Mit „Die zweite Heimat“ hat Josef Trabert eine persönliche Chronik über sein Leben verfasst, seine Kindheit in Südungarn, gewissermaßen am Rand des Balkans, die Vertreibung und seinen Neubeginn in Deutschland. Es ist ein Stück Sozialgeschichte in der Tradition der „Oral History“ und ein Ausflug in eine Welt, die es so nicht mehr gibt.

Josef Traberts Biographie zeigt die Verwerfungen des 20. Jahrhunderts. 1933 wird er in eine vergleichsweise wohlhabende Bauersfamilie in Véménd in Südungarn hineingeboren.

Es ist eine deutschsprachige Familie, eine, die zu jener Gruppe gehört, die man als Donauschwaben bezeichnet. Seine Vorfahren sind in vergangenen Jahrhunderten in die Region gekommen, als Teil ermutigter Migrationsbewegungen zwischen dem, was später Deutschland wurde, und der Habsburgermonarchie.

Die Großväter sind im Ersten Weltkrieg Soldaten im ungarischen Teil des k.u.k- bzw. k.k. Heeres. Der Großvater mütterlicherseits fällt.

Die Monarchie zerbricht. Die Traberts bleiben wie mehr als eine halbe Million Donauschwaben selbstverständlich im neu erstandenen ungarischen Nationalstaat, der seit langem auch ihre Heimat ist.

Josef Trabert wächst auf in einem bäuerlichen und klerikalen Umfeld, in dem die Härten durchaus nicht versteckt werden, in dem die Kinder so bald wie möglich am Hof mit anpacken müssen.

Ein Abkommen erzwingt den Treue-Eid

Vom Horthy-Regime im fernen Budapest kriegt er als Kind nichts mit. Adolf Hitler und die NSDAP spielen in Véménd nur bei wenigen Deutschsprachigen eine Rolle.

Das ändert sich 1938, als die deutschsprachigen Ungarn ihre eigene NS-nahe Organisation gründen, den Volksbund der Deutschen in Ungarn. Ihm wird auch Traberts Onkel angehören.

Der Krieg zwingt auch die neutralen Ungarndeutschen, sich zu entscheiden. Ein Abkommen Ungarns mit dem Deutschen Reich ermöglicht es Wehrmacht und Waffen-SS, so genannte Volksdeutsche als Wehrpflichtige einzuziehen. Auch diesen Konflikt schildert Trabert anhand seiner Familiengeschichte und Beobachtungen.

Die neuen Machthaber vertreiben die Traberts

Als die Alliierten den Krieg gewinnen, setzt es für die Ungarndeutschen zunächst Schikanen durch die neuen Machthaber, drohen Verschleppungen und Inhaftierungen. Traberts Mutter entkommt diesem Schicksal nur knapp.

1947 verliert die Familie alles. Sie wird in die DDR ausgesiedelt. Die BRD weigert sich zu diesem Zeitpunkt bereits, donauschwäbische Vertriebene aufzunehmen. So kommen Josef Trabert und seine Mutter in den Harz. Dort stößt der Vater dazu, der aus der Kriegsgefangenschaft zunächst nach Ungarn zurückgekehrt war und seine Familie knapp verpasst hatte.

Die Schilderung des Transports nach Ostdeutschland ist eine der emotional packendsten Passagen des Buches.

Ein Aufstieg in den Wirtschaftswunderjahren

Zur zweiten Heimat wird nicht die DDR sondern die Region Ulm, in die die Familie 1956 flüchtet. Was folgt, ist ein gesellschaftlicher Aufstieg, wie er typisch ist für die Wirtschaftswunderjahre: Eine gut bezahlte Anstellung (in diesem Fall als Goldschmied), Familiengründung, Hausbau, gesellschaftliches Engagement.

Aus heutiger Sicht ebenfalls spannend ist die Schilderung der langen Verlobungszeit Traberts und der durchaus patriachalen Vorstellungen, die vor allem der Vater der Braut mit einer Ehe verbindet. Die detailreiche Darstellung des Hausbaus offenbart ein interessantes Stück Sozialgeschichte der BRD in den frühen 60-ern.

Wenn es die politische Großwetterlange erlaubt, hält Trabert Kontakt zur alten Heimat, reist nach Ungarn, so oft es geht. Er verbindet angenehme Erinnerungen mit Véménd, seine halbe Familie und viele Kindheitsfreunde leben dort. Und er überträgt diese Liebe, die frei ist von Bitterkeit, auch auf seine Kinder und Enkel.

Gestaltet hat das Buch Traberts Tochter Sabine.

Einblicke in eine verschwundene Welt

Mit „Die Zweite Heimat“ ist dem Ulmer danube books Verlag eine interessante Neuerscheinung gelungen.

Das Werk erscheint bewusst als persönliche Chronik Traberts und ist ganz im Stil der „Oral History“ auch entlang des Erinnerungsflusses des Autors strukturiert.

So kann das Buch authentische und unmittelbare Einblicke bieten in eine Welt, die lange verschwunden ist. Das gilt nicht nur für die donauschwäbische Kultur sondern weitgehend auch für die kleinbäuerlich geprägten Gesellschaften, die primär auf Selbstversorgung ausgerichtet sind.

Der persönliche und versöhnliche Ton des Buchs verhindert auch, dass es von jenen Teilen des donauschwäbischen Milieus vereinnahmt werden kann, die sich bis heute nicht von Revanchismus und Revisionismus losgesagt haben.

Die historischen Anmerkungen sind allzu sparsam

Ein Schwachpunkt des Buchs ist, dass die historischen Anmerkungen, die die Chronik begleiten, etwas zu zurückhaltend ausgefallen sind.

So wäre spannend zu wissen, ob die völkischen Strömungen unter den ungarischen Donauschwaben bis Ende der 1930-er tatsächlich so schwach ausgeprägt waren wie in den Erinnerungen Traberts – der damals ja ein Kind war.

Wenn das der Fall ist, wäre das ein interessanter Unterschied etwa zu Sudetendeutschen oder Südtirolern – wobei die Sympathien der letzteren in nicht geringem Ausmaß auch Reaktion auf die brutale Italianisierungspolitik der Faschisten waren.

Auch Statistiken über die Erwerbsarbeit der ungarischen Donauschwaben wären eine interessante Ergänzung, die es erleichtern würden, die Informationen im Buch einzuordnen.

Wünschenswert wäre auch ein Exkurs zur Entwicklung der Donauschwaben gewesen, die nach 1945 in Ungarn geblieben sind.

Das wäre etwa als Anhang mit wenigen Seiten durchaus möglich und würde die persönliche Struktur des Buchs nicht beeinträchtigen.

Diesen kleinen Mängeln zum Trotz ist „Die Zweite Heimat“ ein lesenswertes Stück Zeit- und Sozialgeschichte aus einem Bereich, der hierzulande weitgehend in Vergessenheit geraten ist.

JOSEF TRABERT: Die zweite Heimat. Eine Familienchronik aus Südungarn. danube books Verlag, Ulm 2016.
Hardcover, Bogenoffset-Druck. 96 Seiten mit zahlreichen, teils farbigen Abbildungen.
ISBN 978-3-946046-03-5.
16,00 EUR gebundener Ladenpreis (D)

Titelbild: (c) danube books