herzustellen und redigiert englischsprachige Texte.

Gelegentlich kommt ein Nachbar vorbei, ein befreundeter Geschäftsinhaber, ein Freund oder ein Kunde. Zeit fürs Reden gibt es hier immer. Und das kleine bosnische Cafe nebenan liefert den türkischen Kaffee sogar her.

Ein Treffpunkt für Freunde

Die Ulica Kračule 19 ist ein betont entspannter Treffpunkt, wo man Meinungen und Erfahrungen austauscht. Oder einfach eine halbe Stunde bei Freunden durchschnauft. Das ist Balkan-Kultur in Reinform.

Vielleicht überraschend, wenn man bedenkt, dass Juliet eine Britin ist, die in Australien aufgewachsen ist. Weniger überraschend, wenn man sie selbst ein wenig kennt.

Die Wäscherei offen zu halten für jedermann um vorbeizukommen, das ist kein Anbiedern an die lokale Kultur. Von Juliets Seite ist es ein aufrichtiges Aufgehen in ihr. Dass es solche Orte gibt, ist einer der Gründe, warum sie hier ist, erzählt sie mir.

Liebe auf den ersten Blick

Sie ist gekommen um zu bleiben, wie sie in einem Interview mit der Zeitschrift Novo Vrijeme gesagt hat. Es war sozusagen Liebe auf den ersten Blick.

„Das ist der einzige Ort, an dem ich nicht mehr daran gedacht habe, wo ich sonst lieber wäre. Normalerweise denke ich mir: Es ist OK hier, aber ich suche noch. Hier gibt’s natürlich Dinge, die ich vermisse, aber ich will nicht woanders hinziehen oder leben, auch wenn’s nicht immer einfach ist.“

„Ich kann nicht genau sagen, was an Bosnien mich so gefesselt hat, dass ich bleiben wollte“, erzählt sie mir.

„Ich denke, da steht nicht so viel zwischen dir und dem Leben in der Stadt. Was passiert, wirkt sich unmittelbarer auf dein tägliches Leben aus als das an Orten der Fall wäre. Das heißt, es fehlt hier an Infrastruktur in manchen Bereichen, aber das gibt dir auch mehr Freiheit.“

Ein Geheimtipp für Balkan-Reisende

Unter Reisenden mit Balkan-Erfahrung ist Juliets Wäscherei zum Geheimtipp geworden. Immer wieder wird die Adresse auf Internetforen empfohlen. Durchaus nicht nur aus praktischen Gründen wie schmutziger Wäsche – etwas, mit dem jeder Reisende früher oder später zu tun hat.

Juliet kennt Sarajevo so gut wie jemand der hier geboren wurde, vor allem die Baščaršija, das Basar-Viertel. Sie kennt hier jeden Händler und weiß, welche Touristenfallen man vermeiden sollte. Und wer fragt, kriegt Tipps, die man in Reiseführern selten findet.

Zusätzlich gibt es in der Wäscherei immer eine Reihe Stadtführer und Karten zu kaufen. Es ist eine Art informeller Touristen-Info-Point.

Auch Einheimische wissen das zu schätzen. „Juliet ist sehr engagiert und lebt wie eine von uns“, sagt mein Freund Amir anerkennend. „Auch die Sprache spricht sie fließend, und hat hart dafür gearbeitet, wie es nur ganz wenige Ausländer tun.“

Aufschwung im Tourismus

Juliet hat vom Tourismus-Aufschwung in der Stadt profitiert. War die Wäscherei früher über den Winter geschlossen, hat sie mittlerweile das ganze Jahr geöffnet. In den nächsten Wochen wird es noch eher ruhig sein, sagt sie. „Man kann zwar nicht genau sagen, wann die Touristen-Saison beginnt, aber am meisten ist in der Regel zwischen Juni und September los. Ich habe den Eindruck, dass die Saison länger wird, aber ich bin mir nicht sicher, ob das ein allgemeiner Trend ist oder einfach darauf zurückzuführen, dass die Wäscherei etwas bekannter wird.“

Im Fremdenverkehr hat sich in den vergangenen Jahren ein Wandel vollzogen, erzählt sie. „Früher war Sarajevo ein Geheimtipp für Touristen mit wenig Budget, viele sind mit Rucksäcken gekommen und haben in den Jugendherbergen übernachtet. Mittlerweile gibt es immer mehr Mainstream-Touristen mit Geld für ein Hotel.“

Auch wenn die Wäscherei mittlerweile in der Hauptsaison ganz gut läuft, auf eine einzige Einnahmequelle kann sie sich nicht verlassen. Finanziell gesehen sitzt sie mit Bosnierinnen und Bosniern in einem Boot und nicht mit ihren offiziellen Landsleuten oder anderen westlichen Ausländern. Die haben meist sehr gut bezahlte Arbeitsplätze für internationale Organisationen oder NGOs, Dienstwohnung inklusive.

Ein zweites Standbein

Juliet hat in Sarajevo ihre künstlerische Ader zum zweiten Standbein gemacht. Die Absolventin einer australischen Schule für Metallkunstwerk entwirft unter dem Label „Monster And Lizard“ Schmuck.

Sie kombiniert klassische bosnische Motive mit zeitgenössischem Design. Dem selben Prinzip folgt eine von ihr entworfene T-Shirt-Kollektion, die sie unter dem gleichen Namen in der Wäscherei verkauft. Die T-Shirts haben sich zu beliebten Souvenirs entwickelt.

Eine neue Leidenschaft sind Džezve, die Kännchen, in denen türkischer Kaffee zubereitet wird. Juliet dekoriert Rohlinge und will sich bald daran machen, die Kännchen ganz selbst herzustellen. Händisch, versteht sich. „Die meisten Rohlinge, die man hier zu kaufen kriegt, sind maschinell erzeugt, die Džezve werden nur händisch mit Stempeln und durch Hämmern dekoriert. Es gibt nur mehr ganz wenige Handwerker in der Stadt, die die Kupferkännchen tatsächlich selbst herstellen“, erzählt sie.

Große Probleme und kleine Verbesserungen

Fürs Auswandern nach Bosnien hätte Juliet sich freilich einen besseren Zeitpunkt aussuchen können. Bosnien hat sich immer noch nicht von der Wirtschaftskrise 2008 erholt. Die Arbeitslosigkeit liegt bei mehr als 40 Prozent.

Die Politik trage wenig bei, die Lage zu verbessern, sagt Juliet. „Ich denke, dass sich politisch gesehen viel verändern muss. Sinnlose nationalistische Rhetorik behindert den Fortschritt und Korruption scheint es auf jeder Ebene zu geben. Es wäre schön, wenn es zum Beispiel bessere Verkehrsinfrastruktur geben würde, vor allem bei der Bahn. Das würde Reisen für uns viel einfacher machen und natürlich auch für Touristen.“

Allerdings, es gibt kleine, langsame Verbesserungen. „Gerade bei den Kleinunternehmen gibt es mehr Vielfalt und es gibt ein größeres Warenangebot, vor allem beim Essen. Es gibt auch Anfänge eines gesellschaftlichen Wandels, aber das ist ein langsamer Prozess.“

Vielleicht wird Juliet die Früchte dieses Wandels einmal genießen können. Sie ist gekommen um zu bleiben. Und will auch die letzte Formalität erledigen, die sie von ihren Mit-Bosnierinnen und -Bosniern trennt. „Noch habe ich keinen Anspruch auf die bosnische Staatsbürgerschaft. Aber wenn es soweit ist, werde ich sie sicher beantragen.“

Titelbild: (c) Majda Turkić,