Bei einem weiteren Spaziergang gehe ich die Ottakringer Seite der Ottakringer Straße entlang. Ich stoße auf ein serbisch-nationalistisches Wespennest. Wenig später bedroht mich ein serbischer Nationalist. Ich würde mit meinem Leben spielen.
Vielleicht ergibt sich noch was für einen zweiten Teil meiner Fotoreportage vom Freitag, denke ich mir. Vielleicht sind die Ex-Jugo Sticker und Graffiti auf der Ottakringer Seite der Ottakringer Straße anders als auf der Hernalser Seite. Vielleicht seh ich ein bisschen etwas erfreulicheres.
Erfreulicher wird’s nicht. Ein wenig abwechslungsreicher vielleicht. Die Delije von Crvena Zvezda haben einen aufwändigeren und farbenprächtigen Sticker auf einem Lampenmast.

Der Slogan stammt von einem der Fansongs.
Von den Delije hatte ich auf meinen vergangenen Spaziergängen fast nichts gesehen. Da macht’s ein wenig interessanter.
Ein paar Blocks Richtung Gürtel weiter wird’s unhübsch.

An der Ecke Ottakringer Straße – Brestelgasse haben sich Delije und Brigada Beč breitgemacht. Interessanterweise mit Spurenelementen der Grobari.


Die Brigada Beč will eine Straße dominieren
Brigada Beč ist eine besonders unangenehme nationalistische Truppe. Das antifaschistische Recherchenetzwerk in Wien beschreibt sie als „Zusammenschluss rechtsextremer Jugendlicher und junger Erwachsener“.
Der harte Kern besteht offenbar aus nur zehn Aktivisten. Die betrachten die Brestelgasse als ihr Territorium.





Hier ist das erste Graffito von Ratko Mladić, das ich in Wien sehe.
Die tri prsta sind der serbisch-nationalistische Gruß mit drei gespreizten Fingern. Sie sind das Markenzeichen der Brigada Beč.

Eine Gruppe von Aktivisten der Ottakringer Antifa hält dagegen, was sie kann. Das wird vor allem in einem Hausdurchgang sichtbar. Hier übersprühen einander Antifa und Brigada Beč nach Kräften.



Hübsches und Unhübsches aus Jugo-Wien
Weiter runter die Ottakringer Straße machen die Grobari auf sich aufmerksam.



Auch die Meraklije hinterlassen ein Lebenszeichen. Das sind die organisierten Fans von Radnički Niš. Sie scheinen nach den Maßstäben der balkanischen Fußballfankultur eine sympathische Gruppe zu sein. Nur ein Bruchteil gilt als gewalttätig. Und die Meraklije sind bekannt für ihre Freundschaften mit anderen Fanclubs.

Hier ein Tribut an einen Ex-Jugo-Wiener, der sich offenbar besonders gut eingelebt hat.

Dazwischen verwenden die Exil Boys von Dinamo Zagreb ihre Ustaša-Wappen.


Und ethnisch-serbische Jugendliche machen deutlich, wem diese Straßenseite aus ihrer Sicht gehört. Es ist keine der schöneren Seiten der Stadt, oder der ethnisch-serbischen Migrationsgeschichte.



„Geh zu deinen jüdischen Freunden“
Ich stoße auf einen Hauseingang mit gleich zwei nationalistischen Graffiti.

In einem Schanigarten im Nebengebäude sitzen Stevan* und Dragan*, Stevan grüßt mich freundlich. Wir plaudern kurz. Wir kennen uns einige Jahre.
„Was hast du da fotografiert“, fragt mich Dragan.
„Ich mache ein Fotoreportage“. Dragan, weiß, dass ich Journalist bin.
„Warum hast du das wirklich fotografiert? Damit man die Hausnummer erkennt“
„Das hab ich dir gesagt“.
„Ich bin nicht blöd“, sagt Dragan. „Ich weiß, was du tust“.
Ich habe keine Ahnung, was er von mir will. Sollte er denken, dass ich ihn im Schanigarten fotografiert habe, ließe sich das umstandslos ausräumen.
Dragan ist ethnischer Serbe aus einem der Nachbarländer, mit denen Rumpf-Jugoslawien in den 1990-ern Krieg führte. Er musste als Kind flüchten. In Wien lebt er seit ungefähr 20 Jahren. Bei einzelnen Unterhaltungen hat er klare nationalistische Positionen und einen Hang für einschlägige Verschwörungstheorien vertreten. Den Völkermord von Srebrenica hält er für erfunden, Bosnien für eine Missgeburt, den Krieg dort für gerechtfertigt.
Die Studentenproteste in Serbien sind für Dragan eine Farbrevolution. „Geh, wegen 16 Toten so ein Aufruhr? Wer soll das denn glauben?“, hat er mich vor ein paar Monaten gefragt.
„Es ist besser, dass du gehst“, sagt Dragan.
Das denke ich auch. Die Unterhaltung ist nicht die ersprießlichste.
„Geh zu deinen jüdischen Freunden“, ruft mir Dragan nach.
Dragan verfolgt mich und bedroht mich
Ich spaziere Richtung Gürtel weiter. Ich scanne die Pfosten von Verkehrszeichen und die Hauswände nach einschlägigem Material.
An der nächsten Ecke steht unerwartet Dragan hinter mir.
„Ich weiß, dass du ein Spion bist“, sagt Dragan. „Für wen arbeitest du?“
„Was soll das? Du weißt, dass ich Journalist bin“.
Stevan hat mit Dragan aufgeschlossen. Er ist betrunken und hat keine Ahnung, was passiert. oder was er hier macht. Vermutlich würde er gerne vermitteln.
„Du spielst mit deinem Leben“, versucht Dragan offensichtlich, mich einzuschüchtern. „Ich arbeite selber für einen Geheimdienst, ich kenne mich aus“.
Dragans Bierfahne weht zu mir herauf. Er ist einen Kopf kleiner als ich und stark untersetzt. Es ist 1 Uhr Nachmittags.
Was Journalisten tun, und dass es in diesem Land Pressefreiheit gibt, scheint ihm eher unbekannt zu sein. Ebenso, was Spione tun.
„Ist es der Mossad? Wir können zusammenarbeiten. Wenn nicht, dann kann ich nichts mehr für dich tun“.
Für die Brigada Beč ist er zu alt. Dennoch scheint es ihn zu stören, dass ich serbisch-nationalistische Graffiti in Wien dokumentiere. Oder vielleicht, dass ich für Fotoreportagen irgendetwas dokumentiere.
Dragan orakelt weiter, ich solle aufpassen auch mich. Ich habe den Eindruck, er versucht, möglichst bedrohlich auszusehen.
Mit grimmigem Gesichtsausdruck dreht er sich grußlos von mir weg, und geht Richtung Gürtel.
„Willst du was trinken“, fragt Stevan. Er weiß immer noch nicht, worum es ging.
„Nein, danke dir“, sage ich. Die Lust ist mir vorerst vergangen. Es besteht außerdem die Möglichkeit, dass Dragan zurückkommt. Ich möchte ihm in nächster Zeit nicht über den Weg laufen. Und nicht ausprobieren, was er im Lokal aufführen würde, um mich rauswerfen zu lassen.
*Namen geändert
Diese Reportage ist in Übersetzung auch auf Lupiga.com erschienen.
Hier geht’s zum ersten Teil der Fotoreportage (Un)Jugoslawische Spaziergänge.
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