Eine Ausstellung* junger bosnischer Künstlerinnen und Künstler im Ost-Klub bringt die bosnische Community in Wien zusammen. Und zeigt einmal mehr, wie wenig verheilt die Wunden des Bürgerkriegs sind.

Die MitarbeiterInnen der Garderobe schwitzen. Die Schlange reicht bis kurz vor die Kassa am oberen Ende der Eingangsstiege. Freie Plätze für Mäntel sind kaum auszumachen.

Zweiundzwanzig Uhr, die „One Night Exhibition“ des Vereins .ditiramb ist vor vier Stunden eröffnet worden.

Mag sein, dass viele der Besucher hauptsächlich der Konzerte wegen gekommen sind, die ebenfalls zum Konzept von .ditiramb gehören. „Zoster“ spielen heute, und „Dubioza Kolektiv„. Die Bands ziehen die Balkan-Community Wiens an.

Viele kommen früher, sehen sich die Bilder und Installationen an, die junge bosnische Künstlerinnen und Künstler für diese eine Nacht nach Wien gebracht haben. Garniert von Perfomances und Filmvorführungen. Eine umfassende Leistungsschau junger bosnischer Gegenwartskunst.

Heute ist auch Dragan Bosnier

Für diesen Abend sind die meist jungen Besucher Bosnier. Auch Dragan, der mit seiner Frau vor einer Foto-Installation steht. Er ist erst seit kurzem in Wien, arbeitet und lernt schnell Deutsch. Einer von vielen, die der Armut daheim entkommen wollen.

Sonst ist er einer, der die Frage nach seiner Herkunft mit den Worten umschifft: „Ich komme aus Bosnien“. Und wenn man nachfragt: „Ich bin Serbe“, hat er bei unserem ersten zufälligen Treffen im Pub Maršal erzählt. Er ist stolz darauf. Aber kein Nationalist, wie er betont.

Heute abend ist er stolzer Bosnier. Stolz über die Künstlerinnen und Künstler daheim: „Das sind tolle Arbeiten. Sehr schön“.

Bosnier, so bezeichnen sich im bosnischen Sprachgebrauch hauptsächlich muslimische Bosnier, die Bosnjaken, und Angehörige kleinerer Minderheiten. Katholische und orthodoxe Bosnier kommen in ihrer Eigensicht meist nur aus Bosnien.

Man könnte meinen, es sei ein Land ohne Bürger, so viele Kroaten und Serben gibt es nach eigener Darstellung. Dass sprachliche Grenzen praktisch inexistent sind, spielt keine Rolle. Wie überall am Balkan definiert die Religion die ethnische Zugehörigkeit. Nur heute nicht. Heute sind alle Bosnier.

Drina

Multiethnizität a la bosnienne heute: Dreisprachige Warnhinweise auch, wenn die Botschaften buchstabenident sind.

Auch die Bewältigung des Bürgerkriegs mit seinen Massakern findet seine Grenzen an dem, was als Ethnie gilt. „Wir haben ein nationales Trauma“, erzählt Azra, eine junge Bosnierin bei einer Podiumsdiskussion, in der die Möglichkeit oder Unmöglichkeit eines Landes ohne innere Grenzen diskutiert wird.

„Wir alle haben dieses Trauma. Aber wenn wir es aufarbeiten wollen, geht das nur innerhalb der ethnischen Grenzen. Wieso gibt es keine supra-ethnischen Organisationen, die das übernehmen können? Wo bleiben die NGOs, die uns helfen könnten? Warum werden die immer wieder von den Entitäts-Behörden verhindert“, fragt sie das Podium.

„Wir können diese Frage nicht beantworten“, heißt es von unten. Man merkt, wie unangenehm das den Diskutanten am Podium ist.

„Es gibt sehr viele unsichtbare Mauern bei uns“, erklärt mir ein Student aus Mostar. Er lebt in Sarajevo und ist für ein Semester an der Uni nach Wien gekommen. Vor allem in seiner Heimatstadt sei das spürbar.

„Ich bin dort geboren. Jetzt, wo ich nicht mehr dort wohne, ist es für mich kein Problem, zwischen dem bosnjakischen und dem kroatischen Stadtteil hin- und herzugehen. Ich wette aber, dass 90 Prozent der Mostarer seit dem Krieg noch nie einen Fuß in das Gebiet der anderen Bevölkerungsgruppe gesetzt haben“.

Weit hätten sie es nicht. Die Brücke über die Neretva, eine der berühmtesten der Welt, ist wieder aufgebaut worden. Im Osten leben die Bosnjaken. Im Westen die Kroaten. Überquert wird sie hauptsächlich von Touristen.

Die Brücke war es auch, die der Stadt ihren Namen gegeben hat. „Most“ heißt in praktisch allen slawischen Sprachen „Brücke“.

Fotografin Majda Turkić hat die Metapher der Mauern aufgegriffen. Bei einem Studienaufenthalt in Israel hat sie eine Foto-Kollage mit der Mauer erstellt, die die Palästinensergebiete von den israelischen Gebieten abschneidet.

Die Mauer tut auch denen auf der sicheren Seite weh

„Diese Isolation, das steht auch für mein Heimatland“, schildert sie. „Mit dieser sichtbaren Mauer will ich die Situation in Bosnien sichtbar machen, wo die Mauern in unseren Köpfen sind und Bosnjaken, Serben und Kroaten voneinander trennen“.

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Foto: Shurvan Checkpoint, (c) Majda Turkić

Es sind Bilder bedrückender Normalität, die die Installation zeigt. Eine Art Modeschau, immer mit der Mauer im Hintergrund. Ein Auto an einer Tankstelle. Dahinter die Mauer. Dort hört die Welt auf. Eine offene Kritik an der Mauer und doch nicht anti-israelisch.

Die Mauer, die Turkić zeigt, tut auch denen weh, die auf der vermeintlich sicheren Seite leben. Sie isoliert. Genau wie in Bosnien.

Ein anderer Künstler deutet Wende und Bürgerkrieg auf seine Weise. In einer kurzen dreiteiligen Videoinstallation zeigt er den Weg eines Mannes von einer Garten-Eden-ähnlichen Umgebung zum Traum vom Geld in eine Steinwüste, wo er Opfer eines Raubmordes wird. Der zerplatzte Traum vom Reichtum in der Unabhängigkeit.

Ausstellungsleiter Michael Podgorac huscht vorbei. Er hat weniger Zeit für Gäste als ihm lieb ist. Bei acht Videopräsentationen, einigen Performances und Konzerten ist ständig etwas zu koordinieren.

Die Arbeit geht weiter

Gearbeitet wird, als die Ausstellung schon längst eröffnet ist. „Sechs Monate lang haben wir die Ausstellung vorbereitet“, erzählt er. „Die One Night Exhibitions sind ein Konzept, das wir schon länger machen. Aber bisher immer nur in Hallen. Das ist das erste Mal in einem Klub, das bringt eigene Herausforderungen“.

Spricht’s und ist umringt von mehreren Mitarbeiterinnen und Mitarbeitern, die etwas mit ihm besprechen wollen.

In den Morgenstunden wird die Ausstellung verschwunden sein. Und mit ihr das Gefühl der Besucher, aus dem gleichen Land zu stammen, unabhängig von ihrer ethnischen Zugehörigkeit. Vielleicht entdecken sie bei der nächsten Ausstellung oder beim nächsten Konzert wieder gemeinsame Wurzeln.

Reportage: Max Bitter

Titelfoto: (c) Balkanblogger
Von der Autorin gibt es neben anderen lesenswerten Beiträgen eine hervorragende Reportage aus Mostar.

*Diese Reportage entstand im Jahr 2009. Seitdem haben der Ostklub und das Pub Maršal geschlossen.